bloß reden gehört , selber ermessen konnte . Im Gärtchen hatte sich mittlerweilen wieder eine Anzahl Leute eingefunden , deren Blicke beim ersten Geigenbogenstrich sich sämtlich nach den Fenstern richteten , von woher der Schall kam . Dadurch stockten die Gespräche , und nur abgebrochene Sätze wurden laut , gedämpften Tones , als fürchteten sie , die Musik zu beeinträchtigen . Bis allmählich , bei längerer Weile und Wiederholung des Rhythmus , die Unterhaltung wieder aufwachte . Aber die Gedanken blieben an den musikalischen Tanzboden gebunden , so daß sich jede Rede an langer Leine um den Pfauen drehte wie ein Pferd in der Reitschule . Eine bedächtige Bauernstimme sagte in lehrhaftem Ton : » Wenn man überdenkt , wenn man vergleicht , was der Pfauen vor zwanzig , dreißig Jahren war , ehe ihn der alte Reber übernahm , und was er jetzt ist ! Und alles ganz aus sich selber , ohne Unterstützung , ohne Geld , nichts als zwei fleißige Hände , ein aufgeweckter Kopf und eine ehrliche Leber . Acker für Acker einzeln erworben , heuer ein Feld und übers Jahr eine Wiese , aus den Ersparnissen , je nachdem das Geschäft günstig war , und die Wirtschaft allmählich vergrößert . « » Gehört die Matte unterhalb der Terrasse auch dazu ? « » Alles von oben bis unten , von der Terrasse bis an die Bahnlinie , der Rain und der Anger und noch ein Stück vom Rebberg dazu . « » Was ist denn eigentlich mit der Pfauenwirtin ? War sie immer so ? « » Die Pfauenwirtin ? Die Frau Reber ? Die Pfauenwirtin von Herrlisdorf ? Ich sag ' Euch , das war zu meiner Zeit die jovialste , lebenslustigste Frau im ganzen Kanton . Immer freundlich , munter und wohlauf . Und fleißig und tätig ! Ja , der hat der Alte viel zu verdanken . « » Lebenslustig ? Wer ? Die Pfauenwirtin Reber ? Lebenslustig ? Was ist denn da gegangen ? « » Ach , sie ist schwermütig geworden , seit dem Kindbett ihres Sohnes , Conrad , glaube ich , heißt er . Zuerst hat man sie in einer Anstalt versorgt , hernach , wie es etwas besser ging , hat man sie ein paar Jahr lang in den Bädern herumgeschleppt . Jetzt lebt sie , soviel ich weiß , seit Jahr und Tag daheim im Hause . Aber mit der Schwermut ist es immer noch beim alten , seufzt den ganzen Tag , schafft sich Sorgen über jede Kleinigkeit , macht sich und der Umgebung das Leben zur Qual und redet beständig von nichts als vom Sterben . Gütiger Himmel , wenn man einem das vorausgesagt hätte , vor dreißig Jahren ! So kann sich der Mensch ändern ! Ein Glück , daß der Alte so geduldig mit ihr ist , so ein Wüterich , als er sonst sein mag . Es ist geradezu rührend , wie sanft er mit ihr umgeht , alt und krank , wie er selber ist . « Conrad erbleichte , in ernste Gedanken versunken , indem er sich vornüber lehnte , um kein Wort zu verlieren . Das weckte Jucundens Eifersucht . » Wollen wir nicht lieber einen andern Platz aufsuchen , wo man ungestört ist ? « schlug sie übellaunig vor . Er gebot ihr ärgerlich mit der Hand Stillschweigen . Die zweite Stimme setzte wieder an : » Und der Junge ? der Sohn ? Was hört man von dem ? Ist etwas hinter ihm ? « » Man weiß noch nicht recht , wo es mit dem hinaus will . Zwar von seinem Militärdienst verlautet nur Gutes , es hat ihn alles gerne , seine Vorgesetzten wie seine Untergebenen . Dagegen daheim - « Jetzt verlor Jucunde die Fassung : » Schweigt doch , ihr albernen Menschen « , platzte sie mit ungezügeltem Ärger heraus . » Seht ihr denn nicht , daß er selber dasitzt ? « Da ward eine gewaltsame Stille der Verlegenheit im Gärtchen . » So , jetzt kann man doch wenigstens wieder sein eigenes Wort verstehen « , murrte Jucunde . Allein Conrad hörte sie nicht mehr ; eine peinliche Ungeduld , heimzukehren und vor allem loszukommen , hatte sich seiner bemeistert . » Ich werde nun auch aufbrechen müssen « , sagte er schonend , indem er gleichzeitig aufstand . » Also denn , Jucunde , was ist meine Schuldigkeit ? « Sie verzog den Mund und warf feindselige Blicke auf die Geldbörse , die er hervorkramte . » Ich habe Euch noch etwas Wichtiges mitzuteilen « , entgegnete sie ernst , mit rätselhaftem Ton , » aber Ihr müßt Euch erst setzen . « Hierauf , nachdem er sich widerstrebend niedergelassen , wandte sie ihm plötzlich ihr Gesicht zu , mit riesengroßen Augen , die ihn drohend anstarrten , wie die Mündung eines gewaltigen Doppelgeschützes , in dessen Innerem Feuer und Schwefel wohnt . Und während er betroffen herumriet , was das bedeute , schob sich hinterlistig ein Bein über das seinige . » Bleibt diesen Abend bei mir « , flüsterte sie . Sein Blut geriet in Aufruhr . Doch tat er sich Gewalt an , blickte weg und nickte ein verneinendes Zeichen . » Ich will aber , daß Ihr bleibt . Ich will es einfach « , zischelte sie dringender und schmiegte sich ihm noch enger an . Nun begann er zu kämpfen . Und seine eigenen Sinne wollten ihn in dem Kampfe verraten . Da gedachte er des Jawortes , das er der Feuerwehrmannschaft gegeben , und blitzschnell warf er sie mit beiden Armen brutal von sich , denn er wußte sich ihrer nicht anders zu erwehren . Jetzt änderte sie handkehrum ihre Haltung , erhob sich ruhig , setzte eine harmlose Miene auf , als wäre nichts gewesen , und geschäftsmäßig , mit einem verblüffenden Sprung über all die Verwirrung weg , die sie angestiftet , verkündete sie kühl : » Ein Fränklein und vierzig