seinen Lippen - er hatte inzwischen eine Repertoireveränderung vorgenommen und war eben bei dem unsterblichen Coakeswalzer - endete mit einem charakteristischen Pfiff . Der Pfiff hieß in die Sprache übersetzt : » Paß auf , mein Junge ! « Nach dieser Selbstmahnung bestieg er den Meilenstein neben der nächsten Pappel und sah dann auch genauer , daß es eine reitende Frau sein mußte , die zwischen den Knicken entlang kam . Die sich hebende und senkende Bewegung eines Kopfes mit schleierumwundenem Cylinderhut , konnte nur davon kommen , daß die dazu gehörige Person auf einem Pferde saß und Trab ritt . Und jetzt ein helles Aufwiehern des Rosses . Joachim , der auf alles Weibliche eine ungemeine Neugier besaß , eilte vorwärts , um womöglich da , wo Chaussee und Landweg sich schnitten , mit der Reiterin zusammenzutreffen . Das wäre nun selbst seinem schnellsten Gang nicht möglich gewesen , aber die Reiterin sah , als sie die Chaussee überschreiten wollte , den Herrn mit dem Sonnenschirm daherkommen . Sie hielt ihr Pferd an und schaute dem Kommenden entgegen ; eine so kultivirte Männererscheinung in elegantem grauem Straßenanzug , mit einem Schirm über der Schulter , mochte wohl zu auffällig um diese Zeit , auf dieser Straße , und vor allen Dingen als Fußwanderer , sein . » Aha , « dachte Joachim , » das ist natürlich Fanny Förster . Donnerwetter ! Ich dachte sie mir überhaupt älter . « » Herr von Herebrecht ? « rief Fanny ihm schon fragend entgegen . Sie hätte sein Gesicht überall wiedererkannt , nach dem Bilde , das Adrienne von ihm hatte . » Zu dienen , meine Gnädigste . Und daß ich gleich mit einer Bitte um Entschuldigung beginnen muß , ist nicht sehr angenehm . Indes hatte ich keine Ahnung von der Eisenbahnverbindung , « sagte Joachim . » Das dachten wir uns , es ist unsere Schuld . Daß Sie aber nun zu Fuß daher marschiren , ist wieder Ihre Schuld , denn eine Depesche hätte den Wagen an die Station gerufen , « sprach Fanny , ihn mit herzlicher Freundlichkeit so unverhohlen betrachtend , als wäre ihr ein lieber Verwandter nach langer Trennung wiedergekehrt . » Gegen die Depeschenbeförderung über Land habe ich ein in üblen Erfahrungen wurzelndes Mißtrauen , « antwortete er . Sie standen im kühlen Schatten des Waldsaumes , und die Sonnenstrahlen hatten hier noch nicht den Tau aus der Rasennarbe weglecken können . Es rauschte durch die Kronen wie Meeresbrandung ; der wohlige Gegensatz zur langen , heißen Wanderung war so groß , daß Joachim tief befriedigt aufseufzte . » Geht es immer durch den Wald ? « » Bis beinahe zum Dorfe . Sie können nicht fehl gehen , die Chaussee schneidet schnurgerade durch den Wald , und dann sehen Sie Mittelbach . Adrienne werden Sie im Park mit ihrem Kleinen finden , vor einer Stunde habe ich sie da verlassen . Ich würde Sie begleiten , allein erstens ist es ein ungemütliches Zusammengehen - einer zu Fuß , der andere zu Pferd ; sodann muß ich zu den Wiesen hin ; die Leute fangen heute beim Heuen an . Die Wiesen liegen da hinaus « - sie zeigte mit der Reitgerte rechts am Wald entlang - » und bilden eine Art Scheide zwischen Driesa und Mittelbach ; das Flüßchen in der Mitte , das zur Elbe geht , bildet die Grenze . Das zeige ich Ihnen alles morgen . Für heute widmen Sie sich nur ganz Ihrer Schwägerin . Adrienne kann Ihnen inzwischen Ihre Zimmer anweisen . Also - auf Wiedersehen ! « Sie neigte sich und reichte ihm die mit einem Stulphandschuh bekleidete Rechte , mit der Linken so lange Zügel und Gerte zusammenfassend . Joachim empfing den freundschaftlichen Händedruck , klopfte noch dem Pferd den Hals , sagte : » Ein schönes Tier ! « und verneigte sich , Abschied nehmend . Fanny nickte noch einmal . Er sah ihr eine Weile nach . » Wie elastisch und stolz zugleich sie sich hält . Famos ! Sehr formell und schwierig scheint sie nicht . Merkwürdig , mir ist es , als kenne ich sie schon lange . Und wie schön ihr Auge und ihr Lächeln ist ! « So dachte Joachim mit einer Art von objektiver Bewunderung , als stände er etwa einem schönen Bilde gegenüber , das er anstaunte , aber das ihn weiter nichts anging . Noch froher schritt er fürbaß . Fannys Emanzipation war wenigstens nicht in unweibliche Manieren gekleidet . Joachim hatte merkwürdigerweise die vorgefaßte Meinung , daß Fanny eine selbstherrliche , emanzipationseifrige Person sei . Mochte das , was er so beiläufig dann und wann von ihrem selbständigen Wirken , von ihrem zielsichern Wesen gehört , ihm unmerklich diese Ansicht beigebracht haben - genug , er hatte das Vorurteil und war mit dem Vorsatz gekommen , sich nicht in den Bereich ihrer Weltverbesserungsideen ziehen zu lassen und überall ihr gegenüber seine Selbständigkeit zu bewahren . Es schien aber doch so , dem Gesamteindruck des ersten Augenblicks nach , daß sich werde mit ihr leben lassen . Da war das Dorf , die Kirche , die Pfarre . Er brauchte niemand um den Weg zu fragen , die Ulmenallee wies diesen von selbst . Doch besann er sich , daß seines Bruders Frau mit seinem kleinen Neffen und Patchen im Park sein sollte . Kecklich bog er gleich seitwärts um das Haus , mochte der Hofhund , der vorn an der Kette lag , gleich in wütendem Gebell die Frechheit des Fremden bekläffen . Ah , hinten sah das vornehmer aus als vorn , wo der altmodische Beischlag , die düsteren Linden , das hohe Ziegeldach des Hauses und rechts und links am Hofe die langgestreckten Scheunen dem Ganzen einen ernsten , unschönen Charakter gaben . Hinten aber öffnete sich der prächtige Park , lud die mit gärtnerischem Schmuck umzierte Terrasse ein . Joachim folgte aufs Geratewohl einem Wege , der sich durch Gebüsch zur Parktiefe