lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei kommen könne . Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder evangelische Konfession . Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht besaßen , mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms entreißen , anderseits war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen , weil es möglich war , daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein Anrecht andrer Art geltend machen konnte . Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte , Caspar solle einen Religionslehrer erhalten , man überlasse es Daumer , einen vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen . » Wie wäre es mit dem Kandidaten Regulein ? « meinte Binder . » Ich habe nichts dagegen « , erwiderte Daumer gleichgültig . Der Kandidat wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines soliden und fleißigen Mannes . » Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin « , sagte der Bürgermeister , » so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen zuwider , und ich wünschte nicht , daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses Weltwesen gerät . Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen . « Aha , ein Stich , dachte Daumer stillergrimmt , man beleidigt , verdächtigt mich schon wieder , ich bin niemand bequem , sehr ehrenwert , ihr Herren , sehr ehrenwert . Laut antwortete er : » Gewiß nicht . Ich habe es auch nicht fehlen lassen , in meiner Art auf ihn zu wirken . Und meine Art mag sein , wie sie will , sie ist nicht schlechter als jede andre . Leider haben mir allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht . So war es mir in der ersten Zeit mit großer Mühe gelungen , den starren Eigensinn seines Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des Wachstums in der Natur zu geben . Kommt da ein Frauenzimmer an , während Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet . Nun , Caspar , fragt sie einfältig , wer hat denn das wachsen lassen ? Es ist von selbst gewachsen , erwidert er stolz . Aber , Caspar , ruft jene , es muß doch jemand sein , der es hat wachsen lassen ? Er würdigte sie keiner Antwort mehr , aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall , Caspar werde zum Atheisten gemacht . Da hat man eben einen schweren Stand . « » Es handelt sich doch am Ende nur darum , ihm das Gefühl einer höheren Verpflichtung einzuimpfen « , sagte Binder . » Die hat er , die hat er , aber sein Verstand anerkennt eben in seinen Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein « , fuhr Daumer leidenschaftlich fort . » Gestern abend besuchten ihn zwei protestantische Geistliche , der eine aus Fürth , der andre aus Farnbach , der eine dick , der andre mager , alle beide eifrig wie kleine Paulusse . Sie machten mir erst allerlei Elogen , ich lasse sie zu Caspar hinein , und ehe man drei zählen kann , fangen sie eine Disputation mit ihm an . Ach , es war komisch , es war höchst komisch . Es kam die Rede auf die Erschaffung der Welt , und der Dicke aus Fürth sagte , Gott habe die Welt aus dem Nichts geschaffen . Und als nun Caspar wissen wollte , wie das zugegangen , stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg , indem sie alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden , der bei seinem Götzen schwört . Endlich beruhigten sie sich , und da sagte mein guter Caspar zutulich , wenn er etwas machen wolle , müsse er doch etwas haben , woraus er es mache , sie möchten ihm doch sagen , wie das bei Gott möglich sei . Da schwiegen sie eine Weile , flüsterten untereinander , und endlich antwortete der Magere , bei Gott sei alles möglich , weil er nicht ein Mensch sei , sondern ein Geist . Da lächelte mich Caspar an , denn er dachte , sie wollten sich über ihn lustig machen , und er stellte sich , als glaube er ihnen , was die beste Manier war , um sie loszuwerden . « Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf . Daumers Sarkasmus gefiel ihm ganz und gar nicht . » Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von Gott als die , die sich so mühelos verspotten läßt « , wandte er ruhig ein . » Eine gedachtere Ansicht ? Ohne Zweifel . Vergessen Sie nur nicht , daß die der gemeinen durch und durch widerspricht . Und wenn ich sie ihm beizubringen suche , setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus . Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen , für einen Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit , da würden nun meine Lehren wieder zunichte gemacht , und die Folge ist Konfusion . Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit bequemen Antworten ab . Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche halber nicht arbeiten , und er fragte mich , ob er von Gott , etwas erbitten dürfe und ob er es dann erhalten werde . Ich sagte , zu bitten sei ihm gestattet , doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen , ob er die Bitte gewähren wolle oder nicht . Er entgegnete , er wolle die Genesung seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden haben , denn er gebrauche die Augen , um seine Zeit nicht in unnützen Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen . Ich sagte darauf , Gott habe bisweilen unerforschliche Gründe , etwas zu versagen , wovon wir glaubten , daß es heilsam wäre , er wolle uns oft durch Leiden prüfen , in Geduld und Ergebung üben . Da ließ er traurig den Kopf hängen . Gewiß dachte er , ich sei