ein Mal über das andere den vollen Bart ; denn es gefiel ihm wohl , was er gesagt hatte , und in der Eitelkeit seines Herzens und in dem frohen Blick in die Zukunft , den er sich gönnte , vergaß er zum ersten Male , trotzdem er doch von ihr gesprochen und ihrer in Ehren gedacht hatte , nach dem Sofa hinzusehen , über dessen hoher Lehne das nur handgroße Pastellbild seiner Seligen hing . Es rührte von einem Halberstädter Zeichenlehrer her , der in den Ferien alles abmalte , die Gegend und die Menschen , am liebsten aber die Brautpaare . Und es war damals kurz vor der Hochzeit gewesen . Ja , zum ersten Male heute hatte der Heidereiter nicht nach dem Bilde hinübergesehen ; aber er sprach noch vielerlei von Freud und Leid und von Gutem und Schlimmem und sprach zuletzt auch von der großen Kränkung seines Lebens , davon , daß ihm die Gräfin , als es doch Zeit gewesen , den » Titul « nicht gegeben habe . Denn ein Heidereiter sei doch eigentlich nur was Kleines und Geringes und eigentlich bloß dazu da , Bettel- und Weibsvolk , das sich Reisig sammelt , ins Prison oder Spinnhaus zu bringen . Und das sei nichts für einen alten Soldaten und einen » Richtigen aus dem Wald « , der seine Büchse hab und immer ins Blatt träfe , Mensch oder Tier . Aber das sei ' s eben , das hab ihn um die Reputation gebracht , daß er fester und flinker gewesen als der Maus-Bugisch , und das hab ihm die Gräfin nicht verziehen . Und er verbitterte sich wieder darüber und schloß endlich : » Aber das weiß ich , Kinder , lebte der noch , der mir diesen Wein ins Haus geschickt hat und mir immer ein gnädiger Herr war , da wär es alles anders und gäbe keinen Heidereiter mehr , und ich hätte den Titul . Und weiß es Gott , ich wollt ihm Ehre machen , und sollte keines Menschen Schad oder Schande sein . « Es hatte Hilden einen Stich gegeben , als des Maus-Bugisch und jenes unheimlichen Tages wieder Erwähnung geschehen war ; Martin aber fühlte wie der Vater und vergaß für den Augenblick wenigstens aller eigenen Kränkung und nickte und trank ihm zu . Und so vergingen Stunden , und als endlich der Heidereiter , des Sprechens müde , sich in den Stuhl zurückgelehnt und seinen Meerschaum angezündet hatte , rief er Hilden zu , daß sie was singen solle , was recht Hübsches und Trauriges , so was , wie sie letzten Geburtstag mit dem Martin zusammen gesungen habe : das » vom Junker von Falkenstein « . Oder auch was anderes . Und so sangen sie denn das Lied vom » eifersüchtigen Knaben « , und Baltzer hörte so fromm und andächtig zu , als ob es aus einem Gesangbuch gewesen wär , und blies dabei seine Wolken in die Luft . Und auch Grissel schien eine Weile lang ganz Ohr ; als aber die Strophe kam : Ich kann und mag nicht sitzen , Mag auch nicht lustig sein , Mein Herz ist mir betrübet , Feinslieb von wegen dein ... , da stand sie vom Tisch auf und ging in die Küche hinaus , erst , um wieder Ordnung zu machen , und danach auch , um ihren Staat vom Boden zu holen . Denn der nächste Tag war ein Sonntag , und sie versäumte nicht gern die Kirche ; so wollt es der Heidereiter , und so war sie ' s gewöhnt von Kindheit an . In der Stube mittlerweile reihte sich unablässig Vers an Vers , immer monotoner und immer trauriger , weil sich die Kinder zugeblinkt hatten , es ihm recht traurig zu machen ; und als gegen das Ende hin die Stelle kam : Was zog er ihr vom Finger ? Ein rotes Goldringlein ... , da sahen sie zu nicht geringer Freude , daß des Alten Kopf auf seiner linken Schulter ruhte . Wirklich , er war eingeschlafen , müde von der Fahrt und dem Wein , am müdesten aber von der Einförmigkeit ihres Gesanges ; und weil ihnen nichts ferner lag , als ihn wecken zu wollen , so schlichen sie sich fort und drückten so geräuschlos wie möglich die Tür ins Schloß . Auf der Diele draußen aber , um völlig sicherzugehen , taten sie noch ihre Schuhe von sich und tappten sich bis an die Treppe , wo sie , bevor sie hinaufstiegen , einen Augenblick stehenblieben und horchten und kicherten . Oben aber , gerade der Stelle gegenüber , wo die Treppe mündete , war ein Lattenverschlag , und hier saß Grissel all die Zeit über und nahm aus einer großen Truhe , deren Deckel hoch aufgeklappt war , ihren Sonntagsstaat heraus : Latz und Kopftuch und Rock und Mieder . Und sie schien ganz in ihren Staat vertieft . Als sie jedoch das Kichern unten hörte , blies sie das Licht aus und duckte sich bis an die Erde . Denn es war Mondschein , und der Schatten , der strichweise unter dem Dache hinlief , verdeckte sie nur halb . Und nun waren Martin und Hilde die Treppe hinauf und standen unter einer Luke , durch die von oben her ein breiter Lichtstreifen einfiel . Und hier war ' s , wo sie sich trennen und in ihre Giebelkammern nach rechts und links hin abbiegen mußten . Und sie trennten sich auch wirklich . In demselben Augenblick aber , wo Martin an seiner Tür hielt und eben schon die Klinke faßte , wandt er sich und rief mit gedämpfter Stimme zweimal über die Diele hin : » Gute Nacht ! « Und auch Hilde hatte sich gewandt , als ob sie ' s nicht anders erwartet habe , und wie vom selben Geiste getrieben , liefen beide wieder auf die Stelle zu , wo sie vorher gestanden , und umklammerten