arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben . Natürlich ! Die Sentimentalität geht bei diesen Bourgeois Allem vor ... Der Überzieher da ist noch wie neu ... Herrgott , wieviel Hüte hat denn der Filius gehabt ? ... Sogar seine ersten Hosen sind noch da ... Übrigens : Insektenpulver haben sie doch gestreut ... Donnerwetter : Das kann mich ja verraten ! Die ganze Kammer wird stinken ! Er lief und öffnete die Fenster . Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei . Stilpe machte eine Verbeugung : Das Auge des Gesetzes wacht ! Sie , Schutzmann , hier wird gestohlen ! Ja , das möcht er wohl , der Gute , daß ich ihn raufwinkte . Wird nicht verzapft ! Nun aber die Kleinodien ! In der Pappschachtel ? Nein : Seidene Tücher . Da könnt ich übrigens eins ... Unsinn ! ... Aber es scheint wirklich kein Edelmetall ... Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf , um besser sehen zu können , was auf dem oberen Schrankbrett stand . Siehstewoll ? Der Kasten ist schwer . Und : Er klappert . Er nahm ihn langsam herunter . Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen Ornamenten . Ein kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im Schloß . Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloß sie auf . Donnerwetter , was für ne Menge ! Zwei Uhren ! Eine silberne und eine goldene ! Und ditto zwei Ketten . Dieser Filius ist verzogen worden ! ! Und goldene Ringe gar dreie ! Was ? Auch goldne Manschettenknöpfe ? Das ist ja blödsinnig ! Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt . Richtig ! ... Ekelhaft , das ! So einer muß ja ein Protz werden . Und dabei war er dumm wie ein Heuroß . Gut ! Gut ! Klappe zu ! Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz , lehnte die Schrankthüre fest an , klemmte ein bischen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von Zufriedenheit , wie er sah , daß äußerlich nichts an dem Schranke zu merken war . Was aber nun anfangen mit dem Zeug ? Er beschloß , es erst in Athen zu verkaufen . Trödler giebts dort sicher auch ... Nun kam der große Tag heran . Das letzte , was Stilpe ins Gartenhaus getragen hatte , waren seine Tagebücher und Manuskripte gewesen . Die letzten Worte in seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so : Und nun , mein stolzes Schiff , stich aus ins Meer ! Du trägst mein Alles , und dein Zeichen heißt : Freiheit , Hoffnung und Zukunft . Meine Hand , Mit der ich nun die Ankerkette schnell Aufwinde , ist beschmutzt , doch wasch ich sie Im Meer der Schönheit , und ich schwöre : Nie , Bei allen Göttern , die ich suche , nie Soll wieder Schmutz an diese heiße Hand ! Die letzte Schulstunde , zu der er sich herabließ , war Griechisch . Es wurden unregelmäßige Verba abgefragt , und da er sich nicht vorbereitet , auch nicht einmal in der Vorpause , wie er sonst zu thun pflegte , in der Grammatik nachgelesen hatte , blieb er jede Antwort schuldig . - Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt ? Er lächelte und dachte bei sich : Freiheit , Hoffnung und Zukunft ! - Wollen Sie wohl antworten ? Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt ? - Es war mir zu langweilig . Der Professor schnappte nach Luft . Das war der Gipfelpunkt der Frechheit . Das war jenseits aller Bezeichnungsmöglichkeit . Nur das eine Wort : Karzer ! wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor . - Wie viel Stunden , Herr Professor ? fragte Stilpe mit unterwürfigem Lächeln . - Ist der Mensch verrückt geworden ? Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und starrte auf den lächelnden Stilpe . Sein Nachbar rückte ein Stück von ihm ab . Er aber setzte sich gelassen und that , als ob die Sache für ihn erledigt wäre . Der Professor , eben noch violett , wurde weiß wie weicher Käse und rief , indem er sein Buch von sich warf : Verwegener Bube ! Ah ! Ah ! Am Montag werden Sie erfahren , was Sie sich zugezogen haben . Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auflachen mögen , aber es kam ihm der Gedanke , daß man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren könnte , und so hielt er sich stille . Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen packten , bildete sich ein Kreis um Stilpe : - Na , die Unverschämtheit kommt Dir teuer zu stehen , mein Söhnchen ... Du hast wohl Lust , geschwenkt zu werden ? ... Du bist wohl nicht bei Troste ? ... Stilpe lächelte blos geringschätzig . Gerne hätte er jetzt irgend eine kleine Andeutung gemacht . Es wurde ihm sehr schwer , sie zu verbeißen . Aber er überwand sich . Und nun kam er in Aufregung . Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen brauchte ! Aber das mußte er natürlich , ganz abgesehn davon , daß er recht gut bei Appetite war . Kaum aber , daß er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte , lief er aus dem Hause und rannte durch die Straßen . Es war ein unfreundliches Spät-Frühlingswetter , Regen und Wind . Da er keinen Schirm hatte , war er bald ganz durchnäßt . Aber er lief , so unangenehm ihm diese eindringende Feuchtigkeit war , immer auf und ab und immer denselben Weg : Grimmaische und Petersstraße . Er wollte nicht eine Minute früher als Punkt 3 Uhr am Gartenhause sein , aber er wollte auch nirgends vorher einkehren , denn er fühlte , daß er nicht sitzen könnte . Sein einziger Gedanke war : Wenn wir nur erst im Zuge sitzen . Und dann bis Triest in einem