war sehr unruhig , und Fräulein von Zweiflingen ist doch noch zu angegriffen – « » Ich kann es mir selbst nicht verzeihen , daß ich das nicht besser überlegt habe « , antwortete die Pfarrerin einfach , ohne Bitterkeit , und ging hinaus . » Seien Sie diesem Zwischenfall dankbar , Kindchen ! « flüsterte die Gouvernante , als sie auch auf Juttas Gesicht einen Zug der Scham und Verlegenheit bemerkte . » Mit dieser einen Zurechtweisung hab ' ich Sie vor einer unabsehbaren Reihe widerwärtiger Zumutungen bewahrt ... Das ist auch eine jener › wackeren deutschen ‹ Hausfrauen , die vor lauter Tugend und Vortrefflichkeit unausstehlich werden . Zudringlich mit ihrer Weisheit , fahnden sie förmlich auf junge Mädchenseelen und pressen die unschuldigen Lämmer ohne Gnade in den Pferch der sogenannten › Weiblichkeit ‹ , die da nichts erlaubt als Bibel , Kochtopf und Strickstrumpf ... Das , was wir eben erlebt haben , war der erste leise Versuch der überklugen Frau – war ich nicht da mit meinem Einspruch , so säßen Sie bereits morgen drunten und flickten den alten Rock des Herrn Pfarrers oder die zerrissenen Höschen der geistlichen Sprößlinge . « Jutta fuhr empor – in diesem Moment konnte sich das aufglühende Mädchengesicht getrost neben den hochmütigen Zügen des stolzesten Ahnherrn in der Halle des Waldhauses behaupten – das war genau jener kalt zurückweisende Zug um die Lippen , jener verächtlich abwärts zuckende Blitz aus den halbgeschlossenen Augenlidern , der da sagte : » Was nicht neben oder über mir steht , existiert nicht für mich ! « Frau von Herbeck legte den Arm wieder um die schlanken Hüften des jungen Mädchens und zog sie schmeichelnd an sich heran . Dabei ergriff sie mit der Linken die Hand , die schmal und zart , wie ein durchsichtig weißes Blumenblatt auf dem schwarzen Wollkleide lag , und betrachtete sie mit einer Art von zärtlicher Aufmerksamkeit . » Es kann mich förmlich unglücklich machen « , sagte sie mit einem Anflug von Groll in der Stimme , » wenn ich eine meisterhafte Form , wie zum Beispiel diese reizende Hand hier , sehe , und mir dabei sagen muß , daß ihre Schönheit unausbleiblich zerstört werden wird durch die Anforderungen einer unangemessenen Lebensstellung ... Diese rosigen Nägel , diese Grübchen voll Küchenschwärze ! – pfui , ich mag es gar nicht denken ! ... Hoffentlich verfährt das Schicksal glimpflich mit Ihnen , Kindchen ! ... Freilich , ganz und gar diesem Los entgehen werden Sie doch nicht als Frau Hüttenmeisterin . « » Theobald hat mir und Mama versprochen , daß er mich wie seinen Augapfel behüten wolle « , entgegnete das junge Mädchen stockend mit halberstickter Stimme . » Ja , ja , liebes Herzchen , das ist alles recht schön und gut , und der Hüttenmeister auf alle Fälle ein prächtig lieber Mensch , der im Notfall sein Herzblut für Sie hingibt – in seinen guten Willen setze ich auch nicht den mindesten Zweifel . Aber , aber , solch einem glücklichen Bräutigam fällt es selten ein zu rechnen – das kommt erst nach der Hochzeit ... Und was wollen Sie dann machen , wenn Sie einmal drinstecken ? Die Familie wird größer , das Einkommen aber nicht , und wenn dann der Mann die Nähterin oder Flickmamsell nicht mehr bezahlen kann , so hilft der Frau kein Wehren und Sträuben – sie muß , wohl oder übel , die groben Strümpfe des Herrn Gemahls über die feine Hand stülpen und – sie flicken . « Frau von Herbeck hielt inne und sah seitwärts auf Juttas Gesicht nieder , das an ihrer Schulter lehnte . Das junge Mädchen schwieg mit fest zusammengepreßten Lippen , während sein Auge unverwandt und finster auf den Boden starrte , als gewänne die häßliche Schilderung der Gouvernante dort bereits Form und Gestalt ... Frau von Herbeck lächelte leise , und der Ausdruck ihrer großen , schwimmenden Augen war in diesem Moment sicher nicht jener ehrenfeste , den sie respektablen Charakteren gegenüber anzunehmen wußte . Sie strich mit der Hand sanft über die gerunzelte Stirne der jungen Dame . » Ach , wer wird denn gleich ein solch trübes Gesicht machen ! « sagte sie ebenso einschmeichelnd beschwichtigend , wie sie mit ihrer kleinen Schutzbefohlenen zu reden gewohnt war . » Meine ich Sie denn etwa speziell mit dieser Schilderung ? ... I , Gott soll mich bewahren ! Ich wäre ja mit dem besten Willen nicht einmal imstande , mir die schöne Jutta von Zweiflingen in einer solchen Lage zu denken , obwohl ich an manchem schönen , gefeierten Mädchen erfahren habe , wohin solche Neigungsheiraten führen können ... Sehen Sie , da wird alles , was das Leben schmückt , nach und nach als Ballast über Bord geworfen ... Das geliebte Klavier steht verstaubt und verschlossen in der Ecke , die eleganten Bücher und Stickereien verschwinden vom Nähtisch , dafür liegen schmutzige Abc-Bücher und Schreibhefte umher , und ein Korb voll zerrissener Wäsche wartet auf neue Flicken – ich kenne das ... Die junge Frau streicht die bewunderten Locken glatt hinter das Ohr oder unter die Haube – das sieht häßlich aus – aber was tut ' s ? Sie braucht nicht mehr schön zu sein , es sieht sie ja niemand ! « Jutta sprang auf , warf wortlos , aber mit einer leidenschaftlichen Gebärde die Locken zurück und trat an das Klavier ... Was auch in dieser Brust vorgehen mochte , es war jedenfalls ein heftiger Aufruhr , der sie in fliegenden Atemzügen hob und senkte . Die junge Dame schlug den Deckel des Instrumentes zurück , und in den Sessel niedergleitend , begann sie eine wildaufbrausende ungarische Volksweise kraftvoll und energisch mit denselben Händen , die vorhin zu » schwach und angegriffen « gewesen waren , das Kind der Pfarrerin auch nur einen Augenblick zu halten ... Wie Perlenschnüre rollten die kühnen Passagen ; es war ein Gewoge von Tönen , aus denen die Grundmelodie immer