geöffneten Fenster der Wohnstube , die nach dem Garten hinaus sah , saß Frau Erving und nähte himmelblaue Schleifen auf ein weißes Kleid für ihr Lieschen zum Feste ; sie hatte ihrem Manne gewinkt , der eben eingetreten war , und zeigte ihm jetzt die beiden Gestalten dort unter den Blumen im Garten . „ Sieh , Erving , wie die Muhme das Mädchen hätschelt ! “ sagte sie lächelnd , „ sie hat ’ s schon immer verzogen , aber seit einiger Zeit ist es noch viel ärger damit geworden ; seit die Liesel neulich ein paar Tage so blaß aussah , da will sie das Kind förmlich auf den Händen tragen . “ „ Laß sie , Minnachen ! “ erwiderte Erving , „ sie ist wohl aufgehoben bei der Muhme , aber Du hast Recht , sie sah ein bischen blaß aus , die Liesel , und weißt Du , was mir noch auffiel ? Sie ist seit einer vollen Woche nicht auf dem Schlosse gewesen , und die Nelly war doch schon drei Mal hier . “ „ Je nun , das sind so Mädchenlaunen , vielleicht haben sie irgend etwas mit einander gehabt , die Beiden ; aber sie geht morgen sicher hin ; ich dächte , sie hat davon gesprochen . “ „ Morgen ? “ fragte Erving , „ hm , da ist ja der Selldorf unser Gaste was sollen wir Beide allein mit ihm anfangen ? “ „ O , sie bleibt ja nicht lange oben ; sie haben Besuch auf dem Schlosse , die Cousine , von der Nelly erzählte , und den Army , aber Lieschen ist bis jetzt immer gegangen und hat frohe Feiertage gewünscht , da wird sie es auch diesmal kaum unterlassen , “ meinte Frau Erving bittend . Er nickte zerstreut . „ Er ist ein netter Junge , der Selldorf , “ sagte er dann . Seine Frau sah ihn an und lächelte , und er lachte wieder . „ Jetzt weiß ich , was Du denkst , Alter , “ rief sie fröhlich . Er bog sich zu ihr herunter . „ Wirklich , Minna ? Nun , und wär ’ s denn so schlimm ? Sieh , ich muß schon einmal einen Schwiegersohn haben , der in ’ s Geschäft paßt , und er ist ein prächtiger Mensch ; ich habe ihn kennen gelernt – derselbe biedere Charakter wie sein Vater . “ „ Mann , “ sagte sie , und ihre schönen großen Augen sahen ihn fast flehend an , „ ich bitte Dich , mach ’ keine Pläne ! Sie ist ja fast noch ein Kind . “ „ Warst Du denn älter , als Du meine Frau wurdest , Minnachen ? “ „ Nein , Bernhard , aber – “ „ Und sind wir denn nicht glücklich zusammen gewesen bis jetzt , und wollen es auch noch ferner sein ? “ Sie nickte und griff zum Taschentuch , das sie vor die Augen preßte . „ Das meinte ich auch nicht , “ sagte sie , während er ihre Hand ergriff und den Arm um sie schlang , „ aber ich möcht sie so gern noch ein wenig ganz ungetheilt für mich haben , denn wer weiß , wie lange ich – “ sie brach ab , und versuchte die hervorquellenden Thränen zu unterdrücken . „ Laß nur ! “ bat sie , [ 722 ] als sie bemerkte , wie sein Gesicht sich veränderte und ein trauriger Zug darüber flog , „ mir ist heute so bang um ’ s Herz – geh nicht fort ! “ Sie lächelte schon wieder zu ihm auf . „ Sieh , Erving , ich freue mich auch , wenn sie einen lieben Mann bekommt , er muß aber auch ebenso gut und so ehrenwerth sein , wie Du – “ Er sah ihr innig in die Augen . „ Der Allerbeste muß es sein , “ bestätigte er , „ und Du sollst entscheiden . “ „ Erving , “ sagte sie dann nachdenklich und schaute der schlanken Gestalt entgegen , die da oben den Gartenweg hinaufschritt mit der Schürze voll Blumen . „ Erving , ich muß jetzt einmal Acht haben auf Deinen Selldorf da drüben . “ „ Thu das , Minnachen ! “ erwiderte er und ließ ihre Hand frei , „ Du wirst ein braves Gemüth kennen lernen . “ Und damit küßte er sie freundlich auf die Stirn und ließ sie allein mit ihren Träumen . Die duftige Arbeit glitt von ihrem Schooß ; ihre Gedanken schweiften in eine ferne Zukunft , und allmählich legte sich ein weiches , glückliches Lächeln um ihren Mund . – Und so war nun der erste Pfingstag angebrochen ; vor der Hausthür der Mühle standen zwei kerzengerade hellgrüne Maibäumchen , und von den obersten Zweigen wehten rothe Bänder im warmen Frühlingswinde ; die Tauben saßen alle der Reihe nach auf dem Dache und gurrten und putzten sich , und der Peter , der so stolz von seinem Bock aus die muthigen Braunen regierte , hatte ebenfalls ein rothes Band an die Peitsche gebunden . An den Seiten des bequemen offenen Wagens steckten frische Birkenzweige , und nun erklang von da unten aus dem Dörfchen die Kirchenglocke , und die Mine – die Dörte mußte heut daheim bleiben und kochen – ging im schönsten Sonntagsstaat , das Gesangbuch in der Hand , am Wagen vorüber und nickte dem Peter verstohlen zu . Nun trat auch der Hausherr aus der Thür und hob seine Frau in den Wagen . Lieschen und die Muhme folgten hinterdrein . Erstere sah in ihrem duftigen weißen Kleide mit den blauen Schleifen hübscher denn je aus , und die Muhme prangte im schwarzen Seidenkleide ihre Haube war heut mit Spitzen und blauen Bändern verziert und in der Hand hielt sie das Gesangbuch nebst Taschentuch und Sträußchen ; auch Lieschen hatte ein paar Rosenknospen in der Hand . Dörte