es da nicht schöner , sich zu fassen , um den Leib , das fiebernde Fleisch aneinanderzudrücken , sich den glühenden Atem in das Gesicht zu blasen und zu suchen , einander weh zu tun ... , zu verwunden , wie die Bauernburschen es unten im Kruge tun ? Statt dessen reicht man sich die Hand , lächelt : » Besten Dank ! Auf Wiedersehen . « - Pfui ! Die Adventszeit war da . Lene saß abends am Klavier und sang Choräle . Werner hielt Nachmittagsandachten , während die untergehende Sonne durch die Kirchenfenster schien und die Gesichter der Leute rot malte : Oder er besuchte die Schulen . Gröv , hektisch-rote Flecke auf den mageren Wangen , die Augen entzündet , stand an dem Pult und sprach mit hoher , erregter Stimme auf die Kinderschar ein . Die Wintersonne schien hell über die blonden Kinderköpfe . Die Kinderstimmen , die sich draußen heiser geschrien hatten , sagten eintönig und taktmäßig Sprüche her , in denen von großen Wundern und großen Geheimnissen die Rede war - , die Augen klar und voll verständnisloser Andacht . Werner hatte diese Zeit stets geliebt , in der die großen Mysterien eine familienhafte Traulichkeit annahmen , in der Frauen , Mädchen und Kinder sich in den ewigen Dingen gemütlich zu Hause fühlten , wie in ihren Stuben . Überall war etwas Wunderluft . Auch jetzt ging Pastor Werner seinen Amtsgeschäften ruhig nach . Er konnte andächtig und heiter sein . Aber neben dem Pastor Werner ging ein anderer her . Er versteckte sich , er war jedoch da - fremd - unheimlich - - unentrinnbar . Wenn Werner abends bei der Lampe Lene gegenübersaß und zuhörte , wie Lene über friedliche , kleine Dinge plauderte , dann geschah es wohl , daß sie plötzlich ausrief » Was ist dir ? « » Mir ? Nichts - warum ? « » Du machst ein Gesicht , als schmerzte dich was . « Werner lachte : » Was du nicht siehst ! « Allein , wenn es still im Hause wurde , wenn er in seinem Arbeitszimmer saß , dann kam er - der andere - unabänderlich , ein Gast , der nie ausblieb . Werner hörte auf den Schlag der Uhr , wartete in dumpfer Ergebung . Es schlug zwölf . Werner erhob sich , zog seinen Pelz an , nahm seinen Stock und ging hinaus , pünktlich , wie zu einem gewohnten Geschäft . Und während er leise durch das Haus zur Haustür schlich , mußte er an das Wort des Johannisevangeliums denken , das von Judas sagt : » Da er nun den Bissen genommen hatte , ging er sobald hinaus . Und es war Nacht . « Die nächtliche Welt um diese Stunde war ihm jetzt vertraut . Zuweilen war der Himmel klar und voller Sterne , oder der Nordwind fuhr in die Bäume , rauschte wild , als riefe er in die alten Föhren eine aufregende Nachricht hinein . Oder dichter Nebel verhängte das Land , tropfte und flüsterte in den Zweigen . Werner kannte jede dunkle Baumgestalt , an der er vorüber mußte . Er kannte die leisen Schritte des Wildes im Dickicht . Er gehörte zu ihnen allen , die ihn umstanden , sie waren seine Mitwisser . Durch die Tannenschonung ging er in den Wald hinein , bis er den schmalen weißen Strich über dem Abgrunde sah . Dort setzte er sich auf einen Baumstumpf im Gebüsch und wartete . Wenn es in seiner Nähe raschelte , dann wußte er , es war der Fuchs , der auf die Jagd ging . Die regungslose Gestalt auf dem Baumstumpf schreckte den Fuchs nicht . Er war an sie gewöhnt . Er mochte gemerkt haben , daß dieses Raubtier , das so still auf der Lauer lag , ihm nicht ins Gehege kam . Werner wartete geduldig , bis sie herankamen : der Schlitten - das schwarze Pferd - eilig , lautlos . Sie glitten über den weißen Strich - schwebten über dem Abgrunde - und waren hinüber und verschwunden . Werner steckte sich eine Zigarette an , rauchte und wartete , bis der Schlitten wiederkam , einen Augenblick über dem Abgrund schwebte und verschwand . Um das zu sehen , dieses Schweben über dem Abgrund , kam er Nacht für Nacht . Das war ein Augenblick furchtbarer Spannung . jetzt - jetzt mußte die zierliche , schwarze Vision auf dem weißen Strich im Abgrund verschwinden ! Die Bibel war so voller Wunder . Was wirkten die Leute da nicht alles mit ihrem Willen ! Sie machten Tote auferstehen und Lebende tot zur Erde fallen . Konnte er denn nicht mit der Gewalt seines Willens eines dieser morschen Bretter zum Brechen bringen ? Nur ein Brett und - - - Oft , wenn der Schlitten an ihm vorüber war , stand Werner von seinem Baumstumpf auf , ging auf die Brücke hinauf , vorsichtig und aufmerksam . Er betrachtete sorgsam jedes Brett , prüfte es mit der Hand . Dieses war ganz morsch , dieses lag nur lose auf - hier war ein Spalt . Es mußte einmal geschehen . Wenn einer eines dieser Bretter zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand verschob - - ein leichter Schwindel faßte ihn . Er mußte für einen Moment die Augen schließen . Dann ging er wieder an seinen Platz zurück . » Wenn einer zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand eines dieser Bretter verschiebt « - klang es in ihm wider , eintönig , eigensinnig , wie ein sinnloser Refrain . Und um ihn flüsterten die kleinen Tannen » - ver - schiebt - ver - schiebt « , und oben fielen die alten Föhren laut und majestätisch ein » versch - - iebt - ver - schiebt « - Der ganze Wald dachte nur daran . War es vorüber , war der Schlitten zurückgefahren , dann ging Werner nach Hause - die Glieder schlaff - das Herz