Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen . Sie laufen da allüberall herum ! Du hast sie nur nicht durchschaut , nicht definiert . Wenn die Sonne genau in deinem Zenite steht , so hast du keinen Schatten . Der , den du giebst , liegt unter deinen Füßen ; man sieht ihn nicht . Aber sobald sie den Gipfelpunkt verläßt , kommt der Schatten unter dir hevorgekrochen und wird umso größer , je weiter sie sich von dir entfernt . In dem Augenblicke , an welchem dein Tag dahinzusterben und die Sonne für immer von dir zu gehen scheint , ist dieser dein Schatten so weit über alles Menschliche hinausgestiegen11 , daß er die ganze hinter dir liegende Fläche bedeckt und so vollständig verdunkelt , als ob es hier niemals in deinem Leben Licht gegeben habe . Das kannst du bei jedem Sonnenuntergange beobachten . Es giebt aber auch noch andere Sonnenuntergänge . Soll ich dir einen beschreiben ? Den meinigen ? Und den Riesenschatten , der da hinter mir entstand ? « Er schaute in die kleine , leise hin und her wehende Flamme des brennenden Lichtes , dann schloß er die Augen , als ob er selbst den nur matten Schein desselben jetzt nicht ersehen könne , und sprach dann weiter : » Mein Morgen war vergangen . Ich hatte Mittagszeit . Die Sonne stand grad über mir . Rund um mich her lag Helligkeit . Es wurde mir zu heiß , so schattenlos in solchem Licht zu stehen . Ich sah mich um . Meine ganze Welt schien Glück und Frieden auszustrahlen . Nur Freundesaugen sahen mich an . Nur Freundeshände griffen nach meiner Rechten . Nur Freundesworte drangen an mein Ohr . Aber es war mir unmöglich , dieses so gänzlich ungetrübten Sonnenscheines in meinem Innern froh zu werden . Ich kannte die alte Sage von jenem neidischen Erdengotte , der es nicht duldet , daß der Sterbliche sich glücklich fühle . Ich schaute besorgt empor zur Spenderin all dieses grellen Lichtes . Sie lächelte mir , wie eben noch , in heller Wonne zu . Aber ich sah , daß sie ihre Stellung zu mir aufgegeben hatte . Die Linie von ihr zu mir war schief geworden . Und da begann der Erdengott , sich unter mir zu regen . Er hatte sich zu meiner Mittagszeit mit meiner Person so vollständig einverstanden erklärt , daß er seine Dunkelheit gänzlich aufgegeben zu haben schien . Da bemerkte ich , daß die freundlichen Blicke mich verließen und nach unten glitten . Sie schauten hinter mich . Ich blickte an mir herab , bis tief zu meinen Füßen . Was sah ich da ? ! Einen Kopf , der unter mir hervorgekrochen kam ! Er ahmte die Bewegung des meinen nach . Wollte er mich verspotten ? Oder haben die Köpfe der Schatten so gar keine Spur von eigenem Gehirn , daß sie , um existieren zu können , auf die Nachäffung lichtdenkender Menschen angewiesen sind ? Werden sie , die vollständig gedanken- und urteilslosen , von jenem Erdengotte gezwungen , diesen Menschen jede geistige Form und jede intellektuelle Bewegung abzustehlen und sie im Bodenschmutze zu verzerren , um selbst auch einmal für Etwas gehalten zu werden ? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor . Er bemühte sich , dem meinem möglichst ähnlich zu werden . Es war sogar das Bestreben zu erkennen , meine Gesichtszüge wiederzugeben . Aber so oft ich ihm das Gesicht auch zukehrte , ich sah doch nur , daß ihm dies nicht gelang . Diese Schemen haben ja ein-für allemal darauf verzichtet , ein menschenwürdiges Antlitz zu besitzen ! Je mehr die Sonne sich von mir entfernte , um so dreister zeigte sich das Phantom . Die Schultern , der Leib , die Arme kamen zum Vorschein , sogar auch die Beine , aber nicht als wirkliche , greifbare , lebendige Gestalt , sondern als wesenloses Trugbild , welches nur so lange stand hielt , als man sich selbst nicht bewegte . Sobald man ihm aber nähertreten oder die Hand ausstrecken wollte , um es zu prüfen , wich es sofort zurück . Dabei war zu bemerken , daß die erst vorhandene Aehnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhältnisse verringerte , in welchem das Zerrbild sich vergrößerte . Es verschwanden nicht nur sehr bald diejenigen Konturen , welche möglicherweise hätten auf mich schließen lassen können , sondern die Mißgestalt wurde allmählich so unförmlich und ging nach und nach derart in das Ungeheuerliche über , daß es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam , die Stelle , an welcher ich stand , als den Entstehungspunkt derselben zu betrachten . Freilich waren ihre Füße grad da zu sehen , wo ich mit den meinen stand ; außer diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund , anzunehmen , daß diese ultramonströse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir stehe . Ich stand auf dieser Stelle aufrecht , selbstbewußt , eine kraftvoll und unabhängig sich bewegende Persönlichkeit ! Wie aber der Schatten ? Er hatte sich aus dem Schmutze entwickelt , den ich mit Füßen trat ! Aus ihm war er unter diesen meinen Füßen hervorgekrochen ! Aus ihm hatte er versucht , sich an mir emporzurichten , wohl gar über mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen ! Aber es giebt keinen Schatten , der nicht fallen muß ! Auch dieser mein ultramonströser Schatten fiel ! Er konnte und durfte nichts als fallen - fallen - - fallen ! Das ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens - - jeder Dunkelheit - - jeder Finsternis ! - - Und das Selbstbewußtsein ? Konnte der Kopf meines Schattens überhaupt Etwas enthalten ? Ja ? Nun dann aber ganz gewiß nicht ein eigenes Selbstbewußtsein , sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen ! Infolge dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich , mich zu haben ; aber ich , ich hatte ihn ! Er war Schatten ; er ist Schatten ,