so erklärte Kurt dabei , » steht jetzt in Graudenz und mopst sich in der langweiligen Garnison . Kann ' s ihm nicht verdenken « , fügte der Leutnant mit einem bewundernden , anzüglichen Blick in Lenas lebhafte dunkle Augen hinzu . » Werden in Graudenz schwerlich so viel reizende junge Damen zu finden sein wie in Berlin . « Lena lachte über das wohlfeile Kompliment , während Bornstein , der den beiden auf Schritt und Tritt gefolgt war , dem Leutnant einen finstern Blick zuwarf , der ungefähr zu bedeuten schien : » Was fällt dem dummen Jungen ein , hier schon wieder Süssholz zu raspeln ? « Sehr zu rechter Zeit erschien jetzt die Frau Oberstleutnant und rief ihren Sohn ab . Er sollte die Punschbowle ansetzen . Man wollte bald speisen , um nachher noch Gesellschaftsspiele vornehmen zu können . Bornstein zog bei dieser Ankündigung ein spöttisches Gesicht , und nur die Gewissheit , den Leutnant für den Augenblick los zu sein und die allerliebste kleine Telephonistin auf ein Weilchen für sich zu haben , liess ihn von einer ironischen Bemerkung abstehen . Zunächst versicherte er sich Lenas Tischnachbarschaft mit einem Eifer , als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt für ihn gegeben hätte . Dann zogen sie sich in einen Winkel in der Nähe des bei Seite geschobenen Tannenbaumes zurück . Bornstein machte Lena auf ihre Bitte aus der Entfernung mit dem übrigen Teil der Gesellschaft bekannt . Er zeigte ihr den jüngsten Sohn des Hauses , einen langen Lichterfelder Kadetten , der heimlich Süssigkeiten knabberte und in tötliche Verlegenheit geriet , wenn ihn jemand ansprach . Da war ferner eine Tante , eine unverheiratete Schwester der Hausfrau , die mit ihren Falkenaugen jedes Pärchen neidisch verfolgte . Augenblicklich beobachtete sie ihre Nichte Elisabeth , die sich mit dem sehr spät erschienenen Assessor von Reibenstädt so laut über die Frauenfrage ereiferte , dass man die Schlagworte bis in den engen Winkel neben dem Weihnachtsbaum vernahm . Die letzte , Lena noch unbekannte Person war ein junges , sehr blasses , überaus einfach gekleidetes Mädchen , eine entfernte Verwandte des Oberstleutnants ; wie Bornstein erklärte , das Aschenbrödel des Hauses Strehsen . Dann kam der unermüdliche Erzähler von den Gästen des Hauses auf die Gastgeber selbst zu sprechen . In halblautem , ironisierendem Flüsterton erzählte er Lena von den einzelnen Mitgliedern der Familie , in die er durch Kurt eingeführt worden war . Der Freund selbst wurde dabei am wenigsten geschont . Ein guter Kerl sei er , ja , aber ein schrecklicher Windhund , vor dem sie auf der Hut sein müsse . Lena lachte über diese Warnung , wie über die meisten ungemein drollig hervorgebrachten Bemerkungen Bornsteins . Der aber nahm den Fall ganz ernst und erzählte ihr von haarsträubenden Dingen , die Kurt bei jungen Mädchen angerichtet habe . » Und sind Sie so viel tugendhafter als Ihr Freund , Herr Bornstein ? « fiel Lena ihm neckend ins Wort . Er schüttelte sehr energisch den Kopf mit dem nicht allzu vollen , ins rötliche spielenden Haar . » Mir gefällt nicht so leicht ein Mädchen « , sagte er bedeutungsvoll , Lena mit einem langen Blick ansehend , » wenn mir aber mal eins gefällt - « » Zu Tisch , zu Tisch ! « rief jetzt der scharfe Diskant Clementines . Lena nahm , ohne sich nur im geringsten merken zu lassen , wie sehr diese Bevorzugung ihr schmeichelte , Bornsteins Arm und liess sich in das Esszimmer geleiten , aus dem der Oberstleutnant jetzt verschwunden war . Wie Elisabeth ihr zuflüsterte , hatte er sich mit der Rangliste in sein Schlafzimmer geflüchtet . Bornstein führte Lena zu einem kleinen Tischchen , an dem das blasse Mädchen mit dem Kadetten sass . Da kaum für vier Personen Platz war , hatte Bornstein Kurt hier nicht zu fürchten . Uebrigens sass er bereits am andern Ende des Zimmers zwischen seiner Schwester Elisabeth und dem Assessor . Es schien beinahe , als ob er auf höheren Befehl seiner Mutter zur Beobachtung auf diesen ausgesetzten Posten kommandiert worden sei . Lena amüsierte sich köstlich über die Beflissenheit , mit der Herr Bornstein sie bediente . Häringssalat , Punschbowle , kalter Aufschnitt , alles kam nur so herangeflogen , kaum dass sie einen Wunsch geäussert hatte . Es war das reine Märchen vom Tischleindeckdich , das sie da erlebte . Wenn Lotte das gesehen hätte , oder lieber noch Franz Krieger , der sich einbildete , dass man gar keine Rolle in Berlin spielte , dass man höchst überflüssig , ja eigentlich nur zum Verhungern da sei , Lena hätte etwas darum gegeben . Nachdem Bornstein sich selbst versorgt hatte , setzte er sich dicht neben Lena , mit grosser Geschicklichkeit einen verhältnismässig breiten Raum zwischen ihnen und den beiden andern schaffend . Er fragte sie nach dem und jenem , ihre Heimat und ihre Häuslichkeit betreffend . Als das Mädchen bei diesem Thema bald ziemlich einsilbig wurde , nahm er selbst das Amt des Erzählers wieder auf . Er sprach ihr von seinem Gut , einige Meilen südwestlich von Berlin gelegen , von dem grossen , schön eingerichteten Herrenhaus , das die Leute das » Schloss « nannten , dem prachtvollen Garten mit seinen Obst- und Blumenzüchtereien , die beinahe eine Berühmtheit in der Gegend seien , von seiner Jagd in den umliegenden Forsten , zu der er Kurt im Herbst viel draussen gehabt hatte . » Sobald wir wieder gute Jahreszeit haben , müssen Sie mir einmal die Freude Ihres Besuches schenken . « Als Lena ihn verwundert ansah , fügte er rasch hinzu : » Mit den Strehsens natürlich , die mir ihren Besuch schon lange zugesagt haben . « Lena nickte in ihrer kurzen Art. » Wenn ' s Urlaub giebt und Strehsens mich mitnehmen wollen , mit Vergnügen . « Max Bornstein hatte zwar niemals daran gedacht , die Strehsens in corpore nach Dahlow einzuladen , aber um den Preis