schreibend oder zählend , irgendeine Lösung suchend . Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über den strengen Mund und schien zu sagen : So ist es gut und siehe , es ist so einfach ! Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und trotzte ihr , Weib gegen Weib . » Das bringst du nicht heraus ! Du findest keine Zeugen ! « Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen empor über die sonnenhellen Augen und verschwand . » Du hast keine Zeugen ! « rief ihr die Richterin nach . Ihr antwortete ein erschütternder Ruf , der aus allen Wänden , aus allen Mauern drang , als werde die Posaune geblasen über Malmort . Stemma erbebte . Sie sprang an das Lager ihres Kindes , um es fest in den Armen zu halten , wenn Malmort unterginge . Palma war nicht erwacht , sie schlief ruhig fort . Die Richterin besann sich . Hatte der grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft , diese Räume , diese Mauern erschüttert ? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer aufgefahren sein ? Es war unmöglich , daß der gewaltige Ruf sie nicht geweckt hätte . Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen unheimlichen Dingen : sie kannte die Schrecken der Einbildung und die Sprache der überreizten Sinne . Sie hatte es erfahren an den Schuldigen , die sie richtete , und an sich selbst . » Das Ohr hat mir geklungen « , sagte sie , die noch am ganzen Leibe zitterte . Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können , so sah sie den bleichen Wulfrin , der an der Gruft des Vaters kniete , ins Horn stieß , ihn rührend beschwor , ihm herzlich zusprach , Rede zu stehen . Sie hätte gesehen , wie Wulfrin , da der Stein schwieg , das Horn zum andern Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang . Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen , stärker noch als das erste Mal . Da war kein Zweifel mehr , es war das Wulfenhorn , das sie mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen hatte versinken sehen . Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte es nicht lösen . Sie sann , bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt stürmte . Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein , wie er murmelnd im Schilfe sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite , ob Frau Stemma ihm ein Leides getan . » Er besucht sein Grabmal und stößt in sein Horn ! Er stört die Nacht ! Er verwirrt Malmort ! Er schreckt das Land auf ! Das leide ich nicht ! Ich verbiete es ihm ! Ich bringe den Empörer zum Schweigen ! « Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn . Ohne sich nach Palma umzusehen , stürzte sie zornig die Wendeltreppe hinab und betrat den Hof , wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der Gruft lagen . Darüber webte ein ungewisser Dämmer , da eine leichte Wolke den Mond verschleierte . Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten und die steinerne Stemma hob die Hände als flehe sie : Hüte das Geheimnis ! Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer . » Arglistiger « , schalt sie , » was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in Aufruhr ? Ich weiß , worüber du brütest , und ich will dir Rede stehen ! Keine Maid hat dir der Judex gegeben ! Ich trug das Kind eines andern ! Du durftest mich nie berühren , Trunkenbold , und am siebenten Tage begrub dich Malmort ! Siehst du dieses Gift ? « Sie hob das Fläschchen aus dem Busen . » Warum ich leben blieb , die dir den Tod kredenzte ? Dummkopf , mich schützte ein Gegengift ! Jetzt weißt du es ! Palma novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht ! Und jetzt quäle mich nicht mehr ! « So grelle und freche Worte redete die Richterin . Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht , betrachtete sie wieder den Comes , der jetzt im klarsten Mondenlichte lag Die furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht , er lag regungslos mit gestreckten Füßen . Jetzt sah sie , daß sie zum Steine gesprochen , und schlug eine Lache auf . » Heute bin ich eine Närrin ! « sagte sie . » Ich will zu Bette gehen . « Sie wandte sich . Palma novella stand hinter ihr , weiß , mit entgeisterten Augen , das Antlitz entstellt , starr vor Entsetzen . Der zweite Hornstoß hatte sie geweckt und sie war der Mutter auf besorgten Zehen nachgeschlichen . Zwei Gespenster standen sich gegenüber . Dann packte Stemma den Arm des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück . Sie selbst hatte ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben und dieser Zeuge war ihr Kind . Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war , lastete auf den schweren Mauern Schweigen und Kümmernis . Das Gesinde munkelte allerlei und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen . Die junge Herrin sei krank . Es sei ihr angetan worden . Irgendein Zauber – ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken – habe die Ärmste der Vernunft beraubt . Ihr mangle der Schlummer , sie weine unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren . Ihr widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe . Die Laute und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn geworden . Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt und dürfe sie nicht aus den Augen lassen . Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten . Benedikta war der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr gebührlich die Hand küssen . Palma sei angstvoll zurückgewichen und habe