war , bekam ich Durst und schickte sie zu meinem Bruder hinauf , um mir ein wenig — ein wenig — ein paar Tropfen — “ „ Liqueur zu holen , “ ergänzte der Geheimerat . „ Ja — ich will ’ s nur gestehen ! “ fuhr Hartwich fort . „ Sie aber schaute beim Oheim durch ein Fern ­ rohr und vergaß ihres Vaters Auftrag . Ich warte von Minute zu Minute mit brennendem Gaumen — sie kommt nicht . Ich werde immer ungeduldiger — immer zorniger und als sie endlich nach einer starken halben Stunde kommt und mir das Gewünschte nicht einmal bringt , da greif ’ ich nach ihr , um sie zu schlagen ; sie klammert sich aber in der Angst an meinen gichtkranken Arm , daß mich der Schmerz halb rasend macht und in sinnloser Wut pack ’ ich das Kind mit meiner gesunden Hand , — möge sie auch noch erlahmen — und schleudere es weit hinweg . Es stürzt rücklings um , schlägt mit dem Hinterkopf auf die Marmorplatte meiner Waschtoilette , Sie sehen noch das Blut daran , von da auf den Boden und bleibt wie tot liegen . Mir wurde es so schwarz vor den Augen wie damals , als mich der Schlag getroffen . Ich klingelte nun den Leuten , Niemand kam . Ich konnte mich ja nicht rühren , konnte nicht aus dem Bette , dem Kinde beizustehen , — ich sah ’ sein Blut fließen , hörte es wie eine Sterbende röcheln und lag da , ein elender gelähmter Mann , mit dem Gefühl , daß ich mein Kind gemordet . O Herr Geheimerat — in solch einer Stunde geht man in sich — in solch einer Angst lernt man beten ! Endlich nach langem , wiederholtem Rufen und Klingeln kam das nichtswürdige Gesindel herbei . Herr Geheimerat — ich kann Ihnen nicht sagen , was in mir vorging , als sie mir das Kind aufs Bett legten — das arme zerschlagene Kind . Als mir das blutende Köpfchen in die Hände fiel , — da war mir ’ s , als sei mit der klaffenden Wunde auch mein Herz aufgesprungen und es ströme nun erst die echte warme Vaterliebe daraus hervor . — Sonst wenn ich die Kleine züchtigte , hatte sie nur Trotz und Widerstand , — da tat mir ’ s dann auch nicht leid , wenn ich ihr weh getan ; jetzt wo sie gebrochen und stumm vor mir lag — redete sie eine Sprache , die mich zu mir selbst brachte , als erwachte ich aus einem Rausche . Und , Herr Geheimerat , bisher war ich auch berauscht . Ich hatte mich zum Tier getrunken und das arme Opfer meiner Wut hat mich erst wieder zum Men ­ schen gemacht ! “ Der Geheimerat hörte dem Sprecher mit wachsender Teilnahme zu . Als er geendet , nahm er dessen Hand . „ Es ist recht , Herr von Hartwich , daß Sie so offen gegen mich sind . Menschen , die von Natur nicht böse , können ihre Vergehen durch nichts besser entschuldigen , als durch Wahrhaftigkeit , denn ihre Beweggründe sind meist nicht so schlimm , als ihre Taten ; — aber beruhigen Sie sich nun auch — Ihr Zustand bedarf wirklich der Schonung ! Wenn der Arzt bei solchen Gelegenheiten dem Beichtvater ein wenig ins Handwerk pfuschen darf , so möchte ich zu Ihrem Troste sagen : was auch mit dem Kinde geschieht , wenn die Krankheit selbst einen schlimmen Verlauf nähme , — Sie dürfen es sich nicht zu schwer anrechnen . Dasselbe was Sie vor dem irdischen Gericht entschuldigen würde , jene Unzurechnungsfähigkeit , die die Folgen Ihrer Tat nicht ermessen konnte — dasselbe entschuldigt Sie auch vor Ihrem innern Richter . — Sie haben ja doch sonst väterlich an dem Kinde gehandelt , “ fügte er mit besonderer Betonung hinzu : „ Sie haben ihm ein schönes Vermögen gespart , daß es doch einmal eine Stellung in der Welt einnehmen und sein Leben , wenn es ihm Gott wieder schenken sollte — genießen kann . “ Hartwich ergriff Heims Hand und flüsterte rasch und ängstlich : „ Ach lieber Herr — das tat ich ja nicht und das drückt mir jetzt auch so auf der Seele , ich war dem Kinde nie und in Nichts ein Vater ! “ „ Was Sie sagen ! “ rief Heim mit scheinbarer Verwunderung . „ Sie hatten also Ernestinchen zu Gunsten eines Andern verkürzt ? “ Hartwich sah besorgt nach der Tür . Der Geheimerat verstand ihn und öffnete dieselbe , es war kein Lauscher in der Nähe . Hartwich zog den Geheimerat zu sich hin und gestand ihm Alles , was dieser schon wußte . Heim schüttelte den Kopf : „ Es ist fast unglaublich , daß ein Vater so an dem leibli ­ chen Kinde handelt — aber da ja überhaupt jetzt Ihr Pflichtgefühl erwacht ist , so werden Sie auch dies Unrecht gut machen wollen ? “ „ Ach , Herr Geheimerat , wenn ich das könnte — wie gerne tät ’ ich ’ s ! Wenn das arme Ernestinchen wieder aufkäme , ich wollte ihm ja schon bei mei ­ nen Lebzeiten das ganze Vermögen als Schmerzensgeld schenken . Sagen Sie mir , wie fang ’ ich ’ s an , das unglückliche Kind zu entschädigen , wie fang ’ ich ’ s an , gut zu machen , was ich an ihm verbrach . Ich will ja alles tun , alles , wenn ich nur kann ! — Helfen , raten Sie mir ! “ „ Ich denke , “ begann der Geheimerat mit ruhiger Entschiedenheit — „ die Sache ist ganz einfach : Sie machen ein neues Testament und stoßen das alte um . Wenn Ernestinchen wieder aufkommt , so ist es sehr die Frage , ob sie nicht ein kränkliches Wesen für ihr ganzes Leben bleibt . Ein solch ’ unglückliches Geschöpf