ihm durch ihre dunkle kräftige Schönheit anziehend erschienen war . Andächtig kniete sie , das Antlitz zum Gekreuzigten erhoben , mit gefalteten Händen auf den Stufen des Hochaltars . Nicht Zweifel , nicht Trostbedürfnis , nicht Sehnsucht schien sie hergeführt zu haben . Keine innere Aufregung , keine unstete Leidenschaft bewegte die hochgewachsene Gestalt . Feste Ruhe lag in den schönen , noch jugendweichen Zügen . Aber nicht klösterlich kalt war ihr Ausdruck , sondern von kräftigem Leben durchglüht . Sie flehte nicht , rang nicht um Erhörung . Sie brachte , so schien es , ein tägliches Opfer , ein gewohntes Gelübde dar , das ihre Seele erfüllte und dem ihr Leben geweiht war . In steigender Neugier war der junge Kavalier immer näher herangetreten , da hatte sie sich erhoben und war seinem unbescheidenen Auge unverschleiert mit einem stolzen fremden Blicke begegnet . Dann hatte sie die Kirche verlassen . Zwiefach enttäuscht – denn in der Ferne war ihm die Dame jünger erschienen und auf ihre einfache Hoheit war er nach seinen venezianischen Erfahrungen und Gewohnheiten nicht gefaßt – hatte er noch einen Blick auf die verschiedenen Kirchenbilder geworfen und ein Wort mit dem Küster gesprochen . Als Fausch , das Fläschchen auf einem silbernen Teller mit einiger Feierlichkeit vor sich hertragend , in der Hinterpforte seines Schenkraumes erschien , hatte sich der Gast schon in nachlässigster Haltung auf einer Ottomane nächst der Türe niedergelassen . Er zog jetzt seine Füße von dem Marmortischchen , auf das er sie gelegt hatte , der Bäcker aber holte ein fein geschliffenes kleines Kelchglas herbei , stellte es neben die Flasche und begann nach seiner Gewohnheit selbst das Gespräch . » Und wer war denn , mit Eurer Gnaden Erlaubnis , das Herz und Augen erfrischende Frauenbild , dem der Herr Locotenent nachschoß wie eine Kugel aus dem Rohre ? « » Wie , Vater Lorenz , das solltet Ihr nicht wissen « , meinte der Angeredete , » Ihr , die lebendige Tageschronik und Fremdenliste von Venedig ? « – » Sie kommt mir sonderbar bekannt vor , und wer sie ist , werd ich herausbringen . Sicher keine dieser trägen Venezianerinnen , dafür erfreut sie sich zu leichter Füße . Wißt nur , Herr Wertmüller , als ich sie vorhin so schön und frei über das Campo schreiten sah , da überkam mich eine Rührung . Mir war , als schritte sie nicht neben dieser faulenden Lagune , sondern auf den Bergpfaden meiner Heimat neben senkrechten Präzipizien und schäumenden Bachen . Noch eins ! Ihr Diener , der alte weißbärtige Spitzbube mit den Jägeraugen und dem Rosenkranze , ist ein Bündner so gewiß als ich . « » Also aus Euern Bergen « , versetzte Wertmüller , » und von Euerm Schlage . « » Was Wunder übrigens « , meinte Fausch , » wenn ein Salis oder ein anderes Haupt unserer französischen Partei in diesem Augenblicke in der gastfreundlichen Venezia zu tun hätte ; zweifelt ja von uns keiner mehr daran , daß Euer Herr , der vieledle Heinrich Rohan , von Richelieu Vollmacht erhalten hat , eine Heerfahrt nach Bünden zu rüsten . Nun kommt endlich die Stunde , da mein Land der österreichisch-spanischen Gewalt entwunden wird . « » Gut « , sagte der andere ihn spöttisch ansehend , » der gallische Hahn also , Vater Fausch , soll sich für euch mit dem österreichischen Adler zausen , daß die Federn fliegen ! Ihr traut ihm viel Großmut zu , denn ihr sitzt fest in den spanischen Krallen . In meiner Stellung als Adjutant des Herzogs bin ich freilich weniger in diese geheimen politischen Pläne eingeweiht als Ihr , das von dem venezianischen Müßiggange inspirierte Lagunen- und Lügenorakel . Übrigens « , fuhr er , seine Schärfe mäßigend , fort und blickte dem Bäcker in die Augen , der in seinem Innersten beleidigt , sich mit gerötetem Angesicht vor ihn hingestellt hatte und nach dem kräftigsten Ausdruck zur Abwehr solcher Mißachtung rang , » übrigens ist heute nicht Politik , sondern Kunst bei uns im herzoglichen Palazzo an der Tagesordnung . Eben war beim Frühstück von Tizian die Rede . Eine mit unserer Herzogin befreundete Nobildonna behauptete , unsere kunstsinnige Dame habe bis heute eines der edelsten Werke des Meisters übersehen , das sich hier bei den Frari befinde . Es erwies sich , daß es bei der Herzogin letztem Aufenthalte in Venedig aus irgendeinem Grunde sich in der Werkstätte eines Malers befand . Ich ward von ihr abgesandt , um den jetzigen Tatbestand festzustellen . Es hängt wieder drüben , und ich fliege , es den Herrschaften zu melden . Sie werden ihre Wallfahrt zu dem Tizian gleich antreten wollen . « » Herr , so dürft Ihr mir nicht fort « , sagte Fausch , und vertrat ihm mit seiner breiten Figur den Ausweg . » Ihr verkennt mich grausam in dem was mir hoch und heilig ist . – Was hielte meinen Geist in diesem schmerzvollen Exil lebhaft und aufrecht , wenn nicht die Tag und Nacht genährte Hoffnung , mein jahrzehntelang zerfleischtes , verheertes , gefesseltes Bünden wieder befreit zu sehen ! – Und ich soll mich nicht um Neuigkeiten kümmern ? Soll nicht die Fühlhörner nach allen Seiten ausstrecken ? Nicht jede günstige Nachricht mit durstigen Poren einsaugen ? – Pocht denn Euch nichts hier fürs Vaterland , Herr Wertmüller ? . . . « Er drückte tief atmend die fette Hand auf die Brust . » Glaubt nicht , daß mir die für Bünden unrühmliche Hilfe der Franzosen will kommen sei ; ich heiße das den Teufel durch Beelzebub vertreiben , aber sie ist , Gott sei ' s geklagt , der letzte Ausweg aus der härtesten Sklaverei ! Auch lebt jetzt in Bünden ein matteres Geschlecht . In jener großen Zeit freilich , wo ich , der Würgengel Jenatsch und der Märtyrer Blasius Alexander die Taten eines Leonidas und Epaminondas vollbrachten , hätten wir alle uns lieber die Brust