die Seele unter Schmerz und Lust und Tränen nackt an den Tag drängt , da staucht und hemmt sie erst das vorlaute Wort , die dreiste Kehle , wie man ein Wehr hemmt , wenn man die Tiefe des Wassers trocken und nackt sehen will . Endlich lispelte die Fürstin leise , so leise , daß es nur mit Mühe mein innerster Mensch erlauschte : » Du bist ein Mann « , und ich fühlte einen brennend heißen Kuß auf meinem Munde . Sie schlug die schönen Arme um mich , ich hob sie dicht zu mir und hielt sie , die halb schwebende , die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in meiner Umarmung verweilte . Dann hob sie den Kopf , drückte mein Gesicht in ihre Hände und küßte mich einige Male heftig , machte sich halb los von mir , warf Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem Kopfe . » Komm , Mann , « sprach sie , legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer auf und ab , hie und da blieben wir stehen und küßten uns inbrünstig , und meine passive , mir so ungewohnte Rolle von mir werfend , drückte ich die vollen straffen Glieder des schönen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum , umschlang sie wie ein Löwe sein Weib , überließ mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens , und küßte sie , bis sie weich und erschöpft in meinen Armen zusammenbrach , da hob ich sie , einen Arm um ihren Leib schlagend , die Hand an ihren Busen drängend , an meine Seite und ging , sie halb tragend , mit ihr durchs Zimmer . Vor dem Spiegel blieb ich stehen und zeigte ihr unser Bild . Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten , aber es gelang ihr nicht , sie ließ das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit einem lächelnd naiven Ausdrucke , dessen ich sie gar nicht fähig gehalten hätte , auf unsere Gruppe im Spiegel . - - Die Stunden waren geflogen , wir saßen auf dem Diwan und ich mußte ihr Liebesgeschichten erzählen . Sie meinte , eifersüchtig sei sie nicht auf die Vergangenheit . Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende bringen , ohne daß sie mich da , wo sie anfing interessant zu werden , auf den Mund schlug , stillschweigen hieß , aufstand , einen Gang durchs Zimmer machte , dann vor mir stehen blieb , zausend in meine Haare griff und halb zornig , halb lachend sagte : » Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben , dreister Mensch . « Ich lachte und zog sie an meine Brust , und drückte die Hand in ihren Busen , um den Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen , und als ich ihr sagte , sie hätte ja kein Herz , da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg . Ich sprang ihr nach - » still , « sagte sie - » Du mußt jetzt fort , es wird zu spät , meine Dienerschaft kümmert mich zwar nicht ; aber es reizt mich , nichts vor dem besorgten Bürgerweibe voraus zu haben - man soll Dich fortgehen sehen . Dieser Schlüssel - sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan - schließt die westliche Gartenpforte , ich habe ihn selbst heut mittag für Dich abgezogen , Du Schuft ; in einer Stunde kannst Du zurückkehren . Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an der Ostseite des Hauses , die mittlere Flügeltüre findest Du offen , geh dann durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliothekzimmer , dort erwarte mich . Adieu , Mann meiner Liebe ! « - - - Das Palais liegt , wie Du weißt , halb im Freien ; ich wollte in frischer Luft und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die Wege , die zu den umliegenden Gärten führen . Aus einem etwas seitab liegenden Gartenhause hör ' ich Musik , eine Singstimme zum Klavier , und zwar Juliens Arie aus der Vestalin , die ich liebe . Ich gehe hinan , und aus einem hohen Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme . Ein Gartenschemel , der in der Nähe steht , soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren , er wird unters Fenster getragen , ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen Überrocke , mir den Rücken zukehrend , am Klavier sitzen . Die Arie ist zu Ende , sie läßt die Hände in den Schoß , den Kopf nach vorn niedersinken . Ich rege mich nicht . Sie hebt eine Hand und fährt leise mit ihr auf den Tasten herum . Dabei bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite , ich sehe das Profil , es ist - Desdemona . » Guten Abend , Desdemona ! « - Sie fährt auf , sieht , erkennt mich , springt ans Fenster , greift nach meiner Hand , bedeckt sie mit Küssen und spricht : » Mein liebster Hippolyt . « Sie fragt nach nichts , sie schilt nicht , sie gießt nur ihre Seele aus dem Auge in das meine ; wir schwatzen kosend wie zwei Vögel , die auf zwei Ästen sitzen , da schlägt es elf . » Einen Kuß , Desdemona , ich gehe . « Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin . » Gut ' Nacht , Hippolyt , « sagt sie - Gut ' Nacht , Desdemona , und die Vöglein flattern voneinander . In wenig Minuten war ich an der Gartentür , auf dem Balkon , im Bibliothekzimmer , ich suchte mir Heinses Ardinghello , streckte mich aufs Sofa , und las beim Schein der Astrallampen , die den weiten Raum erhellten .