bitte , bitte , wartet ! Aber sie warten nicht sie schütteln die Köpfe , sie - - Oh , das ist ein entsetzlicher Traum , und er kommt so oft ! Und immer , hinterdrein , den ganzen Tag , sagt mir eine Stimme ins Ohr : » Es wartet etwas Schreckliches auf dich , gieb nur acht ! « Aber heute , heute bin ich keine Fledermaus ! Heute bin ich ganz lerchenleicht und fliege mit den weißen Wolken , den schnellen , schmalen , weißen Windsegeln durch einen göttlich blauen Sommerhimmel . Schöne Welt , - geliebtes Land , - Gefühl der Kraft , - übervolles Herz - wer kann glücklicher sein , als ich heute ! Die Großen sehn mich verwundert , spöttisch an , aber alle Kinder grüßen mich , reichen die Händchen , und ich halte sie so gern , diese kleine Hände , die einmal die Zügel führen werden , die Zügel der Zukunft ! Liebe Kinderchen , auch euch will ich helfen , auch euer Fürsprech will ich sein ! Bitten , flehen , raten , mahnen , daß eure Herzen warm und rein bleiben , daß eure lieben Augen keine Thränen der Kränkung , des Jähzorns , der Selbstsucht , des Elends trüb machen sollen ! Oh , nur Kraft ! Kraft ! endlose , unermüdliche Kraft ! damit ich euch helfen kann - das ist ' s , um was ich mit gefalteten Händen bitte ! 26. Juli . Wie Schuppen fällt es mir von den Augen , - buchstäblich so , als ob ein Vorhang weggezogen würde : es ist nie , aber auch nie der geringste Versuch gemacht worden , unser Rechtsleben auf das Christentum aufzubauen ! - Das rechtliche Verhältnis von Mensch zu Mensch ist einfach rein heidnisch geblieben . Ist das nicht eine ungeheure Thatsache ? Erklärt sie nicht sehr vieles , vielleicht alles ? Was bedeutet das in dürren , groben Worten ? Es bedeutet , daß wir das Christentum überhaupt niemals wirklich , sondern nur nominell angenommen haben , daß es niemals in das Bewußtsein eingedrungen ist , als eine Richtschnur unseres Handelns hier auf Erden , daß wir vom Christentum überhaupt nichts anderes in unser Vorstellungsgebiet hereingezogen haben , als was wir ohne Beeinträchtigung unseres Egoismus hereinziehen durften : das heißt , die Hoffnung auf das Jenseits , und namentlich die Vertröstung der Armen und Gedrückten auf diese Hoffnung . Das ist alles , was von dieser herrlichsten und erhabensten Lehre berücksichtigt worden ist , als ein staats- und ordnungerhaltendes Mittel , das in den Händen von Gewaltherrschern dazu dient , dem Schrei der Hungrigen zu steuern , und den Gedrückten willig und geduldig zu erhalten : » Für euch den Himmel , für uns die Erde . « So konnte der zweite ungeheure Irrtum entstehen , verhängnisvoller fast als der erste , daß man nämlich das so verstümmelte und seiner positiven Wirkung auf das Diesseits ganz entledigte Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels wegen , als bedeutungslos für die Wirklichkeit , ja wohl gar als schädlich und entwicklungshemmend darstellte , und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original verwechselnd , die Religion der Liebe als Feindin bekämpfte ! Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt , als diese sich verirrten ! Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen , um zu finden , aber man schlug nicht auf , man suchte nicht , sondern man verachtete und bekämpfte . Ein Rechtsleben , gestützt auf das Christentum und seine Lehre von der Bruderliebe , von der schrankenlosen Vergebung , von der gegenseitigen Verantwortlichkeit - oh , es ist gar nicht abzusehen , nicht auszudenken , wo wir heute stünden , wenn wir wirklich Christen geworden wären , statt , auf heidnisches Recht pochend , nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten , und ihm , dem goldenen Kalbe , blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen , was uns über das Tier und seine Begierden hinaushebt ! - - - Ganz fröhlich macht mich der Gedanke , daß ich nun weiß , warum alles so verrenkt und verbogen , so ungerecht und traurig ist , so roh und blutig und gemein ! Wir haben heute noch kein Christentum , aber es steht da vor uns , das unantastbare Ideal , und alle , alle müssen inne werden , daß wir darnach zu streben haben , als nach dem einzigen Mittel der Erlösung . 10. August . Kein Brief von Mama , kein Geld . Seit zehn Tagen kein warmes Mittagessen . Aber das schadet jetzt wenig , denn es ist heiß , man hat keinen Hunger , am wenigsten auf Fleisch . Meine Wirtin ist so gut , - ich gehe regelmäßig fort zur Mittagszeit , auch wenn ich nur ein paar Brötchen und Eier kaufe , sonst merkt sie etwas und fragt . Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen . 16. August . Kein Brief , kein Geld ! Was jetzt ? Heute habe ich fast nichts arbeiten können . Wer weiß , was dort geschehen ist . Ich sorge mich auch so sehr um Mama . Was jetzt ? 20. August . Ich habe meine Uhr versetzt . Es fiel mir noch zu rechter Zeit ein . Jetzt , in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren . Für Uhr und Kette hab ' ich achtundvierzig Franken bekommen , das ist etwas ; achtunddreißig fürs Mittagessen , vorigen Monat , hab ' ich wenigstens bezahlen können ; diesen Monat geh ' ich keinenfalls mehr hin ; Brot , Eier , Milch , etwas Obst - man wird sehr gut satt davon . Wenn ich nur wüßte , was zu Hause passiert ist ! Zweimal hab ' ich geschrieben , jetzt wag ' ich ' s nicht mehr ...... 1. September . Mama hat endlich geschrieben ! Ich habe geweint , als der Brief da war , ich