von Geschäften auf ihn harrte . Erst jetzt wurde er zu einem zweiten , diesmal längeren Aufenthalte hier erwartet . In dem Leben des jungen Paares hatte sich inzwischen nichts verändert , nur daß es womöglich noch getrennter , noch kälter und aristokratischer war , als im Anfange . Man schien auf beiden Seiten gleich sehr das Ende dieser „ Flitterwochen “ herbeizusehnen , die man sich nun einmal vorgenommen hatte , hier in der Landeinsamkeit zuzubringen , bis der Sommer eine größere Reise möglich machte , von der man dann im Herbste in die Residenz zurückkehren wollte , um dort den ständigen Aufenthalt zu nehmen . Der künftige Haushalt wurde bereits von Seiten Berkow ’ s mit verschwenderischem Aufwande eingerichtet . Es war nach eben vollendeter Frühschicht , als Ulrich Hartmann nach dem Hause seines Vaters zurückkehrte , aber er war diesmal genöthigt , seinen sonst raschen Schritt bedeutend zu mäßigen , denn an seiner Seite ging Herr Wilberg , der , gleichfalls vom Bureau kommend , ihn glücklich abgefangen und sich ihm angeschlossen hatte . Es war immerhin auffallend , einen der Beamten in solcher Vertraulichkeit mit dem Steiger Hartmann zu sehen , der sich sonst in jenen Kreisen nicht der geringsten Sympathie erfreute , und noch auffallender , daß diese Vertraulichkeit [ WS 1 ] gerade von Herrn Wilberg ausging , wenn man nicht die alte Lehre von den Extremen , die stets einander suchen , als Erklärung gelten lassen wollte – aber hier lag doch noch etwas Anderes vor . Der Ober-Ingenieur wußte freilich nicht , was er wieder mit seinen Spöttereien angerichtet hatte , aber seine lediglich als Spott hingeworfene Aeußerung von dem interessanten Balladenstoff war leider nur auf einen allzu empfänglichen Boden gefallen . Wilberg war im vollen Ernste daran , den Stoff poetisch zu verarbeiten , nur daß er sich selbst noch im Zweifel befand , ob das zu schaffende Meisterwerk Ballade , Epos oder Drama werden würde ; vorläufig stand nur eins fest , daß es die sämmtlichen Vortrefflichkeiten dieser drei Dichtungsarten in sich vereinen werde . Zum Unglück für Ulrich aber hatte dessen energische und muthvolle That den angehenden Dichter auf die Idee gebracht , daß der junge Retter sich außerordentlich zu einem tragischen Helden eigne , und er lief ihm deshalb auf Schritt und Tritt nach , um diesen höchst interessanten Charakter zu studiren . Als dieser sich nun gar noch beikommen ließ , die ihm angebotene bedeutende Belohnung mit einem Stolze auszuschlagen , der selbst den Director kleinlaut machte , da wuchs der romantische Nimbus in den Augen Wilberg ’ s zu einer Höhe , die nichts zu erschüttern vermochte , selbst nicht die rücksichtsloseste Grobheit von Seiten des Bewunderten und die scharfen Bemerkungen der Vorgesetzten , die diese Intimität nicht gerade gern sahen . In der That zeigte sich Ulrich sehr wenig entgegenkommend bei den „ Studien “ , die man an ihm machte ; er versuchte oft genug ungeduldig , die ihm aufgedrungene Gesellschaft abzuschütteln , wie man etwa eine lästige Fliege abschüttelt , aber das half ihm wenig . Herr Wilberg hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt , einen Helden in ihm zu sehen , allerdings einen rauhen , wilden , unbändigen Helden , und je ärger er sich in dieser Hinsicht benahm , desto entzückter war jener , sein Charakterbild sich so klar entwickeln zu sehen , desto eifriger studirte er an ihm herum . Der junge Bergmann zuckte schließlich die Achseln und ließ das Unvermeidliche über sich ergehen ; endlich that die Gewohnheit das Ihrige , so daß die Beiden doch immerhin zu einer Art von Vertraulichkeit gelangten , bei der allerdings das Respectverhältniß übel fortkam . Der Wind blies noch ziemlich kalt von Norden her . Herr Wilberg knöpfte vorsichtig seinen Paletot zu und schlang die Enden seines dicken wollenen Shawls sorgfältig ineinander , während er seufzend sagte : „ Sie sind doch ein glücklicher Mensch , Hartmann , mit Ihrer Riesennatur und Ihrer Riesengesundheit . Das fährt die Schachte herauf und herunter , von der Hitze in die Kälte , und steht dann wieder in dem scharfen Winde hier oben , während ich mich ängstlich vor jedem Temperaturwechsel hüten muß . Und dabei bin ich so nervös , so angegriffen , so reizbar – das kommt davon , wenn der Geist den Körper allzu sehr beherrscht ! Ja , Hartmann , es kommt von dem Uebermaße der Gefühle und Gedanken ! “ „ Ich glaube , Herr Wilberg , es kommt von Ihrem ewigen Theewassertrinken , “ meinte Ulrich mit einem halb mitleidigen Blicke auf den kleinen schwächlichen Beamten . „ Wenn Sie Morgens und Abends immer nur das dünne heiße Zeug schlucken , kommen Sie nie zu Kräften . “ Wilberg sah mit unendlicher Ueberlegenheit an seinem Rathgeber in die Höhe . „ Das verstehen Sie nicht , Hartmann ! Ich könnte unmöglich eine so derbe Kost wie Sie ertragen ; meine Constitution ist nicht danach , und überdies ist der Thee ein höchst ästhetisches Getränk . Er belebt mich ; er regt mich an , wenn ich das gemeine Tagewerk hinter mir habe und Abends in stillen Stunden die Muse sich mir naht – “ „ Sie meinen , wenn Sie Verse machen ? “ unterbrach ihn Ulrich trocken . „ Also dazu brauchen Sie den Thee ? Nun , es wird auch danach ! “ Es war ein Glück , daß dem schwer beleidigten Dichter in diesem Moment gerade ein Reim durch den Kopf ging , den er festzuhalten strebte ; er überhörte auf diese Weise die Ungezogenheit seines Begleiters gänzlich und wandte sich in der nächsten Minute wieder ganz freundlich zu ihm . „ Ich habe eine Bitte an Sie , Hartmann , ein Verlangen , eine Forderung ! “ sagte er , sich im regelrechten Klimax steigernd , „ die Sie mir gewähren müssen um jeden Preis . Sie sind im Besitze eines Gegenstandes , der für Sie völlig werthlos ist und der mich zum