Brautbuketts , das Sylvia hier hatte liegen lassen , als sie von der Mutter Abschied nahm . » Hier bin ich , « sagte Rudolf eintretend . » Wünschest Du etwas von mir , Mutter ? « » Nur Deine Gesellschaft , liebes Kind ... Mir war so bang ... Komm , setz ' Dich daher ... Hab ' ich Dich durch mein Rufenlassen gestört - Du spieltest vielleicht Karten unten mit den Gästen ? Ich will Dich ja nicht lang aufhalten ... « » O , ich habe keinerlei Sehnsucht , wieder hinunter zu gehen . Der Pfarrer hat meinen Platz am Taroktisch übernommen und Du hast mir den größten Gefallen erwiesen , indem Du mich rufen ließest ... Sind das alle Depeschen ? « Rudolf zeigte auf einen Haufen Telegramme , der auf dem Tischchen lag . » Ja , ich habe vorhin alle die Glückwünsche durchgelesen - über zweihundert ... fast überall dieselben Worte . Von hoch und nieder - von ihren einstigen Bonnen und von Erzherzögen : demütig die einen , herablassend die anderen - alle wünschen Sylvia Glück ... Und weißt Du , Rudolf , was ich fürchte ? ... Sie wird nicht glücklich werden . Das habe ich heute wieder mit erschreckender Deutlichkeit empfunden . Und ich fühle mich so schuldig dabei , so schuldig ! ... « Ihre Stimme zitterte . Rudolf legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm . » Mache Dir keine Vorwürfe , Mutter . - Die Zeiten sind nicht mehr , da Eltern über das Schicksal der Kinder verfügten . Sylvia hat frei gewählt ... und schließlich , der Toni ist nicht schlimmer als ein Dutzend andere - « » Unsere Sylvia - meines Friedrichs Sylvia - durfte aber keinem Dutzendmenschen gegeben werden ... Überhaupt , seit einiger Zeit ist mir , als täte ich dem Andenken meines Toten gegenüber nicht mehr meine ganze Schuldigkeit . Als ich an meiner Lebensgeschichte schrieb , da hatte ich das Bewußtsein , eine Aufgabe zu erfüllen ; - jetzt , seitdem diese Arbeit vollendet ist , ist mir , als müßt ' ich anderes wirken , tun , vollbringen , und ich tue ja nichts ... « Rudolf sprang erregt auf und ging einige Schritte auf und nieder . Dann blieb er vor seiner Mutter stehen : » Ich tue nichts . Und das lastet auf Deinem Gewissen wie auf dem meinen . Du hast mich ja dazu aufgezogen , den Kampf fortzusetzen , den Tilling begonnen hatte , und was habe ich bis jetzt geleistet ? Immer nur verschoben und verschoben ... immer nur geplant und geplant ... Aber getan ? Nichts . « » Nun wenn Du im Parlament - « » Ja , das ist auch so einer meiner Pläne , meiner hinausgeschobenen Arbeitsvorsätze . Aber ich fange an zu fürchten , daß es damit auch nichts werden wird ... Es fällt ja immer alles ins Wasser - wie zum Beispiel auch die Bressersche Zeitung ... Das sollte mein Organ werden ; darin hätte ich ausgeführt und beleuchtet , was im Parlament nur angedeutet werden konnte . Wer weiß aber , ob ich überhaupt ins Parlament komme ? Ich werde hin- und hergezerrt , ich möge mich dieser oder jener Partei anschließen , und wenn ich dann sage , was ich eigentlich will - Dinge , die außerhalb der bestehenden Programme liegen , - so finde ich kein Verständnis , so glauben die Leute - ich sehe es ihnen an - ich hätte einen Sporn . Am allerwenigsten verstehen mich die Wähler . Du wirst sehen : ich werde gar nicht gewählt . Mein Gegenkandidat , der tritt so schön vertrauenerregend in die gewohnten Phrasengeleise ; der verspricht so bieder , alle kleinen Lokalinteressen zu vertreten , während ich von Allgemeinheitsinteressen fasele ... Gibt ' s denn eine Allgemeinheit in der Politik ? Glauben denn die Leute nicht immer , daß eine Partei die andere niederringen muß , daß es dem A nur gut gehen kann , wenn der B überlistet und der C zermalmt wird ? Du wirst sehen , mein Gegenkandidat wird zehnmal mehr Stimmen erlangen als ich . Und das wird mich nicht einmal kränken können , denn in jeder Ansammlung von Köpfen gibt es doch zehnmal mehr dumme als kluge ... Hat man als Grundlage von Gesetzgebung und Regierung etwas blöderes , geradezu schädlicheres finden können , als das Entscheidungsrecht der Mehrheit ? « » Das Instrument mag schlecht sein , Rudolf . Aber wenn kein anderes da ist , worauf willst Du Deine Melodie spielen ? « » Meine Melodie ! Wenn nur die auch schon klar und voll und alles andere übertönend mir in der Seele klingen wollte ... « » Das tut sie ja . Wenn ich an die begeisterten Worte denke , die Du bei Fritzis Taufe sprachst ... das war echter Klang - « » O ja , einzelne große Glockentöne , die ich selber höre , wie sie mir aus Herzensgrund und Seelentiefe schallen ... dann aber kommt wieder der Lärm der Welt hinzu , der sie verschlingt - das Gegacker der Alltäglichkeit , das Gekläffe der Gemeinheit ... « » In solchem Zorne liebe ich Dich ... solche Selbstanklage bürgt mir für Dein echtes Wollen . « » Du bist zu nachsichtig mit mir , Mutter . Ich würde Deinen Tadel , Deine Vorwürfe verdienen . Was hab ' ich bis jetzt erreicht ? Was habe ich nur versucht in jener großen Sache , die Friedrich Tillings Vermächtnis war ? Heute hat es mich wie Reue erfaßt ... « » Wir begegnen uns , mein Kind ; auch ich habe die Empfindung , mich an Friedrich versündigt zu haben . « » Du , wieso ? Was kannst Du in der Sache noch tun ? « » Nicht in der Friedenssache meine ich . Ich meine ... es ist mir schwer zu erklären ... Du hast doch meine Lebensgeschichte gelesen ? Du mußt darin den Abglanz eines Dings