Antalcidas überheben , vernommen habe , läßt mich einen nahe bevorstehenden neuen Ausbruch des allgemeinen Mißvergnügens der Städte vom zweiten und dritten Rang vermuthen , wovon die Athener ohne Zweifel Gelegenheit nehmen werden , sich der Herrschaft des Meers wieder zu bemächtigen , auf deren langen Besitz sie ein vermeintes Zwangsrecht gründen , welches ihnen von den übrigen Seestädten freiwillig niemals zugestanden werden wird . Inzwischen erheben sich im nördlichen Griechenlande , wie uns neuerlich ein reisender Byzantiner berichtet , zwei neue Mächte ; eine seit ungefähr vierzig Jahren unvermerkt heran gewachsene Republik , und ein vor kurzem noch unbedeutender Fürst ; welche , wenn man ihren raschen Fortschritten noch einige Zeit so gleichgültig wie bisher zusehen würde , beide der bisherigen Verfassung der Hellenen eine große Veränderung drohen . Du siehest daß ich von Olynthus in der Chalcidice1 und von dem Thessalischen Fürsten Jason2 rede , der , nach allem was der Byzantiner von ihm erzählt , den Unternehmungsgeist seines alten Namensverwandten in der Heldenzeit mit der Tapferkeit Achills und der Besonnenheit des erfindungsreichen Ulysses verbindet , und kein Geheimniß mehr daraus macht , daß er nichts Geringeres vorhabe , als das alte Mutterland der Hellenen wieder in sein schon so lange her verscherztes vormaliges Ansehen zu setzen , und die Macht des gesammten Griechenlands darin zusammen zu drängen , um sodann , an der Spitze aller Abkömmlinge Deukalions , das Griechische Asien auf immer vom Joche der Perser zu befreien . Meiner Meinung nach könnte euern übelberathenen , die wahre Freiheit und ihr wahres Interesse ewig verkennenden Freistaaten nichts Glücklicheres begegnen , als wenn es diesem edeln Thessalier gelänge seinen großen Gedanken auszuführen . Aergere dich nicht , lieber Eurybates , mich so philotyrannisch reden zu hören ; meine Vorliebe zur Monarchie dauert gewöhnlich nur so lange , als ich in einem demokratischen oder oligarchischen Staat lebe , und ich bin der Freiheit nie wärmer zugethan , als da wo ein Einziger alle Gewalt in Händen hat . Ein weiser und edel gesinnter Monarch weiß jedoch beides sehr gut mit einander zu vereinigen ; nur Schade , daß die weisen und guten Monarchen ein eben so seltnes Geschenk des Zufalls sind als die weisen und guten Demagogen . Ist es nicht ein niederschlagender Gedanke , daß noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug gehabt hat , das , was bisher bloß Sache des Zufalls war , zu einem Werke seiner Verfassung und seiner Gesetze zu machen ? Und wo ist das Volk , von welchem ein solches Kunstwerk ( vielleicht das größte , dessen der menschliche Verstand fähig ist ) zu erwarten wäre , da das sinnreichste und gebildetste von allen , die Griechen , in so vielen Jahrhunderten noch nicht so weit gekommen ist , sich den Unterschied zwischen Regierung und Herrschaft deutlich zu machen , und einzusehen , daß wohl regieren eine Kunst , und in der Ausübung zwar eine der schwersten , aber doch , so gut wie jede andre , zu erlernen und auf feste Grundsätze zurückzuführen ist ? Das schlimmste ist nur , daß die Kunst wohl zu regieren , wenn sie auch gefunden wäre , ohne die Kunst zu gehorchen wenig helfen könnte ; oder mit andern Worten : daß das Volk zum Gehorchen eben so wohl erzogen und gebildet werden müßte , als seine Obern zum Regieren . Der Gesetzgeber der Lacedämonier ist meines Wissens der einzige , der dieß eingesehen hat ; und daß die Verfassung , die er ihnen gab , der Natur zum Trotz länger als irgend eine andere gedauert hat , ist , denke ich , hauptsächlich der sonderbaren Erziehung beizumessen , an welche alle Bürger von Sparta durch seine Gesetze gebunden sind . Ich für meine Person werde immer und überall frei gestehen , daß mir die Wörter Herr und Herrschaft eben so herzlich zuwider sind als Knecht und Knechtschaft ; ich will regiert seyn , nicht beherrscht ; wenn ich aber doch ja einen Herrn über mich dulden muß , so sey es ein einziger Agamemnon , nicht alle Heerführer - und am allerwenigsten das ganze Heer der Achaier3 . Da jedoch die Wahl nicht immer in meiner Willkür steht , so werde ich mich , im Nothfall wenigstens bis uns Plato mit seiner Republik beschenken wird , mit meiner Philosophie zu behelfen wissen , die mich allenthalben unter leidlichen Umständen so glücklich zu seyn lehrt als ich billigerweise verlangen kann ; und leidlich sollte sie mir sogar den Schnappsack und Stecken unsers Freundes Diogenes machen , wenn der einzige Herr , den ich gutwillig über mich erkenne , die allmächtige Göttin Anangke4 jemals Belieben tragen sollte , mich auf so wenig Eigenthum herabzusetzen ; ein Fall , wovor der große König zu Persepolis am Ende nicht sicherer ist als ich . 2. Eurybates an Aristipp . Das zweideutige Mittelding von Knabe und Jüngling , aus dessen Händen du diesen Brief erhalten wirst , lieber Aristipp , trägt so deutliche Merkmale seiner Abkunft in seinem Gesichte , daß er euch hoffentlich beim ersten Anblick lebhaft genug an Droso und Eurybates erinnern wird , um ihn ohne schärfere Untersuchung für den , wofür er sich ausgibt , gelten zu lassen , und als solchen gastfreundlich aufzunehmen . Ich glaubte dir nicht besser beweisen zu können , daß Zeit und Entfernung meine dir längst bekannten Gesinnungen nicht geschwächt haben , als indem ich dir meinen Sohn Lysanias unangemeldet zuschickte , in voller Zuversicht , daß du ihn für einige Zeit unter deine Hausgenossen aufnehmen , und des Glückes unter deinen Augen zu leben würdigen werdest . Es ist nun seine eigene Sache , sich euch durch sich selbst zu empfehlen . Ihr werdet wenigstens finden , daß er euch , wie billig , nicht als ein roher Marmorblock zugefertiget worden ist . Er hat drei Jahre lang die Schule unsers berühmten Isokrates , und in dem letzt verfloss ' nen sogar die Akademie besucht ; und da sein noch grünes Alter ihm den Zutritt zu den