mehr sehe , mag ich keine Frucht . Er entschloß sich , nur noch ... » unglücklich zu lieben « . Nachdem er sich für sein langes Fasten durch mäßige Kost entschädigt hatte , ging er , ruhig und mit gesenktem Haupte schlendernd , erst in die Wallstraße , um Armand ' s Auftrag beim Tischler Märtens und gelegentlich auch für Franziska Heunisch auszurichten , dann ging er nach Haus und zählte sogleich das Geld für Hackert zurecht , über den plötzlich so Günstiges zu vernehmen ihm innigst wohlthat . Die Wirthin wußte ihm nichts zu melden , als daß der Fuhrmann aus dem Pelikan mit seinem lahmen Hunde dagewesen wäre , auch ein anderer ihr ganz fremder Herr von finsterem , strengem Aussehen , der seinen Namen nicht genannt , aber versprochen hätte , wiederzukommen .. Fast antheillos warf er sich , halb entkleidet , auf das Canapé , das in Dankmar ' s Zimmer , in ihrer sogenannten Aula , stand . Eine Weile that diese Ruhe , dieses Brüten , ihm wohl . Er schlug die hundert Thaler ein , die Hackert heute Abend in einer Wohnung zurückempfangen sollte , die ihm aus Leidenfrost ' s Äußerungen über die berüchtigte Auguste Ludmer , früher Malermodell , sehr unheimlich vorgekommen sein würde , wenn er nicht auch einer dort hausenden Proletarierfamilie in wohlthuender Weise erwähnt hätte . Aber so interessant es ihm war , diese neuen Anregungen , besonders über Hackert , zu dem er längst wieder Vertrauen gefaßt hatte , seitdem er an Lasally das Pferd richtig zurückgestellt gefunden , empfangen zu haben , diese Gedankenreihe konnte ihn von seinem Kummer nicht loslösen . Er suchte nach andern Gegenständen , um aus dem tiefen Unmuth , der ihn umschattete , wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen . Er fiel so auf das Bild , dies vielbesprochene Bild ! ... Dankmar hatte ihm ja aufgetragen , es sorgsamer zu verwahren . Wie er an dem alten Rahmen des blassen Pastellgemäldes mit den Fingern streifte und den alten Staub auf der abgesprungenen Vergoldung tilgte , dann hinten den neuangefügten Boden befühlte , der etwas einer bedeutenden Familie so Wichtiges verbergen sollte , begriff er kaum , wer es gewesen sein könne , der mit einem Andern auf so gefährliche Weise hätte sich verständigen wollen . Durch ein Bild ! Er glaubte kaum daran , daß das Bild in seinem Rücken Papiere enthielt ... Es war weniger Neugier , als die zufällige Absicht , sich irgendwie zu zerstreuen , daß er anfing , einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuspüren . Der wahre Besitzer , dachte er , wird sich leicht helfen ; er weiß entweder das Geheimniß oder er zertrümmert den Rahmen . Das Letztere durfte er nicht und ein Geheimniß war nicht zu entdecken ... Er gab seine Neugier auf und machte den Versuch , irgend eine Beschäftigung vorzunehmen , vielleicht der Mutter zu schreiben , vielleicht etwas zu zeichnen . In den Zurüstungen dazu traf es sich zufällig , daß er auf einem Tische , auf dem er neben sich das Bild gelegt hatte , einen harten Gegenstand , sein Tintenfaß , bei Seite stellen wollte , um Papier aus einer , großen Platz wegnehmenden Mappe zu wählen . Nicht achtend , zufällig , stellte er das schwere Tintenfaß auf das Glas des Bildes . Doch ein starkes Glas ! dachte er erschreckend und nahm das Bild , um mit einem flüchtigen Blick die Stärke des Glases zu würdigen . Dies führte ihn zufällig darauf , mit Kraft auf den oberen Rand des Glases zu drücken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel auf . Durch Zufall hatte er das Geheimniß der Öffnung selbst gefunden . Erstaunt über diese wunderbare Enträthselung des Bildes , zögerte er fast , dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspüren ; doch fielen darin enthaltene , zartgeschriebene kleine Briefblätter von selbst heraus . Die Versuchung , diese kleine gekritzelte , blaßgelbe Handschrift zu lesen , war Anfangs nicht groß ... Auch widerstand ihr Siegbert . Er war ein Gewissensmensch , der selbst die Geschenke des Zufalls zurückwies , wenn er annehmen konnte , daß sie einem Andern gehörten . Wer hätte Siegbert ein großes Verbrechen daraus gemacht , wenn er diese Papiere gelesen hätte ? Er wußte so gar nichts vom näheren Zusammenhang dieser Mittheilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung , die sie dem Prinzen von Hohenberg haben mußten , ja er wußte nicht einmal , von Wem sie kamen ... Darauf hin durchflog er flüchtig wenigstens die ersten Seiten .... Er fand , daß darin eine Mutter klagt , wie alle Welt sich gegen sie verschworen hätte , wie sie keinen Freund mehr auf Erden fände als Gott , und wie sie nicht wisse , wie Das , was sie einem entfernten Sohne , der seinem Stande , leider auch seiner Erziehung , seiner Bildung entsagt hätte , nach ihrem Tode in die Hände kommen sollte . Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument würde Aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch errathen werden . Wie oft wären nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden ! Und doch wäre , was sie zu sagen hätte , so wichtig , so folgenschwer - Hier brach Siegbert schon ab und ließ die Papiere wie glühende Kohlen fallen . Nach einigen Augenblicken entschloß er sich , sie wieder zusammenzulegen und das Kästchen zu verschließen . Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blättchen an einander reihte , fiel sein Auge , das nur ganz obenhin und flüchtig auf die Buchstaben sah , auf einen Namen , der ihm im höchsten Grade auffallen mußte . Dieser Name hieß : Rodewald . Rodewald war der Familienname seiner Mutter .. Er wagte noch einen Blick und glaubte sich nicht zu täuschen , wenn er annahm , daß hier von seinem Oheim gesprochen wurde , dem Bruder seiner Mutter , einem gewissen Heinrich Rodewald , von dem er viel