alles will gelernt sein ! « Er hatte schon mehrere Stücke teils halb , teils ganz vorgearbeitet ; nachdem die Stange mit der weißen Grundfarbe versehen , welche für beide Landesfarben dieselbe war , wurde sie durch die andere Farbe mit einer Spirallinie umwunden . Der Alte legte eine grundierte Stange am einen Ende in die Schießscharte , hielt sie mit der linken Hand waagerecht , und indem er , den Pinsel eintauchend , Heinrich aufmerksam machte , wie dieser nicht zu voll noch zu leer sein dürfe , damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstände , begann er , die Stange langsam drehend , von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen , womöglichst ohne zu zittern oder eine Stelle nachholen zu müssen . Er zitterte aber doch , auch geriet ihm der weiße Zwischenraum nicht gleichmäßig , so daß er das mißlungene Werk wegwarf und rief » Item ! auf diese Weise mein ich ' s ! Eure Sache ist es nun , das Zeug besser zu machen , denn wofür seid Ihr jung ? « Heinrich legte nun auch eine Stange in die Schießscharte und versuchte sich in dieser seltsamen Arbeit , und bald ging es ganz ordentlich vonstatten , während der Alte vorn im Laden hauste und zwei oder drei Nähtermädchen , die sich eingefunden hatten , rüstig Zeug zuschnitt , damit sie es in zwei Farben zusammennäheten . Draußen war es anhaltend das lieblichste Sommerwetter , der Sonnenschein lag auf der Stadt und dem ganzen Lande , und die Leute trieben sich lebhafter als sonst im Freien herum , teils im Verkehre für die zu treffenden Vorbereitungen , teils im Vorgenuß der kommenden Festtage , welche dies dem Genusse nachhangende Volk recht auszubeuten gedachte . Der Laden des Alten war angefüllt mit Leuten , welche Fahnen bestellten und holten , nähenden Mädchen , Tischlern , die Stangen brachten , und er selbst regierte , lärmte und hantierte dazwischen herum , nahm Geld ein und zählte Fahnen , und ab und zu ging er einmal in Heinrichs Verlies hinein , wo dieser mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze stand , seinen weißen Stab drehete und die sorgfältige reinliche Spirale zog . Der Alte klopfte ihm dann sachte auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr » So recht , mein Söhnchen ! dies ist die wahre Lebenslinie ; wenn du die recht akkurat und rasch ziehen lernst , so hast du vieles gelernt ! « Und wirklich fand Heinrich in dieser einfachen und verachteten Arbeit allmählich einen solchen Reiz , daß ihn , die langen Sommertage , in diesem Loch zugebracht , gleich Stunden vorübergingen . Er hatte sich bald eine große Geschicklichkeit erworben , welche trotz ihrer Geringfügigkeit recht bedeutsam war ; denn nicht nur galt es , die ewige Linie ohne Anstoß und Aufenthalt , ohne Abschweifung und Ungleichheit fortzuführen , sondern sie auch so zu beschleunigen , daß es überhaupt der Mühe lohnte und den Anforderungen genügt wurde , ohne daß durch die Eile die Arbeit schlechter wurde und die Linie sich verwirrte . Unablässig zog er dieselbe , gleichmäßig , rasch und doch vorsichtig , ohne zuletzt einen Klecks zu machen , einen Stab ausschließen zu müssen oder einen Augenblick zu verlieren durch Unschlüssigkeit oder Träumereien , und während sich so die umwundenen Stäbe unaufhörlich anhäuften und weggingen , während ebenso unaufhörlich neue ankamen , um welche alle sich dasselbe endlose Band hinzog , wußte er doch jeden Augenblick , was er geleistet , und jeder Stab hatte seinen bestimmten Wert . Er brachte es in den ersten Tagen so weit , daß ihm der ganz verdutzte Alte am Abend jedesmal nicht weniger als zwei Kronentaler auszahlen mußte . Erst sperrte er sich dagegen und schrie , er hätte sich verrechnet ; als aber Heinrich mit einer ihm ganz neuen Beharrlichkeit erklärte , so ginge es nicht , und ihm nachwies , daß er froh sein müsse , soviel liefern zu können , indem ihn Heinrichs erworbene Fertigkeit nichts anginge , gab sich , der Alte mit einer gewissen Achtung und forderte ihn auf , nur so fortzufahren , denn die Sache sei bestens im Gange . Wirklich hatte er auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen großen Teil der Stadt mit seinen Freudenpanieren . Heinrich drehte unverdrossen seinen Stab , und zwar so sicher und geläufig , daß er dabei ein ganzes Leben durchdrehte und auf der sich abwickelnden blauen Linie eine Welt durchwanderte , bald traurig und verzagt , bald hoffnungsvoll , bald heiter und ausgelassen , die schnurrigsten Abenteuer erlebend . Am Abend , nachdem er in einer entlegenen Schenke ein spärliches Abendbrot gegessen , seinen Erwerb geizig zusammenhaltend , kehrte er müde und zufrieden in seine Wohnung zurück und konnte kaum den Tag erwarten , wo er in aller Frühe wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte . So kam endlich der Tag heran , an welchem die künftige Königin ihren Einzug hielt . Schon am frühen Morgen fingen die Straßen an , das allerbunteste Gewand anzuziehen , und die Bevölkerung wogte hin und her , der besitzende , angesessene oder abhängige Teil noch mit den Anstalten beschäftigt , der müßige und unabhängige Teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergnügend . Werkleute hämmerten und kletterten an Gerüsten und Ehrenbogen umher , Gärtner und Bauern führten ganze Lasten grünen Zeuges herbei , indessen die Behörden und Zünfte auf den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen und - gehen den ganzen Tag hielten . Die dicke gespreizte Magistratsperson , die nicht wußte , wo ihr der Kopf stand vor aufgeblähtem Eifer , Wohldienerei und Wichtigtuerei , rannte die arme Witwe über den Haufen , die noch in der letzten Stunde ein Kränzchen oder Fähnchen herbeiholte , und der reiche Hofschuhmacher stieß mit der ungeheuren Schilderei , welche er an seinem Laden aufrichtete , der über ihm wohnenden alten Jungfer den verblühten Myrtenstock herunter , welchen die Geizige statt allen Aufwandes vor