uns ein Stück unseres Weges zusammengehen ! Behalten wir uns wenigstens im Auge ! Lassen Sie uns natürlich mit einander verkehren - sprechen und denken und fühlen wir nach Kräften unmittelbar ! Mein Gott ! Ich weiß gar nicht , was uns daran hindern sollte , wenn wir erkannt haben , daß diese köstliche Zwanglosigkeit und Natürlichkeit allein unserer würdig ist , weil sie uns congenial ... weil sie uns in jeder Beziehung entspricht ... « Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung . Sie verstand sie , wenigstens im Großen und Ganzen , und mußte Manchem darin zustimmen . Sie constatirte auch mit einer gewissen inneren Befriedigung eine starke Geistesverwandtschaft zwischen diesem kühnen Herrn Doctor und sich . Und doch sträubte sie sich , laut zu äußern , wie sympathisch sie sich ganz unten auf dem Boden ihres Ichs berührt fühlte . Vielleicht war sie durch die Einsamkeit , in der sie mit ihrem Vater jahrelang gelebt , innerlich auch schon zu versteift und verhärtet , um für Dialektik noch die gehörige Geschmeidigkeit des Geistes zu besitzen . So fügte Adam nach einer Weile , während welcher sie schweigend neben einander hergeschritten waren , hinzu : » - Darauf kommt es ja auch gar nicht an , was man ist , sondern darauf : wie man das ist , was man ist ... « » Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen , Herr Doctor ? « Die Frage klang liebenswürdig , einladend . Unwillkürlich münzte sie Adam zur zustimmenden , Verständniß und verwandte Anschauung verrathenden Antwort auf seine Auseinandersetzung um . Er freute sich darüber , aber , merkwürdig und erklärlich zugleich , veranlagte ihn diese Frage zu einer gespreizt-höflichen Erwiderung : » Gewiß , mein gnädiges Fräulein ! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß demnächst die Ehre geben - « Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der Seite an . Adam fing den Blick auf und erklärte ihn sich . Er lächelte . » Hedwig ! « » Herr Doctor - ? « » Geben Sie mir den Arm - ja - ? « » Ich danke ! Ich gehe so freier - « » Gefühl ... Verständniß für Freiheit - das Bedürfniß derselben sind gewiß große , schöne , bedeutende Dinge ... Aber man darf eine Passion nicht in äußerliche , kleinliche Pedanterie ' n und Willkürlichkeiten zersplittern - « » Ich bin übrigens sogleich zu Hause - « » Hedwig ! Wollen wir uns denn immer so fremd bleiben ? . Ich habe Geduld , unter Umständen viel Geduld - aber ich bemerkte Ihnen schon- : ich muß zeitweilig sehr despotisch sein - « » Ich bitte , Herr Doctor - « » Sind Sie mir noch böse von neulich ? - Ich handle immer nur aus dem Rahmen meiner Stimmung heraus - « » Darüber brauche ich wohl nicht zu reden . - Aber hier sind wir ... Adieu ! « » Sie malträtiren mich geradezu , mein Fräulein ! Aber wie Sie ... wie Sie wollen ... Also adieu ! Empfehlen Sie mich , bitte , Ihrem Herrn Vater ! . Ich habe die Ehre ... « Adam lüftete den Hut und verneigte sich sehr ceremoniell . Dann blieb er noch einen Augenblick vor der geöffneten Thür stehen . Auch Hedwig war stehen geblieben . Beide sahen sich fest in die Augen . Um Adams Lippen kräuselte es sich wie ein verhaltenes Lächeln der Befriedigung . Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufschritt , war es ihr plötzlich zu Sinn , als verstünde sie diesen Adam Mensch besser , als er sich selbst verstünde . Und doch war ihre Welt eine so ganz andere , denn seine Welt . - Adam ging langsam nach Hause . Es war zwischen fünf und sechs Uhr . Die eben aufkeimende Abenddämmerung des jungen Frühlingstages ließ ihre ersten , leisen , so wundervoll discreten , so entzückend verschämten Schatten spielen . - VII. Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich blödem Einerlei hingegangen . Er hatte die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht über sich ergehen lassen müssen . Eine unleidliche Gemüthsdepression war jetzt über ihn gekommen . Eine peinliche Schwere hatte sich seiner bemächtigt , die wie ein unaufrührbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag . Eine Fülle von Gedanken und Gefühlen stieg in ihm empor , aber jede Einheitlichkeit fehlte und jede Neigung , die Anläufe und Fragmente zu packen , zu vertiefen , zu erschöpfen , zu vollenden . Unheimlich scharf schaute er zeitweilig in Welt und Leben hinein , und die Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit . Er fühlte , wie ungeheuer weit er davon entfernt war , ein Kind der Stunde sein zu können , ein von der mechanisch-regelmäßigen Erfüllung einfacher Pflichten befriedigter Mensch . Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung , nach neuen Verhältnissen , die ihn ganz herausforderten , die im Stande wären , ihn ganz hinzureißen . Er sehnte sich nach einem großen Schicksal , nach vollen , starken , runden Gefühlen , nach einer gewaltigen Freude , einem erschütternden , entscheidenden Schmerze . Alles in ihm war weit und verworren , Nichts eng , klar umrissen . Und doch bebte er instinctiv vor einem großen Erlebniß zurück . Er wußte nicht , in welcher Gestalt er es sich vorstellen , erwarten sollte . Aber er wußte auch zugleich , daß er bei dieser nervösen Ueberreizung , bei dieser pathologischen Abhängigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale kaum gewachsen sein würde . Rathlos stand er vor sich , hülflos tastete er an sich herum , und schneidend äußerte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner Generation . Seiner Generation - ? Adam sagte sich sehr klar , daß es unter seinen Altersgenossen verhältnißmäßig nur Wenige gab , die seiner Art verwandt waren . Aber diese Wenigen bedeuteten die ursprünglich geistig Bevorzugten . Ihre Kräfte fanden nur keine Sphäre , in der sie sich zwanglos bethätigen konnten . Das Sichabfinden , Sichanpassen ,