nimm deinen Bruder und geh mit ihm hinaus ! “ rief sie . Aber die ältere Schwester ließ ihren Bruder nicht ohne weiteres tadeln . „ Ja , “ sagte sie mit ihrer ganzen altklugen Wichtigkeit , „ und einen Schnitz hast du ihm auch nicht an die Peitsche machen wollen , und Puppenkleider willst du auch nicht nähen für meine Lucie , und Fräulein Stübken sagt auch , du verstellst dich bloß , du hättest uns gar nicht lieb , weil du nie mit uns spielst ! “ Aennes Lachen machte den unartigen kleinen Mund verstummen . „ Na , nun aber rasch hinaus ! “ rief sie , „ geht zu Großmama in die Küche , ihr armen dummen Gören - faßt das Mariechen ordentlich an , damit es nicht hinfällt ! “ „ So ! “ Sie hatte die Kinder aus der Thüre geschoben und lachte noch immer , sie wußte es selbst kaum . Ganz mechanisch setzte sie sich wieder auf den Fenstertritt und sah scheu zu Heinz hinüber , der dies kurze Zwischenspiel gar nicht bemerkt zu haben schien . Er ' stand noch immer vor dem Bilde , die Zähne aufeinander gebissen . „ Kinder und Narren - - “ sagte er still für sich . Sie atmete auf . Nein , er hatte ihr armes blutendes Herz nicht gesehen , von dem die Kinder soeben erbarmungslos den Schleier gerissen den sie so sorglich darüber gebreitet hielt . „ Ihre Braut bleibt recht lange beim Vater “ , bemerkte sie möglichst ruhig . Er wandte sich langsam zu ihr . Sie saß da , die Arme verschränkt , den Kopf , wie erschöpft , an die Spiegelkonsole gelehnt , die Schultern emporgezogen , als fröstelte es sie , das Gesicht blaß und wie verfallen . [ 074 ] „ Es ist kalt in diesem Zimmer “ , beantwortete sie seinen verdunkelten Blick , in dem der ganze grenzenlose Jammer um sie beide lag . „ Benachrichtigen Sie , bitte , meine Braut , ich sei vorausgegangen in den Marstall , Fräulein May , “ sagte er plötzlich . „ Ich habe nämlich augenblicklich die Aufgabe , mich in meinen Beruf möglichst rasch einzuleben . “ Ehe sie sich noch erheben konnte , hatte er sich verbeugt und das Zimmer verlassen . Sie sah ihm nach , wie er über den Platz schritt , und dann blickte sie in der Stube umher , als habe sie dieselbe nie vorher gesehen . Da ertönte von draußen ein gellendes Geschrei des kleinen Mariechen und die Stimme der Mutter . „ Aenne , bekümmere dich doch um die Kinder ! “ Sie ging hinaus und hob das schluchzende Kind auf den Arm . Die Oberförsterei , die nur durch einen Baumgarten von dem Hause des Medizinalrats getrennt lag , war eins der stattlichsten Gebäude des Platzes . Die Herzöge von Breitenfels hatten stets der Jagdpassion in hohem Maße gehuldigt . Ehemals , als Breitenfels noch ein selbständiges Land bildete , hatte in diesem Gebäude der Oberforstmeister gewohnt nun , nachdem schon seit hundert Jahren die beiden Herzogtümer verschmolzen waren , bestand diese hohe Charge nicht mehr in Breitenfels und der Oberförster bewohnte das Gebäude . Die alten Mauern des zweistöckigen Giebelhauses bargen herrschaftliche Räume mit stuckverzierten hohen Plafonds , parkettierten Fußböden und breiten Flügelthüren . Im Flur hingen alte lebensgroße Oelbilder fürstlicher Jäger und unzählige Geweihe , und die schöne breite Treppe schmückte ein kunstvolles schmiedeeisernes Geländer . An diesem Nachmittag war zu Ehren des erwarteten Besuches über die roten , frisch gescheuerten Fliesen des Hausflurs verschwenderisch Sand gestreut , und ein durchdringender Geruch von Räucherpulver quoll den Eintretenden entgegen . Aenne , die mit der Mutter das Haus ihres Verlobten betrat , fuhr fast zurück vor dieser süßlichen schweren Luft , die sich betäubend um ihren schmerzenden Kopf legte . Aus der Wohnstube rechts kam der Oberförster ihnen entgegen , hinter ihm drängten die Kinder nach . Der große Mann war sichtlich bewegt und streichelte leise die Hand des jungen Mädchens , die er behutsam in seinen Arm genommen hatte , sie zu küssen wagte er nicht in Gegenwart so vieler . „ Kommen Sie herein , Mamachen , legen Sie im Zimmer ab - tritt ein , Aenne , “ bat er einfach . Fräulein Stübken , die jetzt im schwarzen Kleid und zierlichen Schürzchen auf der Schwelle erschien , zeigte sich sehr dienstbeflissen bei Abnahme der Sachen . Es war schon ein wenig dämmerig in dem großen Gemach , in das der einfache Hausrat gar nicht zu passen schien , aber der Feuerschein des Ofens spielte traulich auf dem altersbraunen Fußboden , der Kaffeetisch war mit blendend weißem Tuch bedeckt und aus der großen weißen Porzellankanne quoll ein würziger Duft entgegen . „ So , Frau Schwiegermama , nun wollen wir zuerst gemütlich Kaffee trinken . - Fräulein Stübken , wo haben Sie Ihre Waffeln ? - Kommt , Kinder - wer von euch will auf der andern Seite der neuen Mama sitzen ? “ Es meldete sich keines , und so zog er die Aelteste heran . „ Hier , Aenne , ich hoffe , sie wird dir bald eine kleine Stütze werden . Sei artig , Agnes , und präsentiere Großmama den Kuchen ! “ Man saß dann und genoß den Kaffee . Fräulein Stübken machte die Wirtin und nötigte überflüssig viel . Ganz besonders aufmerksam war sie Aenne gegenüber , was diese absolut nicht zu bemerken schien . Aenne hatte durch die Kinder erfahren , wie die Hausdame ihres Bräutigams über sie dachte , zürnen that sie ihr nicht , denn es war ja die Wahrheit , aber sie ignorierte sie . Wozu auch ihr gegenüber lügen ? Es war ja genug , daß sie Heinz belog ! Die Stübken , eine Dame von ungefähr dreißig Jahren , etwas mehr geputzt als sonst nötig und mit höchst moderner Haarfrisur , hatte einen verkniffenen Zug um den Mund , wie er den unglücklichen