Antwort lag in seinen Augen , lag so deutlich darin , daß das junge Mädchen bis an die Stirn errötete . Der heiße , vorwurfsvolle Blick sprach auch gar zu deutlich . » Sie thun der Tante unrecht , « versetzte sie rasch , wie um ihre Verwirrung zu verbergen . » Sie muß und wird doch ihren eigenen Sohn lieben . « » O gewiß ! « Die Bitterkeit Waldemars ließ sich jetzt nicht länger bewältigen . » Ich bin überzeugt , daß sie Leo sehr liebt , trotz ihrer Strenge gegen ihn , aber weshalb sollte sie mich lieben , oder ich sie ? Ich hatte kaum die ersten Lebensjahre hinter mir , da verlor ich Vater und Mutter zugleich . Da wurde ich fortgerissen aus der Heimat , um im fremden Hause aufzuwachsen . Als ich später denken und fragen lernte , da vernahm ich , daß die Ehe meiner Eltern ein Unglück gewesen war , ein Unglück für beide , daß sie sich im bittersten Haß voneinander losgerissen hatten , und ich habe es erfahren , wie dieser Haß über Tod und Grab hinaus noch in mein Leben eingriff . Man sagte mir , die Mutter sei an allem schuld gewesen , und doch hörte ich so manche Aeußerung , so manche Andeutung über den Vater , die mich auch an ihm irre machte . Wo andre Kinder lieben und verehren dürfen , da wurden mir Argwohn und Mißtrauen eingeflößt – ich kann sie jetzt nicht wieder los werden . Der Onkel ist gut gegen mich gewesen ; er hat mich auch lieb in seiner Weise , aber er konnte mir doch auch nichts andres bieten , als das Leben , das er selbst führt . Sie werden es ja wohl zur Genüge kennen ; ich glaube , man ist bei meiner Mutter sehr genau darüber unterrichtet – und da verlangen Sie von mir , Wanda , ich soll die Poesie kennen ? « Die letzten Worte klangen wie ein grollender Vorwurf , und doch barg sich tief dahinter etwas wie eine dumpfe Klage . Wanda blickte mit großen erstaunten Augen auf ihren Begleiter , den sie heute gar nicht wiedererkannte . Es war freilich das erste Mal , daß sie in ein ernstes Gespräch mit ihm geriet , daß er seine einsilbige Zurückhaltung ihr gegenüber aufgab . Auch ihr war das eigentümlich kalte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nicht entgangen , aber sie hatte nicht geglaubt , daß dieser überhaupt eine Empfindung dafür habe ; hatte er doch bisher mit keiner Silbe darauf hingedeutet , und nun auf einmal verriet er eine fast leidenschaftliche Kränkung darüber . Dem jungen Mädchen kam erst in dieser Stunde eine Ahnung davon , wie einsam , wie grenzenlos leer und öde die Jugend Waldemars gewesen sein mußte , und wie verlassen und freundlos der junge Erbe , dessen Reichtum sie so oft hatte preisen hören . » Sie wollten ja den Sonnenuntergang sehen , « sagte Waldemar plötzlich abbrechend , in ganz verändertem Ton , indem er sich erhob und an ihre Seite trat . » Ich glaube , wir haben ihn heute in seltener Pracht . « Das Gewölk , das den Horizont umsäumte , war in der That schon von roter Glut umflossen , und die Sonne selbst sank in voller Klarheit dem Meere zu , das seltsam aufleuchtete , als es den Abschiedsgruß des scheidenden Gestirns empfing . Eine Flut von Glanz und Licht schien darüber hinzuströmen und sich weithin zu verbreiten . Dort drüben aber , wo Vineta auf dem Meeresgrund ruhte , brannten die Wellen in dunklem Purpurscheine ; in ihren Furchen glänzte es wie flüssiges Gold und Tausende von strahlenden Funken tanzten darüber hin . Es liegt doch etwas in den alten Sagen , was sie weit hinaushebt über den Aberglauben , und man kann ein Kind der neuen Zeit sein und doch voll und ganz die Märchenstunde erleben , in der das alles wieder lebendig wird . Es waren ja Menschen , welche die Sagen schufen , und ihre ewigen Rätsel , wie ihre ewigen Wahrheiten ruhen noch heute tief in der Menschenbrust . Freilich nicht jedem öffnet sich das jetzt so streng verschlossene Märchenreich , aber die beiden auf dem Buchenholm mußten wohl zu den besonders Begünstigten gehören , denn sie fühlten deutlich den Zauber , der sie leise , aber unwiderstehlich in seine Kreise zog , und keines hatte den Mut oder den Willen , sich ihm zu entreißen . Ueber ihren Häuptern rauschten die Buchenwipfel im Winde , und noch lauter rauschte das Meer zu ihren Füßen . Woge auf Woge kam an das Ufer gerollt ; die weißen Schaumkronen auf den Häuptern , bäumten sie sich einen Moment lang empor , um dann zischend am Strande zu zerschellen . Es war die alte mächtige Melodie des Meeres , jene aus Windesrauschen und Wellenbrausen gewobene Melodie , die mit ihrer urewigen Frische jedes Herz gefangen nimmt . Sie singt von träumender , sonnenbeglänzter Meeresstille , von Sturmestoben mit all seinem Schrecken und Verderben , von rastlosem , endlosem Wogen und Leben , und jede Welle bringt einen Ton davon ans Ufer , und jeder Windhauch bringt den Accord dazu . Waldemar und seine jugendliche Gefährtin mußten diese Sprache wohl verstehen , denn sie lauschten ihr in atemlosem Schweigen , und für sie klang auch noch etwas andres mit hindurch . Aus der Tiefe der Flut schwebten die Glockenklänge zu ihnen empor , und es legte sich ihnen um das Herz , wie Schmerz und Sehnsucht , und doch wieder wie die Ahnung eines unendlichen Glückes . Den purpurnen Wellen aber entstieg ein schimmerndes Luftgebild . Es schwebte auf dem Meer ; es zerstoß im Sonnengold und stand doch klar und leuchtend da , eine ganze Welt voll unermessener , nie gekannter Schätze , von ihrem Zauberglanz umwoben , die alte Wunderstadt – Vineta . Der glühende Sonnenball schien jetzt mit seinem strahlenden Rande die Flut zu berühren ; tief