übereilten nennen . Er wenigstens gönne dem armen Wicht einen so guten Platz , auf dem er manches lernen könne , wenn er nicht zu eigensinnig sei , recht von Herzen und wünsche nur , daß er ihn lange zu behaupten vermöge . Dienstwechsel sei stets schlimm , da man sich immer allerlei nachzureden wüßte , doch der Gescheitere gebe nach und möge nicht durch Nachreden ganz zwecklos schaden und auch den anderen zum Reden zwingen . » Der Mann scheint mich ein wenig zu fürchten « , dachte Jos , und das freute ihn mehr , als ihn die Zumutung ärgerte , daß er es einem recht bösen , geschwätzigen Weibe gleichtun könne . Behaglich begann er mit den andern über das Sprichwort : » Neue Besen kehren gut , aber die alten wissen die Winkel besser « zu plaudern ; der Krämer schlich wieder zu seinem Schoppen zurück ; doch blieb er nicht lange ruhig , da es unter so vielen Menschen für ihn gar bald wieder etwas einzufädeln gab . Bald wurde an jedem Tische ein eigenes Gespräch laut , und Jos war wohl beinahe der einzige Bauernknecht , der einige Handwerker bemerkte , welche sich beim Ofen an einem kleinen Tischchen allerlei Äußerungen über die stolzen Bauern und ihr Gesindel zuflüsterten . Sonst war dort auch sein Platz , und heute kam er gewiß nicht ungehechelt weg , wenn sie auch an ihm den ärgsten Spötter verloren . Nun , sie konnten ihn immer als einen untreu gewordenen Zünftler betrachten . Er hatte für sich selbst zu sorgen . Es lebte sich auch gar nicht übel bei einem reichen Bauern . Das Feste , Sichere im Wesen dieser gutherzigen Leute tat ihm wunderbar wohl . Die Mutter hätte gar nicht so ängstlich husten müssen , damit Jos die Witze seiner ehemaligen Gefährten nicht höre , denn er hatte nicht die mindeste Lust , noch einmal Händel anzufangen oder auch nur ein unebenes Wort zu erwidern . Mit dem gutmütigsten Lächeln sah er hinüber zu der alten Stigerin im Herrgottswinkel , welche die von Dorotheens rundlicher Hand ihr vorgelegten Äpfel und Nüsse sich vortrefflich schmecken ließ . Oh , die da unten , ohne festen Boden unter sich und jeder der natürliche Gegner der anderen , sie wußten nicht , was es hieß , zu einem geschlossenen Ganzen zu gehören . Sie waren ja die unbeachteten Diener von Hunderten , da konnte kein Verhältnis zu ihren Kunden entstehen wie zwischen Bauer und Knecht , die sich eine ganze kleine Welt beherrschen halfen , wo es gleichzeitig immer zu schaffen und zu zerstören , zu säen und einzuheimsen gab . Jos hatte schon oft gesagt , Stall- oder Hausgedanken , kurz , der ganze Jammer des Werktaglebens mit allem , was drum und dran hänge , gehöre so wenig ins Wirtshaus als in die Kirche . Jetzt konnte er sich selbst nicht mehr davor erwehren . Die , welche nun etwa wegen seiner Unterhaltung da waren , mußten ihn allerdings merkwürdig schweigsam finden ; ihm selbst aber war dabei so wohl wie noch nie . Immer tiefer dachte er sich in sein Knechtleben hinein . Er sah die wohlgepflegten Kühe die Köpfe aufrichten und auf sein Kommen horchen , dann fuhr er mit dem selbst gezogenen Rind aufs Feld und hätte fast überlaut zu jauchzen und zu singen angefangen . Es litt ihn nicht mehr auf dem Stuhl . Plötzlich leerte er mit wenigen Zügen sein geschliffenes Glas , stand rasch auf , wie wenn er auf einmal zu einem Entschluß gekommen wäre , den er trotz allen Einwendungen sofort auszuführen gewillt sei , und sagte : » Hier wär ' alles recht und hübsch , aber ich glaub ' , deine Kühe , Hans , täten nicht wünschen , daß immer Ostermontag wär ' . « Die Magd wollte gleich gehen , um einstweilen ein Futter zu geben . » Das ist jetzt meine Arbeit « , widersprach Jos nicht ohne Selbstgefühl . » Nur den Schlüssel zum Heu müßt ihr mir sagen , dann könnt ihr alle dableiben , so lang ' ihr wollt . « Dorothee meinte , man dürfe ihn denn doch nicht wie einen Einbrecher ins öde Haus lassen ohne Gruß und ohne alles . Sie wolle lieber mit und ihn grüßen für alle und ihm Glück wünschen . » Ja , geht nur und gewöhnt euch zusammen ! « lachte Hans . Jos verließ rasch die Stube , während Dorothee durchaus noch einmal trinken mußte . Vor dem Hause wartete Jos etwas ungeduldig auf die Magd und eilte dann wie ein von ihr Verfolgter zum Dörfchen Rehmen hinaus . Erst als das kleine Tannenwäldchen am Ufer der Ach sie in seinen Schatten aufnahm , redete Jos das erste Wort , und es kam gar nicht so überlegt heraus , als man nach der langen Bedenkzeit hätte erwarten können . » Mich nimmt ' s wunder « , begann er und schwieg dann erschrocken darüber , daß er bald laut gewünscht hätte zu wissen , was alle dachten , die ihnen mit so eigentümlichem Lächeln nachsahen . » Was nimmt dich wunder ? « fragte das Mädchen , aber erst , als sie wieder aus dem Wäldchen hinausgekommen waren . Es schien Dorotheen auch gar nicht aufzufallen , daß sie keine Antwort mehr erhielt . Sie beide sahen errötend ihre Schatten hart nebeneinander daherschreiten , als ob sie Arm in Arm gingen , bis der Schatten eines mächtigen Baumstumpfs wie ein Riese zwischen sie zu fahren schien . Erschrocken über die gehörnte Gestalt mit dem kurzen Hals wichen sie auf die Seite . Dann lachten beide laut auf und eilten dem über die tosende Ach führenden Stege zu . Erst hier sah Jos , daß auch die Mutter ihm langsam folgte . Er wartete , bis sie bei ihm war , um ihr allenfalls hinüberhelfen zu können , wofür sie ihm mit einem freundlichen Lächeln dankte , wie er es noch selten auf