Das war wohl schon der fünfzigste Brief . Fünfzig Variationen über das nämliche Thema . Fünf Buchstaben . Ein Zungenschlag , ein Hauch . Teufelsweib ! Wäre sie weniger erfinderisch in Variationen gewesen , die Monotonie des Grundmotivs hätte dem Geleier längst allen Reiz genommen . Am besten , man verstopfte sich die Ohren , wie der weise Odysseus , der vielgewanderte , vor dem Singsang der Sirenen .... Vorerst soll wenigstens der Brief unterbrochen bleiben .... Gewiß , jetzt muß ein Ende gemacht werden . Der Ernst der Lebenswende fordert ' s. Brigitta hat Recht . Das soll das letzte Stelldichein sein . Morgen oder übermorgen - das Wiedersehen eilt ja nicht - erfolgt feierliche Lossagung . Sie wird vernünftig sein ; eigentlich sind diese Weiber alle kalt wie une fille de marbre .... Schließlich käme die Geschichte auf und es gäbe noch einen abscheulichen Skandal .... Und die Andere ? .... Ja , diese Andere würde der guten Brigitta ebensowenig in den Kram passen . Überhaupt diese Heirats-Marotte . Als ob sich so etwas übers Knie brechen ließe . Und in den jetzigen schweren Zeitläuften , bei der täglich sich steigernden Kostspieligkeit der Lebensführung einen Hausstand gründen auf der Grundlage einer schmalen Pension und einer problematischen Neigung - wäre das nicht Wahnsinn ? Und die Hingabe der Freiheit um das Linsengericht einer Mitgift ? .... Gut , daß Brigitta nichts von der Andern weiß .... Drillinger machte einen nervösen Ruck - und siehe da , er war an dem lackierten Ledersofa angeklebt , wie der übertölpelte Vogel an der Leimrute . Er fuhr mit der Hand an den Sitzteil .... Mit leisem Knistern löste sich die Hose von der Unterlage .... Wäre er gewaltsam rasch in die Höhe gesprungen , würde das morsche Cheviotzeug hängen geblieben sein - und er hätte eine weiße Fahne unter dem Rock heimtragen können . Darum niemals Gewaltsamkeiten ! Lachend erhob er sich , um vorsichtig sein Taschentuch auf den Sitz zu breiten . An dem vergitterten Fenster gegen die Winkelgasse hasteten die Menschen vorüber , die Köpfe eingezogen , die Rockkrägen aufgeschlagen . Schneegestöber ! Münchener Frühlingswetter - das bekannte meteorologische Potpourri ! Das Fenster lag so hoch , daß man nur die Köpfe sah . Komisches Bild : eine Prozession abgeschnittener Köpfe , die sich da draußen eilig vorbeibewegten im wirbelnden weißen Flockentanz .... Er griff nach den » Neuesten Nachrichten « und blätterte gähnend im umfangreichen Inseratenteil . » Ein Student in den höheren Semestern .... edelmütige , unabhängige Dame .... Vorschuß ewige Dankbarkeit .... spätere Verehelichung nicht ausgeschlossen . « » Ein gut erhaltener Brautkranz , fast neu .... ein Schlafdivan .... ein Papagei .... ein Epheustock preiswürdig zu verkaufen . « » Armes Mädchen .... Notlage .... Rückzahlung nach Übereinkunft . « » Zwei fesche Wienerinnen .... fremd in hiesiger Stadt .... älteren Herrn .... « » Adoptiveltern .... uneheliches Kind ( Mädchen von zwei Jahren ) .... « » Damen in stiller Zurückgezogenheit .... Hebamme .... « » Versetzt .... ausgelöst .... « » Amusement . Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen oder Begleiten auf der Violine . Exped . 169015 . « Drillinger notierte die Ziffer auf seine Manschette . In der Konfusion der Frühe und der Eile des Ausgehens hatte er sein Notizbuch mit dem modischen schwarzen Krokodill-Ledereinband vergessen . » Herren aus besseren Ständen .... Konnexionen in bemittelten Familien .... Agenten .... Heiratsbüreau .... « » Eine Zither .... Trauerkleid .... Maskenanzug .... Kanapee .... billig zu verkaufen . Auenstraße .... « » Komiker gesucht .... « » Reichgefaßte Brillantohrringe .... unter der Hand zu verkaufen . « » Pensionierter Offizier .... Adel .... wirtschaftliche Befähigung .... Vertrauensposten . « » Kleines Darlehen .... alleinstehende junge Dame .... Rückzahlung nach Übereinkunft . « » Hübsches junges weibliches Modell .... « » Schön möbliertes Zimmer bei einer alleinstehenden Dame .... « » Fräulein .... Zimmer mit ungeniertem eigenem Eingang .... « » Zwei distinguirte Herren .... Ausländer .... unabhängige feingebildete Dame .... .... Konversation .... « » Welche gutsituierte ältere Dame wäre gesonnen .... akademisch wie praktisch gebildeten Architekten .... Fortkommen .... « » Junge Witwe .... Abendstunden frei .... Vorleserin .... älteren Herrn .... « Drillinger wollte eben das Blatt beiseite werfen , mit einer Miene , die auszudrücken schien : Himmel , wie langweilig , Tag für Tag die nämlichen zweifelhaften Scherze , inszeniert von der Not , der Genußsucht , der Verworfenheit ! - als sein Blick zufällig auf den feuilletonistischen Teil des Blattes fiel . An Stelle des gewöhnlichen Nachdruck-Sammelsuriums , stand heute ein großer Originalartikel : » Zola ' s neuester Roman . « Nachdem Drillinger einige Abschnitte , worin das deutsche Leben im Vergleich mit dem französischen über den grünen Klee gelobt und Zola wie der letzte Schmierant der schlechtesten Motive bezichtigt war , ärgerlich überflogen hatte , konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken : » Ja , ja , die Deutschen sind erhaben über die Schmutzereien der Franzosen ; so etwas kommt bei uns gar nicht vor , wir sind die reinsten , ungetrübtesten Tugendspiegel in Lebensgröße , und darum ist auch unsere Litteratur so unschuldig und so schön ; jedermann hat bei uns sein gutes Auskommen , bleibt im Lande und nährt sich redlich ; die Hohen geben den Niedrigen , die Großen den Kleinen unausgesetzt die wunderbarsten Beispiele von Vornehmheit des Charakters , Adeligkeit der Gesinnung ; unsere öffentlichen Einrichtungen sind einfach musterhaft , unser Gesellschafts- und Familienleben voller Geist , Anmut und Heiligkeit ; wir haben keine öffentlichen Verleumder und Ehrabschneider , keine Preßbanditen , Prostituirte , gewerbsmäßigen Intriganten und Streber - bei uns ist alles eitel Gold was glänzt , und wenn unsere naturalistischen Dichter auch einmal die häßliche Wahrheit künstlerisch gestalten wollen , so müssen sie die Stoffe aus den Fingern saugen oder vom Auslande beziehen ! Ja , ja , die Franzosen , und der ihrer würdige Zola , das sind verkommene Subjekte ; an der deutschen Heiligkeit im Leben und