daß die Seele nicht mehr im Fegefeuer wäre - Und so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur Exaltation über den Werth eines Priesters , daß dieser uns geradezu Gott gleichzukommen schien . Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte über ein Nonnenkloster , wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon hätten sie ' s gefunden , sagte er , und hätten ' s in die Kirche an den Hochaltar getragen , geputzt und lieblich angesungen und allerlei Spaß mit ihm gehabt - oder von einem Mönche , der in einem Büchschen den Staub sammelte , der sich am Hochaltar auf den Marienbildern anlegte , und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches . Was aber auch Pater Sylvester uns in Mußestunden und beim Spazierengehen mit ernster Miene an solcher Narretheidung zuflüsterte - man schickte ihn endlich in ein Versorgungshaus - nichts kam dem gleich , was wir in unserm düstern Gebäude mit seinen langen Gängen , finstern Zellen , durchräucherten Winkeln und gefängnißartigen , vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten . Ein anderer Benedictiner , Pater Fulgentius , war ein Mann von großen Kenntnissen und strenger Disciplin . Cholerischen , oft aber auch wieder tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermuth über die ganze Erdenschöpfung ergriffen , flammte er bald in Ausbrüchen der Leidenschaft auf , bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer Ruhe , die er nicht finden konnte . Er brachte es dahin , daß Pater Sylvester endlich entfernt wurde . Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er , ließ züchtigen und verbreitete Furcht und Schrecken . Dieser Gesinnung wegen hatte man ihn zum Rector ernannt . Erst schloß er sich ein , um diese Würde abzulehnen - zwei Tage lang ! Als er endlich , von Hunger und Durst getrieben , nachgeben mußte und öffnete und die Würde annahm , war er eine Zeit lang die Milde selbst ; bald aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende Strenge , die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte . Endlich verbreitete sich das Gerücht , daß es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer wäre . Nachts hörten wir Kleinern zuweilen ein plötzliches Laufen auf den Corridoren , ein Schellen wie nach Hülfe - am folgenden Morgen erfuhr man , der Rector wäre krank gewesen . Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder , düster und verfallen , mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so , als läge das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern . Diese nächtlichen Begebenheiten wiederholten sich , ja am Tage kamen sie schon vor und allmählich verlautete die grauenhafte Kunde , daß der Rector , gefoltert von Seelenleiden , unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist , eben noch die gleichgültigsten Dinge reden , dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche machen , sich zu entleiben . In der ersten Nacht hatten ihn einige Schüler der ersten Klasse gerettet , die um Mitternacht in den Chor mußten , um zu singen . Sie klopften , um den Rector , der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes auferlegte , abzurufen , traten , da niemand sein Zimmer verschließen darf , selbst ein Lehrer nicht , ein und hatten den Anblick eines Erhängten . Die rasche Entschlossenheit eines der stärksten Alumnen schnitt ihn los und allmählich kam er zu sich . Man verschwieg den Vorfall , mußte ihn verschweigen ; aber er wiederholte sich . Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren ; die Verbindung mit der Außenwelt war so lose , so locker , die Intervalle der Selbstzerstörungsanfälle wurden zuweilen länger ; man bewachte den Unglücklichen , nahm ihm weg , was ihm die Ausführung seines Gelüstens erleichtern konnte - und so wurden diese Dinge vertuscht . Als jedoch immer und immer die Scenen wiederkehrten , beriefen die Professoren , die größtentheils durch Pater Fulgentius berufen und angestellt waren , einen Mann , den wir , als wir davon erfuhren , nicht anders als für einen Exorcisten halten konnten . Denn es stand uns fest , daß eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der Vorsehung offenbarte . Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels . Ihn dem Himmel zu erhalten schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese berühmten Mönche , einem Laienbruder der Franciscaner , der aus ferner Gegend angemeldet wurde . Ein Bruder Hubertus erschien . Eine hagere , fast skeletartige Gestalt , mit einem Kopfe , der schon dem Beinhause anzugehören schien . Angekommen , verneigte er sich freundlich nach rechts und links und begrüßte den Rector scheinbar nur im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen Commission in Sachen eines Processes ; denn auch ein Advocat begleitete ihn . Pater Fulgentius wußte nichts von dem Vorhaben seiner Freunde , die eine Heilung durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe für möglich hielten . Auch ich erfuhr erst viel später den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgänge . Auf meinen künstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frühern Mitschüler , einem inzwischen angestellten Pfarrer , der damals den obern Klassen angehört hatte , die den Rector bewachten . Man denke sich Vorlesungen über den Glauben und die Liebe , die unter solchen Umständen gehalten wurden ! Jener berühmte Rechtslehrer , der in Berlin auf die vernünftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich einbildete , Kaiser Justinian zu sein , hat mich oft an diese Collegien in unserm Convict erinnert . Von diesem alten Mitschüler erfuhr ich erst , daß Bruder Hubertus , der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fußwanderung einige Tage länger unter uns verblieb , eines Tages den Befehl gab , die Werkzeuge der Selbstzerstörung in des Paters Nähe - nicht wegzunehmen . Es geschah dies ... « Lucinde hörte die zwölfte Stunde schlagen ... Sie legte die Blätter zusammen