regelmäßigen Intervallen vom Brustkorbe ab , langsam nach oben über den Kopf und drückte sie ihm dann wieder an den Körper . Halef mußte in den gleichen Intervallen ihm den Unterleib nach oben drücken , wodurch eine regelmäßige Erweiterung und Verengerung des Brustkorbes entstand , durch welche die Lunge gezwungen wurde , abwechselnd Luft aufzunehmen und wieder abzugeben . Natürlich hatte ich ihm vorher die Zunge so weit vorgezogen , daß ein Haddedihn sie fassen und festhalten konnte , weil durch sie sonst der Atmungsweg verschlossen worden wäre . Während wir in dieser Weise beschäftigt waren , wurde der Körper des Münedschi , auch an den Beinen , von noch zwei Haddedihn unausgesetzt sehr stark frottiert . Es braucht wohl kaum gesagt zu werden , daß der kleine , gesprächige Hadschi sich während dieser Arbeit fortwährend in Bemerkungen erging , die nicht zur Sache gehörten , von mir aber nicht zurückgewiesen wurden , weil dies auf seinen Eifer abkühlend gewirkt hätte . Dieser mußte im Gegenteile erhalten werden , denn unsere Bemühungen schienen lange Zeit ohne allen Erfolg zu sein . Es war wohl schon eine Stunde vergangen , und ich wurde von der einförmigen Bewegung müde . Eben wollte ich mich für einige Zeit ablösen lassen , als ich bemerkte , daß der Scheintote Farbe bekam ; da war nun freilich von Ermüdung keine Rede mehr . Schon nach kurzem holte er selbständig Atem und öffnete die Augen . Was für prachtvolle Augensterne das waren ! Ich habe viele , viele Reimereien gelesen und gehört , in denen von herrlichen blauen oder gar himmelblauen Augen die Rede ist , aber noch nie ein himmelblaues Augenpaar gesehen . Ich behaupte darum , daß es gar kein rein blaues Auge giebt . Hat es aber jemals wirkliche , herrliche , himmelblaue Augen gegeben , so sind es die des Münedschi gewesen , welche sich jetzt so weit öffneten und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke groß und voll auf den Hadschi richteten . Das war ein mir völlig unbekannter Glanz , ein Blick , der nicht dieser Welt anzugehören , sondern aus dem Jenseits zu kommen schien . » Sihdi , er ist wach ! Er atmet und schaut mich an ! « rief Halef überglücklich . » Durst ! « hauchte der Kranke . Es wurde Wasser gebracht ; wir setzten ihn aufrecht und flößten es ihm langsam und vorsichtig ein , fast nur tropfenweise . Durch diese langsamen und regelmäßigen Schlingbewegungen wurde sein noch schwaches Atmen unterstützt . Es besserte sich . » Danke ! « sagte er , als der ärgste Durst gelöscht zu sein schien . Dann sank er um , schloß die Augen wieder und schlief ein , wodurch aber das Atemholen nicht gestört wurde . Die Züge wurden im Gegenteile immer kräftiger und tiefer . » Hast du seine Augen gesehen , Sihdi ? « fragte mich Halef . » Ja , « nickte ich . » Und dich über sie gewundert ? « » Nein . Diese Augenfarbe hat nicht bloß der Norden . Ich habe sie sogar im Süden der Sahara an ganz dunkel gefärbten Leuten bemerkt . « » Das ist es nicht , was ich meine . El Ghani hat doch behauptet , daß El Münedschi blind sei ; das halte ich aber , seit ich diese Augen gesehen habe , für eine große Lüge ! « » Auch ich neige mich dieser Ansicht zu , doch ist es nicht unmöglich , daß wir uns täuschen . Warten wir es ab ! « » Aber was thun wir nun ? Wir müssen doch aufbrechen , und er schläft ! « » Wir dürfen ihn jetzt nicht stören , werden also bleiben , bis er erwacht . « » Und dann ? « » Dann werden wir ja mit ihm sprechen und also erfahren , was er zu thun beschließen wird . « » Gut , warten wir also ! Es zwingt uns ja nichts zur Eile , und so können wir , während er im Schlafe neue Kräfte sammelt , uns über die Kijahma50 freuen , durch welche wir seine schon abgeschiedene Seele aus dem Lande des Todes zurückgerufen haben . Hast du schon einmal von einer solchen Kijahma gehört , Sihdi ? « » Ja . Ich habe sogar eine Auferstandene sehr gut gekannt und außerordentlich lieb gehabt ; ich liebe sie noch heut , obwohl sie nun nicht mehr zu den Irdischen gehört . « » Wer ist das gewesen ? « » Meine Großmutter , die Mutter meines Vaters , welche der irdische Engel meiner Kindheit gewesen ist und jetzt nun sicher bei den Engeln weilt . Sie war , grad wie auch meine Mutter , so reich an Liebe , daß ich noch heute von und in diesem Reichtume lebe ; es ist das der größte Reichtum , den es giebt , mein lieber Halef . Die Verletzung eines Nerven war schuld , daß sie in Starrkrampf fiel und für tot gehalten wurde . Man bettete sie in den Sarg , und erst ganz kurz vor dem Begräbnisse , als die Leidtragenden den letzten Abschied von ihr genommen hatten , wurde entdeckt , daß sie noch lebte . « » Durch einen Zufall ? « » Halef , du weißt , daß es für mich keinen Zufall giebt . Wenn die allmächtige Weisheit Gottes Ursachen und Wirkungen miteinander verknüpft , deren Verbindung das schwache Auge des Menschen nicht zu erkennen vermag , so wird zur Erklärung das mir so unsympathische Wort Zufall hervorgesucht . Es ist das eine Kantara el humar51 , über welche sogar sonst ganz kluge Leute reiten . « » Lebtest du damals schon , als deine Großmutter scheintot war ? « » Nein . Sie ist zu jener Zeit noch jung gewesen , hat aber bis in ihr sehr hohes Alter oft von der entsetzlichen Angst gesprochen , welche ihr durch den Gedanken , lebendig begraben zu werden , verursacht worden war . « »