nicht daran ! Arbeit ! Vielleicht war es zu retten ? - Denk nicht daran ! Arbeit ! Sie leben dort , gebückt zum felsigen Boden . Ihr Rücken ist gekrümmt , ihre Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln . In ihren Gesichtern sind Runzeln und Falten von zuviel Luft . Ihre Augen tränen von zuviel Luft . Aber zwischen den Tränen glänzt ihr gerader unverhüllter Blick wie ein Stern ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Das Kind ist gestorben . Mein Vater hat es sterben sehen . Er liebte das Kind . Er hielt es in den Armen , bis es starb . Seine Arme sind auch hart wie knorrige Wurzeln . Die Tränen liefen ihm in den weißen Bart , weil das Kind gestorben war . Er ging auf die Felsen , kam zurück und lächelte : » Die Alpenrosen ! « Sein starkes Herz lächelte : » Die Alpenrosen ! « Was hat sein Herz so stark gemacht ? Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit , und sei es die graueste , eintönigste ! Arbeit , und sei es die blutigste , hoffnungsloseste ! Arbeit , mein Opium ! mein Rausch ! Arbeit , meine Betäubung ! mein Leben ! Hetzjagd von Minute zu Minute ! Hetzjagd von Gedanke zu Gedanke ! Nie zu Haus , weder drinnen noch draußen ! Arbeit ! Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken . Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der Kliniken belegt , wie es sich gehörte . Der Eindruck war ein überwältigender . Die » wissenschaftliche « Haltung , welche vor den Leichen des Präpariersaals mühsam errungen worden , zerbrach vor dem lebendigen Leiden , vor dem Stöhnen und Ächzen , dem Wimmern der Angst , dem Schreien der Qual , vor dem trostsuchenden Fleheblick der gepeinigten Kranken , vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die unersättliche Grube . Der Schnitt in das lebende , blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der in die weiße , wächserne Leiche . Die Zersägung des rotmarkigen Knochens hatte eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen , präparierten Schädels . Das Leben schrie zum Leben , vor dem Tode . Es schrie um Hilfe mit seinen Wunden , seinem Elend , seiner Verkrüppelung . Es wehrte sich gegen die Vernichtung mit kleinen , fleischlos weichen Kinderknöchelchen und mit den erlahmten , verbrannten , zerknickten Muskeln junger Riesen , die man aus den Fabriken heraustrug . Es schlug um sich mit den verzehnfachten Kräften des Wahnsinnigen , es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindsüchtigen . Das Leben schrie , und vor dem schreienden Leben stand der Arzt , auch ein schwaches , stets bedrohtes , dem Tode unterworfenes Geschöpf , und dieses auch schwache , stets bedrohte , dem Tode unterworfene Geschöpf nahm eine » wissenschaftliche Haltung « an , um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu verdecken . Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf Namen , lange , gelehrte Bezeichnungen , und er taufte die zerfressenen Nasen so und die vereiterten Lungen so und die gelähmten Gehirne so , und es schien ihm , als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgeblitzt . Das Leben schrie , und der Hoffnungslose forschte , warum es schrie , und fand , warum es schrie - was man so finden nennt - und er schrieb die Geschichte der Krankheit , ihre Symptome , ihre Entstehung , ihren Ausgang , den immer gleichen Ausgang . Und er sagte : Jetzt ! jetzt haben wir es . Das heißt , wir glauben jetzt zu wissen , was dies sein könnte . Wir haben dies studiert . Wir haben Bücher darüber geschrieben . Es kommt bei Millionen vor . Es hat verschiedene Grade und Stufen . Wenn wir es merken , so ist es schon zu spät . Aber doch ist es gut , alles ist gut , denn wir wissen ! Und die Hauptsache ist : Das Material geht uns nicht aus . Der Mensch ist sterblich , aber die Krankheit ist unsterblich . Sie wird immer von neuem geboren . Sie wird immer von neuem erworben . Es ist sehr wohl möglich , daß wir noch einmal dahinter kommen , was es ist . Inzwischen probieren wir , inzwischen experimentieren wir und fühlen uns Herren über Leben und Tod . Unter unseren Händen quillt das jüngste Leben ans Licht . Wir übergeben es dem Licht , wie wir den Sterbenden dem Grabe übergeben . Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang , vom Anfang bis zum Ende . Josefine sah , wie einige dieser Ärzte so sicher wurden , daß ihre Sicherheit ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg . Sie hörte einen Professor sarkastisch halb , halb mitleidig lächelnd sagen : » Für den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles . « Er entschuldigte den Naturmenschen , er lächelte milde und mitleidig über den Naturmenschen , für den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat . Nun ja ! ein Naturmensch ! Aber freilich - ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen ! Der Naturmensch hatte immerhin den Ausweg , einen Professor zu fragen - einen von uns ! - und sich belehren zu lassen , daß der Tod nichts Geheimnisvolles hat . Gar nichts ! Tod ist einfach : letaler Ausgang . Und letaler Ausgang ist immer das Ende . Also - was gibt es da Geheimnisvolles ? Nur ein Naturmensch kann in einem so alltäglichen , allstündlichen , allminütlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen ! Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis über den Kopf und machte ihn roh wie einen Trunkenen . Und er sprach zu dem Sterbenden : » Kehre uns dein Gesicht zu , damit wir sehen können , wie du stirbst . « Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem Sicherheitstrunkenen bemerklich , daß er » zu wissenschaftlich « gewesen war . Josefine hörte es auch