davon hab ich überhaupt nicht viel . Wenn mein Ziel nicht wäre . Vorläufig bleibe ich noch hier - es ist auch ganz nett , nur diesen Sommer etwas unruhig ; fortwährend muß man ausfahren , Theater spielen und so weiter . Früher ließ meine Tante mich den ganzen Tag arbeiten , jetzt findet sie , ein junges Mädchen muß sich vor allem amüsieren . Gott ja , ich amüsiere mich auch , aber es bekommt mir innerlich nicht , ich gerate zu leicht in das hinein , was Detlev meine Tobsucht nennt . Und das ist natürlich auch wieder nicht recht : ein junges Mädchen muß immer die Grenzen innehalten ! - Aber wenn ich einmal anfange , kann ich das nicht . Ich möchte dann nur losrasen und alles vergessen , bis ich zusammenklappe , und dann wieder von vorne an und so durch alle Tiefen und Höhen des Lebens durch , bis es aus ist . Weißt Du , was man so inneren Halt nennt , ich glaube , das fehlt mir gänzlich . Das mußt Du mir geben , Du hast so viel davon - und in Deiner Liebe werde ich es finden . Allenberg , 15. August Nun bin ich schon wieder anderswo , Du siehst , ich suche noch die sämtlichen Güter heim , ehe ich mich ins Seminar begrabe . - Hier bin ich alle Tage schon bei Sonnenaufgang an der See und bade ganz alleine . Es ist wundervoll , so allein in das kühle , goldene Wasser hineinzuschwimmen , während der ganze Himmel rot ist . Sonst beschäftigen wir uns damit , ein paar störrische Esel zuzureiten ohne Sattel und Zügel , und abends wird fast immer getanzt . Es ist hier überhaupt ein ideales , verwöhntes Landleben - so ganz leicht wird es mir doch nicht , von alledem Abschied zu nehmen . Aber ich denke daran , daß wir uns dann wiedersehen - endlich , nach all den Monaten . - Und Ostern schon geht ihr beiden von der Schule - und ich bleibe ganz allein . Deshalb habe ich jetzt auch Eile , zurückzukommen , damit wir wenigstens dies halbe Jahr voll genießen können . Und es soll so schön werden . L ... Deinen Brief , daß Du für die Ferien verreistest , bekam ich erst heute morgen und fuhr mit sehr gemischten Gefühlen hierher . Detlev ist ja auch noch nicht da , und ich mit den Eltern allein . Vorhin habe ich meine Malsachen eingepackt - mir war dabei , als ob ich jemand Geliebten in den Sarg legte , aber ich glaube an eine Auferstehung . - Dann den Schreibtisch ans Fenster gerückt , damit ich Dich immer sehen kann , wenn Du zu Detlev kommst . - Als ich gerade dabei war , kam meine Mutter und sprach mit mir über das Seminar . Ich sollte nur recht fleißig sein , und wir wollten jetzt in Frieden leben . Das schnitt mir durchs Herz , Friedl , früher hat sie nie so mit mir gesprochen . Ich glaube , sie hat jetzt Angst , daß sie uns doch einmal ganz verlieren könnte . Mama ist überhaupt ganz anders geworden , sie hat etwas Milderes , das ich sonst an ihr nicht kenne , und wenn sie nur gut mit mir ist , habe ich sie doch wieder so lieb . - Aber es ist zu spät - gerade in dem Augenblick fühlte ich auch , wie sehr ich schon losgelöst bin . - Sieh , Friedl , von Natur ist mir alle Unwahrheit verhaßt , aber sie haben mich selbst da hineingetrieben . Du hast ja recht , daß gerade wir als Kämpfer für unsre Ideen alle Lüge verschmähen und unantastbar dastehen sollen . Aber jetzt noch würde es dasselbe bedeuten , wie die Waffen aus der Hand geben und verzichten . Selbst der Weg zur Wahrheit steht uns noch nicht offen . Ach , Friedl , wir werden noch viel bluten müssen um unsre Freiheit ; sagt nicht Lassalle irgendwo , daß wir alle Gladiatoren der neuen Zeit wären ? Von jetzt an wird mein ganzes Zuhauseleben nur noch Schein und Verstellung sein , jedes Wort , das ich sage - mein wahres Leben liegt anderswo - mit Euch . Aber wenn ich so allein bin , ist mir oft , als ob ich diesem Widerspruch erliegen müßte - jeden Schritt zu mir selbst mit Lügen erkaufen . Aber es muß sein und ich werde die Kraft auch finden . - Und wie lange wird es dauern , bis einmal alles herauskommt - mir ist , als ob ich auf einer Pulvertonne lebte , die jeden Augenblick in die Luft fliegen kann . Wenn Du nur erst hier wärest - - - Ellen stand am Fenster und hörte durch Herbstwind und Regen vom nahen Bahnhof herüber die Züge pfeifen . Heute abend sollte Friedl ankommen . Es wurde dunkel , sie zündete die Lampe an und wollte den Vorhang herunterlassen . - Da stand plötzlich jemand drüben unter der Laterne und sah herüber . Sie riß das Fenster auf , Sturm und Regen schlugen ihr ins Gesicht . - Ja , das war er , in seinem weiten Mantel - - - - keiner versuchte ein Wort oder ein Zeichen , sie mühten sich , mit den Blicken durchs Dunkel zu fühlen , als ob nur ihre tiefe Sehnsucht die Arme ausbreitete . - So standen sie sich lange stumm von ferne gegenüber . Als dann der Bruder ins Zimmer kam , schloß sie gerade das Fenster , die Haare hingen ihr naß in die Stirn . » War Friedl da ? « fragte er , dann fielen sie sich in die Arme und konnten beide eine Zeitlang nicht sprechen . Detlev war der getreue Helfer , unermüdlich trug er die täglichen Briefe hin und her , Blumen , Bücher - holte Ellen von der Schule ab und brachte sie zu ihren