Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich schließt . Wie Hans diese einsame Blume sah , war es ihm , als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz stehen , und erst viel später , wie er schon erwachsen war , wußte er , daß da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen , und verspürte einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch , wenn er in seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete . Mit geringerer Stärke hatte er solche Gefühle auf andern Gängen , die er einsam machte und für sich ; so , wenn er am Waldrand dahinschritt , wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit überbogen , indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen , oder er wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern , und rechts und links streiften ihn die schweren Ähren , die überhingen , und eine Lerche stieg schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem kleinen Punkte oben im Blau , von dem es herabjubelte ; ja selbst der Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und glückliche Freude zu erwecken . Der Grund bei allem diesem aber war wohl , daß es ihm schien , weil seine Brust sich weitete , so fließe er zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm , so daß alles eins sei . Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im Hintergrund , das sich an die Schule knüpfte ; da waren unbekannte Gedanken , daß er eigentlich arbeiten müsse , und daß er nicht seine Pflicht erfülle , und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können , denn trotzdem er unter den Ersten saß , war er sich doch bewußt , daß er lange nicht wußte , was man wissen mußte ; und allerhand Vorwürfe machte er sich dann , wenn er an seinen Vater dachte , wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte , nur damit er selbst lernen sollte . So schwer war diese Last , welche die Schule auf seine Seele legte , daß er auch nach vielen , vielen Jahren sie noch spürte , wie er schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte . In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über den lieben Gott , wie er bisher gehört . Die Religionsstunde hatten die Jungen bei einem Lehrer , dem ein langer , blonder Bart gewachsen war , und der oft einen kleinen , runden Taschenspiegel vorzog , den er auf den Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete ; auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig , daß sie glänzten wie poliert , und wenn er sich setzte , so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe , um sie zu schonen , weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten . Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott , sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer , daß es war , als glaubten sie an die , was natürlich bloß so schien . Und die Jungen dachten eigentlich gar nicht an Gott ; das war so , daß er sich geschämt hätte , vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen , denn er hatte das Gefühl , daß das nicht hierher paßte . Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt . Da sagte dieser , heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott , und die es doch täten , wären entweder Heuchler wie die Pfaffen , oder sie seien Dumme . Wie Hans ihn fragte , was dann sein Onkel sein sollte , verstummte er zuerst , und dann erklärte er , der sei » hinter seiner Zeit zurückgeblieben « . Solche Meinungen schienen Hans ganz schrecklich , und er hatte großes Mitleid mit Karl ; der aber lachte und sagte , er wolle ihm ein Buch borgen , in dem sei das alles ganz klar bewiesen . Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen , dann aber meinte er , daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne , wenn er ihm solchen Widersinn klar mache , wie in dem Buche geschrieben sein werde , und deshalb studierte er es durch . Da war nun aber plötzlich alles anders geworden . Karl hatte recht , in dem Buch war ganz klar nachgewiesen , daß es keinen Gott gab und daß nur die Schlechtigkeit der Menschen , insbesondere der Pfaffen , die von der Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen , noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte . Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen . Das fiel ihm nun schwer aufs Herz , denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen , daß er an die christliche Lehre glaubte , und das konnte er nun nicht . Wie er Karl fragte , was der tun werde , da konnte ihm der auch keinen Trost geben , sondern meinte , das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen , wenn einer dazu sein » Ja « sage , denn jeder wisse ja doch , was von diesen Dingen zu halten sei . Diese Meinung schien Hans nicht richtig , und er beschloß deshalb , einen Erwachsenen zu fragen , wiewohl er eine große Scheu hatte , wie wenn er etwas Verbotenes getan habe ; aber weil es sein mußte , so überlegte er sich lange , wen er angehen solle , seinen Vater oder den guten Pastor , und er entschloß sich endlich , zu seinem Vater zu gehen . Der aber erwiderte ihm nichts auf das , was ihn bekümmerte , sondern wurde nur ärgerlich und sprach , er solle keine törichten Bücher lesen , sondern sich an seine Schulsachen halten und