Der Kutscher , wie sich nachher ergab , betrunken , hatte den Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt , ohne den Charlottenburger Milchkarren , der leer aber langsam ihm entgegenfuhr , zu bemerken . Die Fuhrwerke waren aneinander gestoßen , freilich zum größern Schaden des Karrens , der zerbrochen am Boden lag , die Blechgefäße polterten auf die Straße , aber auch die Equipage hatte sich übergelehnt , und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen , wozu vorhin innere Angst sie drängte . Als die Baronin noch um Hülfe schrie , hatte sie , rasch entschlossen , sich schon danach umgesehen , und sie war zur Hand . Zwei einsame Spaziergänger waren von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lärm herangeeilt . Adelheid riß ihren Shawl von den Schultern , und warf ihn dem ihr Nächststehenden zu . Als er aber die Arme ausbreitete , um ihr herabzuhelfen , fuhr auch ihr ein Schrei über die Lippen , kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen , aber laut genug , daß er Zweien durchs Herz fuhr , der , welche ihn ausgestoßen , und dem , welcher ihr die Arme entgegenstreckte . Walter van Asten sah , wie Adelheid sich von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck aus ihrer gefährlichen Lage gehoben ward . Er hatte genug gesehen . Auch die Baronin durchzuckte ein Ton , der nur halb über ihre Lippen kam . Sie nahm die Hülfe des jungen Mannes dankbar an : » Ich danke Ihnen , « sagte sie , ihr Haar in Ordnung bringend , » daß gerade Sie es sind . « Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht länger verweilen : was geht uns der Lärm , das wüste Gezänk an zwischen Kutscher , Milchmann , den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern . Ein Rad war gebrochen , in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren . Ihre Retter führten die Erschreckten langsam , bis eine leere Kutsche ihnen begegnete . Adelheid wusste nachher nicht , was der Rittmeister mit ihr gesprochen , sie wusste selbst nicht , ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen , an dessen Arm sie ging . Sie wusste nichts von sich auf dem viertelstündigen Wege . Erst als man sie in den andern Wagen hob , fühlte sie einen Händedruck . Walters Stimme flüsterte fest , aber nicht rauh und kalt : » Zum Abschied , Adelheid ! Nun bist Du frei . « Die Damen hielten ein gegenseitiges Schweigen für die beste Unterhaltung auf dem Rückwege . Adelheid hatte sich fest in ihren Shawl geschlungen , obgleich es eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf , um sich nicht zu echauffiren . Das junge Mädchen musste frieren , ihre Zähne klapperten , und es waren wohl Phantasieen , wenn die Baronin oft die Worte hörte : » Nur keine Lüge mehr ! « Sechszigstes Kapitel . Die Wollust der Märtyrer . Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen . Es war noch etwas Anderes vorangegangen - im Souterrain des Hauses . Wer die liebenswürdige Wirthin sah , wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen entgegeneilte , und über das unerwartete Erscheinen von Dem und Jenem fast kindlich erfreut schien , konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen zweifeln . » Wenn sie es auch nicht so meint , ist es doch angenehm , daß sie es so zeigt ! « Aber er konnte nicht ahnen , wie diese Augen , aus denen Wohlwollen und Güte blitzten , vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel , ich sage nicht lächelnd geblickt , aber theilnahmslos stier . Auch das passte nicht , vielleicht mit der Wollust eines gesättigten Raubthiers , das seines Opfers Blut fließen sieht . Der Kutscher hatte es allerdings verdient . Mit einer milderen Züchtigung wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen , rief sein Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor , welche der Haushofmeister ihm diktirt . Auf Ordnung muß ein Herr und eine Herrin im Hause halten . Es war die Ordnung , daß der dienstvergessene Leibeigene von zweien andern eine Lektion empfing , deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft unserer Nerven übersteigt . Auch daß die Herrin zugegen war , um nach Handhabung der Ordnung zu sehen , verstieß nicht absolut gegen die Sitte . Nur daß sie , mit verschränkten Armen an der Kellerthür stehend , so lange zusehen konnte , ohne mit den Augenwimpern zu zucken , ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu rufen , daß um ihre Lippen ein eigenthümliches Lächeln schweben konnte , während ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich röthete , das musste einen besonderen Grund haben . Es hatte auch einen . In Gedanken versunken , in Phantasieen , die sie interessiren mussten , schien sie eigentlich , was geschah , vergessen zu haben . Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen , der einen Augenblick inne hielt , in der Meinung , es sei genug . Ein Sklave darf keine Meinung haben ; als sie nicht gewinkt , fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit fort . Die Herrin hatte es zu verantworten ; er und der Kalmück waren nur die Werkzeuge , vielleicht die willigen . Der Zoll von Herrendienst , den sie dem Kutscher abentrichteten , war gewiß nur eine Vergeltung für viele ähnliche , die Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet . Es hätte schlimmer werden können , wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert : » Madame la princesse , je crains que les cris de la bête ne pénètrent pas les oreilles de Mademoiselle Alltag . Elle fait sa toilette tout près de l ' escalier . « Da war die Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden . Etwas unangenehm , schien es . Die Alltag durfte nichts hören