? Du siehst blaß aus – natürlich , wenn man schon am frühen Morgen über den Büchern sitzt – Georg , Du bist unverbesserlich . “ Georg wehrte lachend die Hand des Freundes ab , der nach seinem Pulse greifen wollte , und zog ihn auf das Sopha . „ Laß ’ nur den Doctor bei Seite ! Ich befinde mich vortrefflich . Also eine Erbschaftsangelegenheit führt Dich her ? Sind Euch Reichthümer zugefallen ? “ „ Das gerade nicht , “ sagte Max . „ Nur ein sehr bescheidenes Vermögen , der Nachlaß eines alten Vetters , der hier in der Umgegend von R. ein kleines Gut besitzt . Ich habe ihn gekannt . Er war mit meinem Vater wegen dessen politischer Vergangenheit vollständig zerfallen . Jetzt ist er ohne Testament und ohne directe Erben gestorben , und Papa erhielt , als der nächste lebende Verwandte , vom hiesigen Gericht die Aufforderung , seine Rechte geltend zu machen . Er persönlich kann das nun freilich nicht ; Du weißt ja , daß er sein Vaterland nicht betreten darf , ohne sofort wieder in die Festung zu wandern , die er einst auf dem etwas ungewöhnlichen Wege der Strickleiter verlassen hat ; das damalige Urtheil hängt ja noch immer über seinem Haupte . Also hat er mich als seinen Vertreter geschickt . “ „ Du hast doch hinreichende Vollmacht ? “ warf der Assessor ein . „ Die ausgedehnteste , aber trotzdem wird es Weitläufigkeiten und Formalitäten genug geben . Papas damalige Flucht und dauernde Entfernung verwickeln die Sache einigermaßen , und mein berüchtigter Demagogenname wird die Herren vom Gericht auch gerade nicht zu besonders liebenswürdigem Entgegenkommen veranlassen . Ich habe in dieser Voraussicht einen längeren Urlaub genommen und denke bis zur Erledigung der Sache in R. zu bleiben . Ich rechne sehr auf Deinen juristischen Rath und Beistand . “ „ Ich stehe Dir ganz zur Verfügung . Vor allen Dingen aber gieb Dein Quartier im Gasthofe auf und komme zu mir ! Ich habe Raum genug . “ „ Das werde ich mit Deiner Erlaubniß nicht thun , “ sagte Max trocken . „ Weshalb nicht ? “ „ Weil ich Dir keine Unannehmlichkeiten mit Deinen Vorgesetzten zuziehen will . Oder kannst Du mir versichern , daß Dein Besuch bei uns ganz unbemerkt und ungerügt vorüber gegangen ist ? “ Georg sah zu Boden . „ Ich habe allerdings einige scharfe Worte von meinem Chef hinnehmen müssen , aber die Bevormundung und die Rücksicht auf meine Stellung hat ihre Grenzen . Meine Freundschaftsbeziehungen opfere ich ihr nicht . “ „ Das brauchst Du auch nicht , “ erklärte der junge Arzt , „ aber Du brauchst den Conflict auch nicht herauszufordern . Du weißt , ich halte gar nichts von den nutzlosen Aufopferungen , und Deine Einladung ist eine solche . Keine Einwendung , Georg ! Ich bleibe unbedingt im Gasthofe . Du compromittirst Dich schon genug in den Augen aller loyalen Gemüther , wenn Du mich nicht als Freund verleugnest . “ Die Weigerung wurde in so bestimmtem Tone ausgesprochen , daß Georg einsah , wie nutzlos jeder fernere Versuch sein würde , er fügte sich also . „ Nun , so laß mich Dir wenigstens zu der Erbschaft gratuliren , “ nahm er wieder das Wort . „ Sie ist , wenn auch nicht bedeutend , doch immer von Wichtigkeit für Euch . “ „ Gewiß , und das hauptsächlich um meines Vaters willen . Er kann sich nun ungestört seiner geliebten Wissenschaft hingeben , ohne daß die Existenzfrage ewig für ihn im Vordergrunde steht . Auch ich gewinne dadurch eine langgewünschte Selbstständigkeit . Ich hätte längst schon meine Stellung am Hospital aufgegeben , wäre es nicht nothwendig gewesen , unserem Haushalt ein festes Einkommen zu sichern , das er nun entbehren kann . Ich werde mir jetzt eine Praxis gründen und mich verheirathen . “ „ Du willst heiraten ? “ fragte Georg erstaunt . „ Natürlich will ich das . Eine Frau muß der Mensch doch haben – das gehört zur Bequemlichkeit . “ „ Aber wen willst Du denn heiraten ? “ „ Das weiß ich noch nicht . Sobald ich einen eigenen Herd habe , halte ich Umschau und führe die Braut heim . “ „ Doch wohl eine von den Töchtern des Schweizerlandes ? “ „ Gewiß ! Ich schätze die tüchtige praktische Natur dieses Volkes sehr hoch , wenn auch bisweilen einige Derbheiten mit unterlaufen . Zartheit kann ich bei meiner Frau ohnehin nicht brauchen ; Eheleute müssen zu einander passen . “ „ Da gehst ja sehr gründlich zu Werke , “ spottete Georg . „ Du hast Dir wohl ein förmliches Programm zurecht gemacht , mit all den Eigenschaften , die Deine zukünftige Frau besitzen muß ? Also , Paragraph eins – ? “ „ Vermögen ! “ sagte Max lakonisch . „ Ja , da empören sich nun wieder Deine idealistischen Gefühle . Vermögen ist unerläßlich . Zweitens : praktische Hausfrauenerziehung – das ist ebenso wichtig , wenn man ein bequemes Leben führen will . Drittens : blühende Gesundheit ; ein Arzt , der sich mit allen möglichen Krankheiten herumschlägt , will nicht auch in seinem Hause den Doctor spielen . Viertens : – “ „ Um Gottes willen , höre auf ! “ unterbrach ihn der Freund . „ Ich glaube , Du hast ein Dutzend Paragraphen für Dein Eheglück nöthig . Die Liebe steht wohl in keinem derselben ? “ „ Die Liebe kommt nach der Hochzeit , “ versetzte der junge Arzt zuversichtlich . „ Bei vernünftigen Leuten wenigstens , und die besten Ehen sind die , welche mit genauer Berechnung der Charaktere und Verhältnisse geschlossen werden . Sobald das Programm stimmt , mache ich meinen Antrag und heirathe . Punctum ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft