Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast . Eben hatte er heruntersagen lassen : augenblicklich rasiere er sich und werde in zehn Minuten erscheinen . Die Dünste der Nacht waren verscheucht , das Hinterstübchen gekehrt und mit weißem Sande bestreut . Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische , und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer – es war ein Vergnügen , Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu sehen und – eingeladen zu werden , gleichfalls daran Platz zu nehmen . Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich warten . Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der Treppe – der Apotheker Philipp Kristeller riß die Tür seines Lieblingsgemaches auf . » Schönen guten Morgen ! « rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der Schwelle , und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem Tageslicht ins Auge : am schärfsten sah das Fräulein zu ; etwas weniger scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an – der Apotheker , Zum wilden Mann » sah gar nichts , sein Gast und Freund schwamm ihm vor den Augen – wenigstens die ersten Minuten durch . » Recht alt geworden « , meinte der Oberst bei sich , und er hatte recht . » Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben « , sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele , » ein anständiger , behäbiger Herr ! « Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts ; er schüttelte von neuem dem alten wiedergefundenen Freunde – dem Wohltäter und Gaste die Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den Ehrenplatz nieder . Erst als der Oberst saß , sagte Herr Philipp etwas , und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele , sondern er rief es fröhlich und laut : » August , ich freue mich unendlich – du bist merkwürdig jung geblieben ! « » Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande , ich hoffe das « , lachte der Oberst Dom Agostin , und es war eine Wahrheit : trotz seiner schneeweißen Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben ; aber das jüngste an ihm war doch seine Stimme . Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten . Mit einem behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus , ging einmal voll und rund durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich , ja sozusagen tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an , was die Stunde im Guten und im Bösen bringen mochte . Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers , der sagte sich unbedingt : » Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins . « Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach zum Apotheker : » Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben , mich für einen Langschläfer zu halten , aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon eines Besseren belehrt werden . Gewöhnlich pflege ich drei Stunden vor Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein . Man lernt das , auch ohne Anlagen dazu zu haben , unterm Äquator ; und wenn ihr eines Morgens das Nest ganz leer finden solltet , so braucht ihr euch nicht allzu sehr zu wundern . « » Oh , Freund « , rief der Apotheker , » wir werden dich zu halten wissen ! wir werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen ! Du bist unser ! Du darfst nicht gehen , wie du gekommen bist – du würdest für lange Zeit alle unsere Freude , unser Behagen mit dir wegführen ! « » Hm « , sagte der Oberst , und dann frühstückten sie gemächlich und der alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit . Er zeigte auch beneidenswert wohlkonservierte Zähne und wußte sie trefflich zu gebrauchen . Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und setzte seine Pfeife in Brand . Dorette ging ihren Hausgeschäften nach , und die beiden Herren waren allein . Sie plauderten jetzt – sie konnten jetzt plaudern – , der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war wenigstens für den Moment überwunden ; sie hatten die nötige Ruhe zum harmlosen Schwatzen gefunden , und sie schwatzten miteinander – zwei gemütliche ältliche Herren , deren einer etwas mehr von der Welt gesehen und sich bedeutend besser erhalten hatte , als es dem anderen vergönnt gewesen war . Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen , welche ihm um die Nase summten ; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken ; aber die Tatsache verdient , in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden . Zwölftes Kapitel » Ihr glücklichen Leute wißt gar nicht , um wie vieles unsereiner euch zu beneiden hat « , sprach der Oberst . » Da sitzt ihr in eurer täglichen Behaglichkeit , und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich über die Fliege an der Wand zu ärgern hättet , so ginge es euch ziemlich gut . Nun guck ' einer , wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die Nase wischt und die Flügel putzt ! Sollte man es nun für möglich halten , daß der Gutmütigste von euch hierzulande vor Wut außer sich gerät , wenn das ihm während des Mittagsschlafes über die Stirn spaziert ? So ein Biwak am Rio Grande ohne Moskitonetz , das würde etwas für euch sein , um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren ! « Der Apotheker lächelte und sagte : » Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das , lieber August . « » Lieber Agostin ! wenn ich dich bitten darf « , rief der Gast . » Du hast keine Ahnung davon , wie verhaßt mir dieser frühere August ist . Wenn jemand seinen alten Adam so vollständig wie ich im Graben ablegt , dann hält er auch etwas auf seinen neuen Rock . Mein jetziger paßt mir wie angegossen ,