Gutes und viel Schlimmes in seiner Jugend gehört hatte , viel Wüstes und Verworrenes .. Heinrich Rodewald galt als verschollen . Er hatte eine Partie gemacht , von der Siegbert ungefähr so viel wußte , daß sie seinen Verhältnissen nicht entsprechend gewesen war .. Dann wußte er noch , daß er nach Frankreich gegangen war - mehr hatte man von ihm nie erfahren .. Heinrich Rodewald ! Der Name stand jetzt fast auf allen diesen Blättern . Er mußte sie fallen lassen , sie mit Gewalt von sich thun , um nicht der Verführung zu erliegen , sie im Zusammenhang zu lesen . Als er sich von dem Tische , der ihn magisch anzog , fast mit Gewalt getrennt hatte , fühlte er , wie mächtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt . Heinrich Rodewald ! sagte er sich . Mein Oheim ! Der verschollene Bruder meiner Mutter , den sie so liebte , der so schön und so leichtsinnig , so geistreich und so unglücklich gewesen sein soll ! Wenn ich hier etwas von ihm erführe ! Wenn ich meiner Mutter die Freude bereiten könnte , sie auf eine Spur des verlorenen Bruders zu führen , eines Menschen , dem Alle die glänzendste Zukunft prophezeiten und der unter schöner Frauen Gunst , unter Frauenanbetung und gerade durch die Frauen zu Grunde gegangen sein soll ! So nur zerstreut war Alles , was er von Heinrich Rodewald wußte .. Noch fiel ihm ein , daß er ganz klein war , als sein Vater einmal gesagt hatte , als von des Onkels Wanderungen die Rede war : Nach Amerika sollte Rodewald ziehen ! Da mag er Wälder roden ! Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingeprägt und doch war es aus so früher Zeit , daß Dankmar nichts davon wußte ; denn es war im Hause hergebracht , von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu betrachten . Man sprach von Kriegsdiensten , die er in Spanien genommen hätte oder von der französischen Fremdenlegion in Algerien . Es war nicht ganz Neugier , was Siegbert reizte , es war der erwachte Familiensinn , das wirkliche Interesse für einen Mann , dem er so nahe verwandt war . Wie bebte er aber zurück , als er , noch einmal die Papiere ergreifend und sie durchblätternd , auf einer Seite den Namen Thaldüren und nicht weit davon auch das Wort Wildungen entdeckte ! .. Wieder ließ er die Papiere fallen , aber jetzt in der bestimmten Absicht , sie zu lesen . Warum sollt ' ich nicht ? sagte er zu sich selbst . Der wunderbarste Zufall fordert mich ja auf , in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen . Bin ich nicht sogar gebunden , wenn ich von einem Menschen höre , dessen Schicksal uns bekümmert , die , die von ihm wissen , auszuforschen , gleichviel ob sie offen von ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche ? Wissen ist noch nicht ausplaudern . Wenn ich schweigen kann , wenn ich Das , was ich hier erfahre , tief in mein Innerstes verschließe und die Gelegenheit ehre , die mich zum Mitwisser fremder Tugend oder fremder Schuld machte , handle ich da gegen meine bessere Überzeugung ? Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken , weil eine Mauer zu übersteigen wäre , die nicht mein ist , während ich vor Durst verschmachte ? Ich lese diese Papiere . Wer kann mich hindern ? Wer sagt mir , daß ich sie nicht lesen darf ? Damit ergriff er einen Stuhl , rückte ihn an den Tisch , den Tisch dem Fenster zu , legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff , mit dem ersten Bogen zu beginnen , als es stark und kräftig draußen an der vorderen Thür pochte . Diese Störung war unwillkommen . Er hatte vergessen zuzuschließen oder sich verläugnen zu lassen . Es klopfte noch einmal und während er rasch die Papiere , die ungeordnet neben ihm lagen , bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte , zudrückte und das Bild bei Seite legte , war schon Jemand in das vordere Zimmer , in die sogenannte » Akademie « , eingetreten . Der Besucher war ein untersetzter Mann , wol schon ein Sechziger , aber fest , gedrungen und für sein Alter kerngesund . Er hatte eine Mütze auf , die er beim Eintreten abnahm und einen Kopf von harten , strengen Zügen sehen ließ . Die Stirn trat etwas hervor , die Nase war nicht fein geformt ; sie war kurz und von starken Öffnungen , das Auge lag tief in grauüberbuschten Höhlen ... Das graue Haar mußte einst dunkel gewesen sein ; noch war es ungemein stark und ging bis tief über die Stirn herab . Der Mund war ernst , ohne das geringste Zeichen von Sarkasmus oder Satire , aber auch ohne Zeichen irgend eines üblen Willens . Recht düster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart . Die Kleidung schlicht , aber sauber . Die Kamaschen an den Füßen gaben dem Fremden sogar ein gewähltes Aussehen , wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe über den Fingern nicht paßten . Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen . Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte , wo er den Fremden empfing , sagte dieser , daß er schon einmal dagewesen wäre , um einen der Herren Brüder Wildungen zu sprechen . Als ihm Siegbert entgegnete , daß er der Ältere dieses Namens und Maler wäre , nannte auch der Fremde seinen Namen . Ich heiße schlechtweg Rudhard ! sagte er . Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das , was er von diesem Besuche würde zu vernehmen haben . Auch diesen Namen hatte er noch nie gehört . Ich muß es für ein großes Glück halten , begann Rudhard , daß ich in einer Angelegenheit , die ich schon längst zu einem