schritt sie langsam nach der Laube . Die Hofrätin war im Begriff in das Haus zu gehen . Sie hatte sicher den Lärm hören und auch seine Veranlassung sehen müssen ; aber sie berührte den Vorfall mit keinem Wort und ermahnte Lilli , den Brautkranz fortzutragen , auf jeden Fall aber bei Uebergabe desselben die Leichenbittermiene wegzulassen , die sie nun schon den ganzen Morgen habe ansehen müssen . … Tante Bärbchen mußte tief , tief in dem Wahn stecken , daß der Puppenspielwinkel in Lilli ’ s Stübchen ein unfehlbares Präservativ gegen Herzenanfechtungen sei ; wie hätte sie sonst die unverkennbare , tiefe Gemütsbewegung in den Zügen des jungen Mädchens , die noch dazu fortwährend ein jäher Farbenwechsel überflutete , für Niedergeschlagenheit oder gar üble Laune halten können ! … Sie war eine geschworene Feindin der Kopfhängerei bei der Jugend und ereiferte sich deshalb Nachmittags auf ’ s Neue , als Lilli , hochzeitlich geschmückt , in das Wohnzimmer trat , und , wenn auch gezwungen lächelnd , doch noch immer so zerstreut und wie in sich verloren dreinschaute . Mit einer Art von komischem Zorn zeigte sie auf das Bild der Großmutter . „ Es sind häßliche Dinger , die schwarzen Pflästerchen da auf dem Gesicht , “ sagte sie „ und ich hab ’ nie begreifen können , wie ein Mensch sein ehrliches Gesicht so verderben mag ; aber heute möchte ich sie am allerliebsten sammt und sonders auf Deine Stirn kleben , weil mich die Falte da grimmig ärgert … Dein Anzug sieht übrigens gut aus , aber es fehlt etwas , und zwar just das , was ich immer so gut hab ’ leiden mögen , für ein junges Mädchen , ein paar frische Blumen an der Brust . Geh ’ hinaus in den Garten und schneide Dir ein Sträußchen weißer Rosen ab ; hast noch vollauf Zeit dazu . “ Zeit hatte sie allerdings ; denn die Hofrätin hatte sie gezwungen , sich eine ganze Stunde früher anzukleiden , damit die Feier nicht durch eine säumige Brautjungfer verzögert werde . Mechanisch schritt Lilli die Türstufen und den Hauptweg des Gartens hinab . Ihr Kleid von starrer Seide rauschte über den Kies fast erschien dieser weiße , mattglänzende Stoff zu schwer für die elfenleichte Gestalt es jungen Mädchens , aber der Eindruck des Schwerfälligen wurde gemildert durch duftige Tüllbauschen und Spitzen , die Schultern und Oberarme umschlossen . Eine einzige , weiße Seerose , den mattgelb schimmernden Kelch voll blitzender Krystalltropfen , lag über ihrer Stirn ; lange Schilfblätter mischten sich zwanglos mit den wundervollen Haarsträhnen und fielen auf den Nacken ; hier und da leuchtete es wie ein blutigroter Tropfen aus dem tiefdunklen Haar , oder auf einer Blattfläche , der Schilfkranz war mit Korallennadeln befestigt . Zu beiden Seiten des Weges dufteten weiße Rosen , aber Lilli berührte keine derselben ; sie hatte schon wieder vergessen , weshalb sie den Garten betreten . Träumerisch schritt sie weiter . Sie wußte nicht , daß sie bereits das Bohnengehege passirte , welches einen Teil des nach dem Pavillon führenden Weges einschloß ; erst , als die hohen , grünen Wände seitwärts aufhörten , und der Sonnenschein wieder voll und breit auf dem Kies lag , hob sie den Kopf … vor ihr lag der Pavillon , in demselben Augenblicke wurde die Tür von innen rasch aufgestoßen , und der Blaubart trat heraus . Lilli stieß einen leisen Schrei aus und wollte in den Hauptweg zurückfliehen . „ Bleiben Sie , oder ich folge Ihnen in das Haus ! “ rief er so laut und drohend , daß sie scheu und angstvoll nach dem Haus hinüberblickte , diese Stimme mußte ja bis in seine entferntesten Winkel dringen . Sie blieb wie festgewurzelt stehen , während er mit raschen Schritten auf sie zukam . Er fing ihren ängstlichen Blick auf , ein bitteres Lächeln zuckte über sein Gesicht . „ Beruhigen Sie sich , “ sagte er mit herbem Spott , als er vor ihr stand , „ mein Anblick wird die Tante nicht erschrecken , aus dem einfachen Grunde , weil sie mich hier nicht sehen kann . Es geschieht ihr überhaupt kein Leid ’ s , so wenig wie ihrem Garten . … Haben Sie je eine niedergetretene Blume , oder umgeknickte Grashalme in der Nähe des Hauses , oder um jene Laube bemerkt ? … Und doch habe ich in finsterer Nacht unzählige Male dort gestanden ; gehe ich auch auf verbotenen Wegen , so weiß ich doch fremdes Eigentum zu schonen … Jenem unwiderstehlichen Trieb , nächtlicher Weile hier auf feindlichem Terrain herumzustreichen , verdanke ich einen ganzen Schatz von Wissen ; so z. B. weiß ich , daß Sie eben im Begriff sind , zur Hochzeit zu gehen ; diese träumerische Seerose wird Opposition bei Ihren Freundinnen hervorrufen , die Ihnen durchaus brennendrote Verbenen octroyiren wollten . “ Lilli hob die zornig blitzenden Augen zu ihm auf ; heftige Worte drängten sich auf ihre Lippen , aber sein Anblick machte sie so bestürzt , daß sie nicht einen Laut hervorbrachte . Er hatte offenbar die Herrschaft über sich selbst verloren . Seine Gesichtsfarbe war noch fahler , als am Morgen , und die Lippen , die er zu einem spöttischen Lächeln zwingen wollte , sträubten sich gegen den Zwang und zuckten fieberisch . Er hatte bis zum letzten Wort den Ton beißender Ironie festgehalten ; allein völlig gegen seine sonstige Art und Weise , nach der er zwar rasch und feurig , aber doch klar abwägend und markirend zu sprechen pflegte , stieß er Alles so hastig und gepreßt hervor , als ob ihm der Atem fehle . Was sollte sie beginnen ? Der Aufruhr in ihrem Innern war unbeschreiblich . Bei jedem höheren Aufbrausen seiner Stimme zuckte sie zusammen ; die Furcht , daß die Hofrätin plötzlich hervortreten und ihn beleidigen könne , war abermals die vorherrschende Empfindung in ihr . Mit unsäglicher Anstrengung überwand sie den inneren Sturm und sagte