nicht mehr so erbost auf den Neuhäuser sein ; er gucke ihm eigentlich für sein Leben gern in die feurigen , herrischen Soldatenaugen , wenn er so vom Pferd herunter über den Zaun weg mit ihm spreche . Beate war auch schon einigemal im Eulenhaus gewesen . Sie kam stets zu Fuß und blieb auf ein Kaffeestündchen ; und so verschlossen sie auch sonst war in bezug auf das , was ihre Seele bewegte , das gestand sie doch wiederholt ein , daß sie sich die ganze Woche auf diese Besuche freue . Dann saßen die beiden Pensionsschwestern bei einer Tasse Kaffee auf der » Zinne « und die kleine Elisabeth spielte und sprang um sie her . Und wenn auch Herr von Gerold sich nie entschließen konnte , hinabzugehen und den Besuch zu begrüßen – er schüttelte sich stets , wenn er an die Begegnung im Treppenhause des Geroldshofes dachte – so sah er doch von dem Fenster seiner Glockenstube aus , wie behaglich sich sein Kind auf Tante Beates Schoß schmiegte , wie es zärtlich die großen , braunen Hände streichelte und sich von ihnen ein Butterbrot streichen ließ . – Baron Lothar fuhr dann pünktlich gegen Abend vor , um die Schwester abzuholen . Heinemann mußte bei den Pferden bleiben , während der Neuhäuser die Damen auf der » Zinne « begrüßte und auch wohl in die Glockenstube hinaufstieg , um dem Einsiedler einen guten Abend zu bieten . Nun waren die höchsten Herrschaften im Geroldshofe eingezogen , und die farbenleuchtende Flagge wehte hoch über dem First des Hauses . Die Dorfleute hatten am Wege gestanden und sich schier zu Tode gewundert über die Pracht und Herrlichkeit der vorbeisausenden herzoglichen Equipagen und » das Menschenvolk « , das in minder schönen Wagen nachkam . Da blieb doch gewiß kein Kämmerchen leer im Geroldshofe ! Aber das Altensteiner Gutshaus war ein gewaltiger Bau ; hatten doch alle Generationen an dem alten Stammsitz je nach Bedürfnis weitergebaut und verschönert . Seinem Umfang und den architektonischen Schönheiten nach konnte man ihm ohne Bedenken die Bezeichnung » Schloß « geben . Die Nachmittagsonne lief schräg über seine imposante , von zwei achteckigen Türmen abgeschlossene Stirnseite und durch die hohen , weit offenen Fenster schlug die Luft , Nadelholzdüfte und kräftige Waldfeuchte im Atem , in das Haus herein – eine köstliche Luft ! » Mein Gesundbrunnen ! « sagte die junge Herzogin Elise inbrünstig mit ihrer leisen , belegten Stimme . » Hier werde ich wieder dein flinkes Reh , deine muntere Liesel , gelt , Adalbert ? « sagte die junge , fürstliche Frau und suchte mit zärtlichem Aufblick die Augen des schönen Mannes . Gewaltsam reckte und streckte sie die überschlanke Gestalt und mühte sich , strammen Schrittes neben ihm her zu gehen . Ja , so schattenhaft schmächtig und fahl sie auch da im weißen Hauskleide an dem deckenhohen Wandspiegel hinglitt , sie wurde hier schnell gesund , das Kraftgefühl kehrte zurück , das spitze , kleine Gesicht rundete sich und die Gestalt nahm jene zartschwellende Fülle und elastische Grazie wieder an , die man einst nymphenhaft genannt hatte ! Nur zwei Monate hier in diesem kraftstrotzenden Waldodem , und alles war wieder gut ! Sie bewohnte die Zimmer des östlichen Flügels , an welche der nach dem Hofe gelegene Speisesaal stieß , und nur ein gemeinschaftliches Empfangszimmer trennte diese Gemächer von den westlich liegenden ihres Gemahls . Das letzte Zimmer der langen Flucht war sein Wohnzimmer , dessen eine Ecke in den Turmerker auslief . Inmitten des Zimmers stand eine Treppenleiter . Der alte Friedrich , oder vielmehr der Kastellan Kern , wie er jetzt genannt wurde , hatte eine eben angekommene Ampel an die Decke gehangen und kletterte nun beim Eintreten der Herrschaften eiligst die Stufen herab . Die Herzogin blieb unwillkürlich unter der Tür stehen . » Ach , hier hat die arme schöne Spanierin gewohnt « , rief sie mit leise zitternder Stimme . » Und da ist sie wohl auch gestorben ? « Sie heftete ihre großen , fieberisch glänzenden Augen ängstlich fragend auf das Gesicht des alten Mannes , der sich tief verbeugte . Er schüttelte den Kopf . » Nein , Hoheit , hier nicht . Der gnädige Herr hatte ihr freilich das Zimmer malen lassen und es hat ein schweres Stück Geld gekostet , aber keine zwei Stunden hat sie es hier ausgehalten . Der Ökonomiehof ist zu nahe . Sie konnte keine Kuh brummen hören , und wenn ein Leiterwagen über das Pflaster rasselte und die Drescher in den Scheunen hantierten , da hielt sie sich die Ohren zu und lief durch alle Zimmer und Gänge , bis sie ein stilles Eckchen fand , wo sie sich hineindrücken konte wie ein junges , verscheuchtes Kätzchen . Ja , zur Gutsfrau paßte sie freilich nicht ! Sie hat zuletzt im Gartenhause gewohnt , und wenn schön Wetter war , da wurde sie in seidenen Decken hinausgetragen und auf den Moosboden gelegt , da , wo die Waldbäume an den Garten stoßen . Ja , da war sie noch am liebsten in dem blassen Lande , wie sie unser gutes Thüringen nannte , und da ist sie auch an einem schönen Herbsttage eingeschlafen , ausgelöscht ! Das Heimweh soll schuld gewesen sein . « Die Herzogin trat tiefer in das Zimmer , und ihre Augen glitten über die Wandgemälde . » Das Heimweh ! « wiederholte sie mit leisem Kopfschütteln . » Sie hätte nicht mit dem deutschen Manne gehen sollen , denn sie hat ihn nicht geliebt . Ich würde in der fernsten Eiswüste nicht an Heimweh sterben , wenn ich bei dir wäre ! « flüsterte sie innig und sah dem hohen Manne an ihrer Seite abermals unter das gesenkte Gesicht , während sie mit ihm in den Turmerker trat . Er lächelte freundlich auf sie nieder . Sie sank auf einen der kleinen , lehnenlosen , mit violettem Samt bezogenen Sessel und sah entzückt über das sich draußen