ist ein Mensch für sich « . » Der Mensch für sich « wurde demnach unter der Faberschen Kundschaft die gang und gäbe Bezeichnung des kleinen Schersackserben . Papa Reckenburg aber , der so leicht keinen , den er gern hatte - einzig und allein seine » Hausehre « ausgenommen - , ohne einen harmlosen Spitznamen entwischen ließ , konnte sich nicht versagen , den » Menschen für sich « ein wenig fremdländisch umzumodeln . » Mosjö Per-sé « hieß der Haussohn innerhalb der alten Baderei . Und hier wie dort mit Fug und Recht . Siegmund Faber war ein Original ; das heißt , er war einer von jenen Seltenen , der unbeirrt seiner Eigenart eine Straße durch den Haufen bricht . Denn für eine herrschende Leidenschaft rüstete ihn die Natur mit dem herrschenden Willen , und nach dem inneren Gehalte modelte sich kennzeichnend die Form . Denkt Euch ein Männchen , kaum Soldatenmaß , wie der Rittmeister von Reckenburg versichert . Gleichwohl , kurios ! blickt Ihr zu ihm empor . Ihm gehts wie seinem Haus : es wächst erst über der Schulterhöhe . In seinem Nacken müssen wohl etliche Wirbel mehr , als die Regel ist , zu zählen sein , Drehwirbel , welche die spürende Beweglichkeit nach allen Seiten vermitteln . Noch länger als der Hals ragt der Kopf , nach hinten steif abfallend , die Stirn gewaltig und edel geformt . Unter dieser hohen , breiten Stirn streckt sich eine lange , breite Nase , die Höhlen weit geöffnet , die Flügel zitternd , und unter dieser richtigen Spür- und Schnüffelnase dehnt sich der breite , dünne Mund , festgeschlossen wie ein Gedankenstrich . An den Seiten aber ragen zwei ungeheure Ohren , die sich - schüttelt immerhin die Köpfe ! - in fortwährender Spannung wie die eines Hasen hin und her bewegen . Es ist kein Adonis , den ich Euch zeichne , gelt ? Nun aber blickt in seine Augen . Eine bestimmbare Couleur werdet Ihr nicht unterscheiden , so tief liegen sie hinter den vorspringenden Stirnknochen eingesenkt , und mit so rastlosem Flimmer schweifen sie von einer Richtung nach der anderen . Haben sie aber den gewitterten Gegenstand aufgespürt , dann bohren sie sich ihm hartnäckig bannend bis in das Mark . Ihr würdet ihrer Forschung nicht entschlüpfen und Euch ihrem Geheiß nicht widersetzen dürfen . Kurz und gut : patent ein Doktorenschädel und eine Doktorenphysiognomie ! Denkt sie Euch nun von der gleichmäßigen Röte eines gesunden Blutes und unlöschbaren Eifers durchdrungen ; denkt Euch die Glieder klein und fein wie Damenglieder , aber von einer ehernen Muskulatur ; die Hände durch instinktives Greifen , Dehnen , Spannen zu einem Federwerk ausgebildet ; denkt Euch den Mann jederzeit wie aus dem Ei geschält , kein Fältchen in dem blendenden Jabot , kein Stäubchen in dem unveränderlich hechtgrauen Habit , kein Härchen sich sträubend aus dem mageren , schwarzgebänderten Zopf , keine Bartstoppelchen am Kinn - ob versagt von der mütterlichen Natur oder getilgt durch die väterliche Kunst , wage ich nicht zu unterscheiden - , und ihr habt einen ungefähren Abriß unseres Menschen für sich . Er schien niemals in Eile und war immer in Bewegung . Kaum jemals habe ich ihn sitzen sehen , und fünf Stunden nächtlicher Rast genügten ihm schon in der schlafbedürftigen Knabenzeit . Noch nach Mitternacht bemerkte ich den Reflex seiner Lampe auf den blanken Becken zwischen unserem Fensterstock , und bei Tagesgrauen hörte ich ihn schon wieder mit leisen Katzentritten die Treppe hinunterschleichen und das Haus verlassen . Daß er Nahrung zu sich nahm , muß wohl vorausgesetzt werden , gesehen habe ich es niemals . Vielleicht im Gehen aus der Tasche oder stehenden Fußes beim Nachbar Kellermeister , der auch seinen Vater beköstigte . Keinesfalls regelmäßig , und dessen könnt Ihr versichert sein , daß » dieser Mensch für sich « nicht einmal in seinem Leben mit Behagen ein Mahl gehalten oder einen Schoppen geleert haben wird . Er rauchte nicht , er schnupfte nicht wie seinesgleichen von der Ekel überwindenden Zunft ; er kannte kein Spiel , keinen Tanz , kein Steckenpferd , keine jugendliche Plauderei ; er hatte keinen Freund . Seine Rede war rasch , kurz , ein wenig durch die Fistel ; mit möglichster Sparnis der Pronomina , hinter jedem Satze ein Punktum . » Preußisch « nannten wir diesen unliebsamen Duktus , wiewohl Mosjö Per-sé bis dahin ihn schwerlich aus eines Preußen Munde vernommen hatte . Er kam der Gegenrede zuvor und schnitt den Widerspruch barsch ab . Dennoch reizte er nicht , verletzte nicht . Sein Selbstbewußtsein imponierte , weil er nur über Gegenstände sprach , die er bemeistert hatte . Selber der Freifrau von Reckenburg kam es nicht bei , ihn » Er « wie seinen Vater und anders als » Herr « zu nennen , wenngleich er selber mit Titulaturen geizig und merklich beflissen war , durch keinerlei Zuvorkommenheit an die Manieren des Scherbeckens zu erinnern . Ich habe den erwachsenen Per-sé geschildert . Aber so , wie ich ihn geschildert , zeigte sich schon der kleine Bube , als er mit Vater Faber » auf Praxis « ging , dessen Instrumententasche trug oder beim Schröpfen und Aderlassen ihm das Becken hielt . Nebenbei aber operierte er damals schon selbständig . Er konnte keine Warze sehen , er drehte sie ab , keine Balggeschwulst , er drückte sie ein . Die Krähenaugen verschwanden schmerzlos unter seinen Messerchen . Hatte einer eine Blutung , auf den ersten Blick erkannte er die Stelle , wo die Ader lädiert war , und die kleinen Finger preßten sich so eisern auf die Wunde , bis dieselbe sich wieder schloß . Er zog seinen Schulkameraden die kranken Zähne aus und erkaufte mit seinen Sparpfennigen manchen , der noch heil war , zu gleicher bildenden Operation . Bald hatte er den Vater in allen höheren Zweigen seiner Kunst überholt . Ein jeder wollte lind und behende von Faber junior bedient sein , und