“ Ja , Herr Lieutenant . ” Da war es Agathe plötzlich , als habe sie das eben Gehörte alles nur geträumt . — — So leicht ging es doch nicht , sich darüber hinwegzusetzen . Jetzt mußte sie überlegen , ohne mit Rat unterstützt zu werden , ganz allein nach ihrem Ermessen , unter ihrer Verantwortung . Sie mußte mit Walter reden , es gab keinen anderen Ausweg . Wenn sie das ihrem Vater sagte , es mußte eine furchtbare Szene werden — etwas so Ehrloses würde Papa seinem Sohne nie und nie verzeihen . Zuerst ging sie zu einem Schlosser und kaufte einen Riegel mit großen Krampen . Sie konnte kaum ihr Anliegen hervorbringen , denn sie meinte , man müsse ihr im Laden ansehen , zu welchem Zweck sie den Riegel brauchen wollte . Dann hammerte sie ihn mit Wiesings Hülfe an deren Kammerthür fest , zitternd in der Furcht , Mama möchte sie dabei treffen und fragen , was das zu bedeuten habe . Wiesing hatte das Fenster in dem engen Raum seit dem Morgen noch nicht geöffnet , es war eine abscheulich dumpfe Luft darin . Schmutziges Wasser stand in der Schüssel , ausgekämmtes Haar und allerlei armseliger Plunder lag auf dem Boden herum . Und Walter — ihr peinlich sauberer , eleganter Bruder , in seiner glänzenden Uniform war hier gewesen . . . . wie war es nur möglich ? Es schüttelte sie ein Grauen , ein Ekel . Wie sollte sie Walter anreden ? Er kam ihr vor wie ein Verworfener , zu dessen Gefühlen sie keine Brücke mehr fand . Auch wenn sie Wiesing ansah , empfand sie eine heftige Abneigung gegen das Mädchen , durch welches sie ihren Bruder verloren hatte . Sie las in ihrem neuen Testament und betete um Kraft . Sie erinnerte sich , daß Pastor Kandler ihr einmal gesagt hatte : in jedem Menschen lägen die Keime zu allen Sünden verborgen . Sie wollte versuchen , ihrem Bruder in Liebe zuzureden . Sie hatte eine Empfindung , als tappte sie in die schwarze Fensternis und ergreife etwas Widerliches . So quälte sie sich den ganzen Tag hin und wünschte , Walter möge so viel Dienst haben , daß eine Unterredung mit ihm unmöglich werde . O war sie feige ! Nachmittags kam Eugenie auf eine Viertelstunde . Als sie noch dasaß und Eugenie nicht wußte , was sie mit ihr sprechen sollte , trat Walter ein . Er war geritten , das krause Haar klebte ihm feucht an der Stirn . Er sah ein wenig verdrießlich aus . Doch küßte er Eugenie . Sie ordnete mit ihren hübschen , geschickten Fingern sein Haar , sah ihm mit ihrem kühlen , spöttischen Lächeln in die Augen und fragte ? “ Ärger gehabt ? ” Und dann strich sie leicht über seine Uniform , wie einst ihre Hände beruhigend über Agathes Schläfe geglitten waren , wenn diese Zahnschmerzen hatte , in der Pension . Durch die Erinnerung kamen Agathes Gedanken auf den Kommis , der Eugenies erste Liebe gewesen , und auf das Zimmer mit den Zigarrenproben . Ach , wenn sie doch hätte fortlaufen können — weit , weit fort von allen Menschen . Eugenie nahm Abschied , Walter brachte sie hinaus . Der Vater machte seinen täglichen Spaziergang , Mama hatte ihn heute begleitet , weil sie einen Besuch damit verbinden wollten . Walter kam ins Zimmer zurück . Da war Agathe allein mit ihm , und nun mußte sie reden , es half ihr niemand . “ Was machst Du nur heute für ein Gesicht ? Eugenie fragte auch , was Dir wäre ? ” Damit begann Walter unvermutet das Gespräch . Sie nahm ihre Kraft zusammen — übrigens verstand er sie schon nach den ersten halblaut hingestammelten Worten . Aber es kam ganz anders , als sie erwartet hatte ! Er zeigte keine Spur von Scham oder Reue , wurde zornig , ging mit klirrenden Sporen im Zimmer hin und her und rief halblaut , vor Ärger heiser : “ Kümmere Dich nicht um Dinge , die Du nicht verstehst ! Hörst Du ? Hiervon verstehst Du garnichts . Keinen Schimmer ! Darum hast Du auch kein Recht , abzuurteilen . ” “ Ich verstehe , daß Du verlobt bist ! Ich finde es ehrlos . . . . ” “ Untersteh ' Dich . . . . ! ” Agathe sah die drohend erhobene Faust ihres Bruders vor ihren Augen . “ Schlag ' mich nur , ” rief sie , “ darum ist Dein Betragen doch ehrlos . O pfui — pfui — daß Du mein Bruder bist ! ” Sie brach in leidenschaftliches Weinen aus . Er hatte seine Hand sinken lassen , aber er war jetzt ganz weiß und knirschte mit den Zähnen . “ Ich verbiete Dir , Dich in meine Angelegenheiten zu mischen — hörst Du ? Du beträgst Dich nicht wie eine Dame , sondern wie ein exaltiertes Frauenzimmer . Es ist unpassend von Dir , an solche Dinge zu rühren ! Verstehst Du mich ? ” Damit riß er die Thür auf und warf sie gleich darauf krachend zu . Agathe saß eine Zeit lang still und betäubt von großem Kummer auf einem Stuhl . Später am Abend fragte sie Wiesing , ob sie nicht zu ihren Eltern gehen könne , ob sie nicht sagen wolle , ihre Mutter wäre krank und brauche sie . Aber das kleine Hausmädchen schüttelte den Kopf und antwortete mit unbegreiflicher Ergebung : “ Ach , wat meinen Frölen , mien Modder wull mi schön schelten , wenn ik — — nach Hus käme . Un ' Dorte seggt ok , dat ' s all gliek bei de Herrschaften . De jung ' Herr hat ja och woll bald Hochtied und dann kümmt he jo ok weg . ” Was konnte Agathe weiter thun ? Sie hoffte , daß ihr Bruder einen Eklat fürchten würde . Aber sie hatte jeden Maßstab