Person sich so steigert , daß man sein Ich einer fortwährenden Züchtigung unterwirft ? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu sein , wenn sie auch geheiligt erscheint durch Millionen , die von ihr befallen wurden . Oft kann uns schaudern vor einem Wahn , der die ganze Majestät der Gewohnheit und der Gesetze für sich hat . Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmuth . Ich bekenne von mir , daß ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem Druck einer steten Beängstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen lebte . Die Fasten , die methodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln , wie eine immerfort angeschlagene eintönige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt . Wir überboten uns , und nicht aus Eitelkeit und Liebedienerei , in der Schaustellung des Kampfes gegen Anfechtungen ; wir wollten Visionen haben , wie Antonius in der Wüste und Franz von Assisi . Einen meiner Mitschüler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern ohnmächtig in seinem Zimmer am Boden . Die Gewohnheit hatte er gehabt , in jedem Augenblick , wo er allein war , an einem Querholz , das er nach langen geheimen Mühen so über einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte , daß es sich auch ebenso wieder abnehmen ließ , ohne daß man die Anstalt bemerkte , sich anzuklammern und für sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben . In dieser Selbstmarter würde er immer weiter gegangen sein , wenn man ihn so nicht eines Tages besinnungslos gefunden hätte . Empfindung hab ' ich für alles Poetische , das einem solchen Wahn und einem darauf begründeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann ; ein Schauer überrieselt mich aber doch , wenn ich mir eine solche , damals nicht etwa bestrafte , sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer spätern Entwickelung , im weißen Gewande des Dominicaners , als Großinquisitor , als Beichtvater eines Fürsten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt und gezogen , die über das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen . O du edler Gekreuzigter , den ich so innig liebe , was geht auf deinen Namen ! ... Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin . Solche Dinge entstehen aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens ! sagte er ... Nun wohl , dann will ich einen Schleier fallen lassen , so groß wie der sternenlose , schneeverhüllende Nachthimmel des Novembers , über euch Kirchen und Kapellen und Klöster und Schulen , in denen die Priester im Geiste Hildebrand ' s erzogen werden und wirken ! ... Ich sah auch vielerlei Wahn , der nicht aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens kam . Die beleidigten Geister der Freiheit und Natur rächen sich . Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit , die Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst , daß sie keinen Ausweg mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen , mitten in ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift , die ihnen zuletzt nicht den geistigen Tod als die höchste Lebenswonne vorspiegelt , sondern sogar den physischen - Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner , in ihrer Art höchst gelehrte und an sich vortreffliche Männer . Sie gehörten Klöstern an , die man aufgehoben , Klöstern , in denen sie mit großer Bequemlichkeit gelebt hatten . Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr leicht . Es war ein Mann jovialer Natur , plauderhaft und nicht reinen Geistes . Ihm hätte des alten Römers Wort : Vor Kindern habe Scheu ! vorzugsweise gerufen werden können . Seine behäbige und immer lächelnde Art war die der unerlaubten Vertraulichkeit im Reden . Wie ein leckes Faß war er , das aus allen Ritzen quillt . Seine Lust war die , Geschichten aus seinem Kloster zu erzählen , alles durcheinander , Heiliges und Weltliches , Verbürgtes und Unverbürgtes - später hab ' ich oft solche unwürdige Greise gefunden , die ein Gefallen daran finden , gerade vor der Jugend geistig entblößt zu gehen . Was hat uns nicht dieser alte Professor , Pater Sylvester , von seinem und allen Klöstern und Pfarreien der Welt erzählt ! Nichts etwa , was gegen sie zeugen sollte , nein , das Frommste , das Andächtigste , aber gemischt mit dem Unmöglichsten und sich eben deshalb dem Spott von selbst Anheimgebenden ! Die Geschichten von einer Pfarrersköchin , die mit dem Teufel zu thun gehabt hatte , erzählte er ebenso für bestimmt , wie er die Versicherung gab , daß im Fegefeuer die Männer und Frauen getrennt sind . Dies bewies er aus der schlechtern Natur der Weiber , die durch Aussprüche der Concilien erhärtet wurde . Die Entziehung des Kelches schrieb er dem Ueberhandnehmen der Bärte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer - Kein Bienenschwarm , sagte er wie mit Schwuresbetheuerung , der in eine Kirche käme , rühre die Hostie an - Zwei Leichen hätten in einem Grabe gelegen , als man sie aber ausgrub , hätte man die eine über der andern gefunden und als man näher sich erkundigt , war die untere ohne Beichte gestorben - Dem Pfarrer gebühre eigentlich von allem der Zehnten , auch von der Ehe ; diesen könnte er aber den Neuvermählten schenken , da er jede Ehe schon vollständig allein genösse , nämlich am Altare im Sakrament ( man denke sich , wie uns reifende Knaben diese Worte aufregten ! ) - Die Kirchenglocken wären die Zungen der Lüfte , folglich müßten sie auch wie jede Zunge fasten ; das geschähe am Grünen Donnerstage - Im Beichtstuhl müßte man vorzugsweise nach den Träumen fragen ; eben in diesen läge der wahre Schlüssel zur beichtenden Seele , die oft selbst nicht wisse , was ihre wahre Sünde sei - Beim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran , wenn dem Priester das Kind Jesu in der Hostie erschiene ,