aus seinen geschwollenen Stirnadern , aus den Augen , die zuweilen hervorquollen , und aus den Griffen , die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat , auf das , was in ihm vorging , haben schließen können . Während ein ungeheurer Verdruß und Schreck unten sich so heimlich hielt , hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind seine Entschlüsse reif gedacht . Lisbeth war in schweren Körperschmerzen den ganzen Vormittag über auf ihrem Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit , als ihr alter Gastfreund seine trostlose Entdeckung machte , erhoben und angekleidet . Sie war so ernst , bleich und still , wie am Abend zuvor , da ihre Tränen versiegten . Aber diese hatten den Augen des Mädchens nicht geschadet ; sie leuchteten von einem fast überirdischen Glanze . Der hohe Berg , auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen gemeint hatte , war unter ihr eingesunken , und die roten Wolken hatten sich verzogen , aber dennoch kam es ihr vor , als schritte sie ebenso hoch und noch höher einher , und es war ihr , als trügen Lüfte ohne Wolken , ätherreine und ätherklare ihre Füße . Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im Ton : » Ein Findling ist Gottes Kind . Und wen Vater und Mutter in der Irre stehengelassen haben , den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause führen . « - Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt . Zu ihren sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zurückkehren . Denn als sie , von Leiden , wie von zuckenden Blitzen durchwühlt , während der Nacht auch einen Blick auf ihre Vergangenheit warf , so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher erbarmungslos unterrichtet , in welchen jämmerlichen und lachensdürren Umgebungen sie gelebt hatte . Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trümmer hinein , zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war , und sie hätte weinen mögen , wenn ihr noch eine Träne übrig gewesen wäre , als sie nun erkannte , daß ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Törin denn doch die einzigen gewesen waren , die sich ihrer angenommen hatten . In einen Augenblick des äußersten Entsetzens drängte sich eine Ewigkeit von quälenden und widerwärtigen Vorstellungen zusammen - zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft , worin freilich die Augen Oswalds erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte . - So hatte das Unglück die süße Bewußtlosigkeit , worin das Kind Jungfrau geworden war , zerstört , und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen . Sie schrieb einen Brief an den Diakonus . Zu diesem hatte sie großes Vertrauen , und den wollte sie zu ihrem Führer wählen . Nach dem Eingange , in dem sie sagte , daß eine schmerzliche Aufregung sie über ihr Geschick erleuchtet habe , lautete der Brief folgendermaßen : » Sie hätten wohl nicht gedacht , lieber Herr Prediger , als Sie gestern die Hand auf mein Haupt legten , daß Sie von mir heute so traurige Worte hören würden . Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann , wie mir eigentlich zumute ist ! Denn wenn Sie das nicht einsehen , so können Sie mir auch nicht helfen . Es ist aber gewiß recht schwer , sich deutlich zu machen mit verwirrtem Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand . Sie sind jedoch ein so guter und kluger Mann , daß Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Mädchens vernehmen können . Ach , lieber Herr Diakonus , es ist mir außerordentlich übel gegangen seit gestern . Es hatte wohl gestern den Anschein , als könne ich eine Braut sein , und das will bei einem so armen und verlassenen Mädchen , wie ich bin , noch mehr sagen , als bei anderen , die wissen , woher sie stammen . Heute aber bin ich keine Braut mehr , nein gewiß nicht . Warum ich keine mehr bin , das kann ich Ihnen nicht sagen ; ich schäme mich zu sehr . Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen , wenn ich erst ruhiger geworden bin , ganz in der Stille . Ein Mädchen , welches kein Kind mehr ist , denkt wohl zuweilen an das Heiraten und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht , obgleich ich wenig Aussicht dazu hatte . Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der Liebe , so war immer das erste Gefühl , daß die Liebe die ganze Wahrheit und nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust , und eine solche Offenheit , daß man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt . Hätte ich eine Sünde begangen , wovor mich freilich Gott geschützt hat , so würde ich meinem Freunde die Sünde haben beichten müssen , ehe ich ihm noch meine Liebe gestand . Denn wenn zwei Menschen , wie es ja lautet , ein Leib und eine Seele werden sollen , so darf doch auch nicht ein Stäubchen zwischen ihnen sein von Verschweigen , Hinterhalt , Verstellung und Künstelei . Ja , noch offener soll man gegen den Liebsten sein , als gegen Gott , denn dieser sieht selbst scharf genug , aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch ebenso genau kennen , wie Gott , weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns , sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muß . Wer mir also , wenn er sagt , daß er mich liebe , dennoch einen Schein vorweben kann , von dem muß ich glauben , was sie mir wider ihn vorbringen , und möchte es auch das Allerschlimmste sein . Wer mir sagt , Herr Diakonus , er sei ein armer Förster und ist ein