kecken Eindringling , 99 gegenüber kaum verbarg . Sein Mannesstolz mußte unendlich leiden . Mehr als einmal war ihm jäh das Blut in die Stirn geschossen , und mehr als einmal hatte er sich vorzeitig verabschiedet , als könne er nicht ruhig bleiben und suche , des lieben Friedens wegen , sein Heil in der Flucht . » Ich wollte , ich hätte dich erst in Niendorf , Trudchen « , sagte er noch beim letzten Abschied , » ich ertrage es schlecht , für deine Mutter Luft zu sein . « Und sie hatte sich an ihn geschmiegt , zitternd vor Erregung . » Mama meint es nicht so böse , Franz « , sagte ihr Mund , aber das Herz wußte es anders . Und da hatte er sie heftig an sich gepreßt : » Wenn ich dich nicht so liebhätte , Mädchen ! « » Aber es muß ja Frühling werden , Franz ! « Und heute war das Gedicht gekommen mit einem Veilchenstrauß . Sie schrak empor , sie hörte Jennys Stimme , und gleich darauf trat die Schwester ein , aufgeregt und ärgerlich . » Ich muß mich bei dir erholen , Trudchen « , sagte sie ; » Linden ist nicht hier ? Gott sei Dank ! Unten kann ich es nicht aushalten , der Kleine ist so unruhig und schreit und weint . Der Doktor sagte , er soll ins Bett . Ich habe ihn nun hineinstecken lassen . Lieber Gott , man kommt aus der Angst und Unruhe gar nicht heraus ! « Trudchen horchte erschreckt auf . Nun , wenigstens ist er in guter Pflege bei Karoline , dachte sie . 100 » Werdet ihr denn den Maskenball mitmachen , du und Linden ? « fragte die junge Frau . » Nein ! « sagte das Mädchen und packte ihre Briefe fort . » Warum nicht ? « » Was hätten wir davon ? Ich tanze nicht gern ; du weißt es ja , Jenny . « » War Onkel Heinrich hier ? « » Ja , Jenny . – Ist es denn ängstlich mit dem Kleinen ? « » I bewahre ! Ein bißchen Fieber . Wir wollten heute abend noch zu Dressels . Artur hat Kostümbilder für unsere Quadrille aus Berlin kommen lassen . Aber das interessiert dich doch nicht , du wirst dich wohl später ganz in dein Niendorf vergraben ? Neulich sagte noch der Landrat zu Artur : › Ihre Schwägerin kommt auch nicht an den richtigen Platz . Sie hätte einen Mann heiraten sollen in einer Stellung , wo sie repräsentieren muß . ‹ Du wärst eine Zierde für jeden Salon ; nun gehst du in die Niendorfer Kuhställe . « » Und wie ich mich darauf freue ! « sagte Trudchen , und ihre Augen leuchteten . » Frau Fredrich ! « rief jetzt ängstlich das hübsche Stubenmädchen , » kommen Sie doch nur herunter , der Kleine wird so unruhig und heiß . « Jenny nickte , besah sich noch in aller Eile eine angefangene Stickerei und ging aus dem Zimmer . Als Trudchen nach einer Weile folgte , erhielt sie 101 den Bescheid , es sei nicht schlimm mit dem Kleinen . Herr und Frau Fredrich machten schon Toilette für den Abend . Und so stieg sie wieder hinauf in ihr einsames Stübchen . Acht Tage später kehrten die Eisenschimmel mit dem geschlossenen Wagen im scharfen Trabe vom Kirchhofe zurück . Im Fond saß neben dem Onkel Artur Fredrich mit verweinten Augen ; gegenüber Linden . Sie hatten Trauerflor um die Hüte und Trauerflor am linken Arm . Der Winter war vor dem Scheiden noch einmal in voller Herrlichkeit erschienen . Es schneite , und die großen Flocken legten sich auf ein kleines , frisches Grab in der eisenumgitterten Familiengruft der Baumhagens . Jennys blonder Liebling war tot ! Im Wagen sprach niemand ein Wort , und als die drei Herren ausgestiegen waren , ging jeder nach einem stummen Händedruck seinen eigenen Weg . Onkel Heinrich , um einen Kognak zu nehmen , Artur zu seiner trostlosen jungen Frau und Linden hinauf zu Trudchen . Er fand sie nicht in der Wohnstube , sie war wohl noch bei der Schwester . Dann glaubte er nebenan etwas rascheln zu hören . Er schritt über den weichen Teppich und trat in die geöffnete Tür des Erkerzimmers . » Trudchen « , sagte er bestürzt , » um Gottes willen , 102 was ist dir ? « – Sie lag kniend vor ihrem kleinen Sofa , den Kopf in ihre Arme geborgen . Ein wunderliches Zucken und Beben ging durch ihren Körper , wie wenn man weint ohne Tränen . » Trudchen ! « Er faßte sie und wollte sie emporziehen , da hob sie den Kopf und stand auf . » Aber sprich doch , sprich , was ist denn geschehen ? « forschte er , » gibst du dich so dem Schmerze um den kleinen Liebling hin ? Ich bitte dich , Trudchen , nimm dich zusammen , fasse dich – du machst dich krank ! « Sie hatte nicht geweint , sie sah nur leichenblaß aus , ihre Hände lagen eisigkalt in den seinen . » Komm « , sagte er , » erzähle mir , weine dich aus ! « Und er zog sie an sich . Sie schmiegte sich fest in seine Arme , wie sie es noch nie bisher getan . » Nun bin ich ja bei dir « , flüsterte sie , » nun ist es gut . « » Hast du dich gefürchtet ? Hat dir jemand etwas getan ? « Sie nickte . » Ja ! « sprach sie hastig , » vorhin – da hörte ich ganz zufällig ein paar Worte an , zwischen Mama und der Tante Stadträtin – sie kamen von Jenny herauf , sie vermuteten mich wohl nicht hier – ich weiß es nicht . Mama weinte noch immer sehr um den Kleinen