Sohnes und von einem Herrn begleitet , der von den Anwesenden als Herr Kandidat Möhring angeredet wurde . Die Baronin war dunkel , aber mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet ; sie sah imposant aus . Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen und schien sehr unangenehm überrascht durch Elisabeths Anwesenheit . Sie maß das junge Mädchen mit einem hochmütig fragenden Blicke und erwiderte ihre Verbeugung mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken . Helene hatte den Blick aufgefangen und trat ihr näher , indem sie begütigend flüsterte : » Ich habe meinen kleinen Liebling heute hier behalten , weil es durch mein Verschulden doch gar zu spät geworden war . « Elisabeths feinem Ohre entging jedoch diese Entschuldigung nicht . Sie war empört und wäre am liebsten durch das Fenster geflohen , in dessen Nische sie stand , hätte nicht gerade der Stolz ihr geboten , zu bleiben und dem Hochmut der Baronin die Stirn zu bieten . Diese schien indes durch die Sühne des hinter ihrem Rücken begangenen Verbrechens zufriedengestellt zu sein . Sie nahm Helene in ihre Arme , streichelte zärtlich ihre Locken und sagte ihr tausend Schmeicheleien . Dann forderte sie die Anwesenden auf , ihr in das Nebenzimmer zu folgen , wo serviert sei . Sie machte die Honneurs am Theetische und entwickelte dabei die allerdings nicht wegzuleugnende Gabe , das Gespräch in Atem zu erhalten . Mit bewunderungswürdigem Geschick wußte sie es außerdem einzurichten , daß Helene stets der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeiten blieb , ohne daß die anderen dadurch irgendwie hätten verletzt werden können . Elisabeth saß schweigend zwischen dem Arzte und Fräulein von Lehr . Die Unterhaltung hatte im ganzen für sie wenig Interesse , da sie sich hauptsächlich um ihr ganz fremde Persönlichkeiten und Verhältnisse drehte . Frau von Lehr erzählte viel und schien sehr unterrichtet von allem , was während der letzten Wochen , gleichviel ob von den Betreffenden geheim gehalten oder öffentlich ausgesprochen , in der Umgegend von Lindhof geschehen war . Sie sprach dabei in eigentümlich klagenden , gehaltenen Tönen und senkte jedesmal beim Schlusse irgend einer empörenden Neuigkeit demütig und sanft das ausgetrocknete Eulengesicht , als sei sie das Lamm , das der Welt Sünde trage . Dann und wann zog sie ein Fläschchen mit Fenchelwasser aus dem großen Strickbeutel und befeuchtete damit ihre angegriffenen Augen , die fast immer den Himmel suchten . Welch ein Kontrast zwischen ihr und Helenes Madonnengesichtchen , das , an den dunklen Plüsch des Sofas geschmiegt , Elisabeth heute mehr denn sonst an die Seerose denken ließ , wie sie ihr glänzendweißes Haupt träumerisch erhebt aus dem dunklen Grunde . Es lag aber auch heute ein seltsamer Schimmer über ihren Zügen . Ganz verwischt war der Ausdruck des Leidens freilich nicht , aber es brach ein voller Strahl des Glückes aus den Augen , und um die blaßroten Lippen spielte ein entzücktes Lächeln , so oft sie das volle Rosenboukett vom Schoße aufnahm , das Herr von Hollfeld bei seinem Kommen in ihre Hand gedrückt hatte . Er saß neben ihr und mischte sich einige Male in das Gespräch . Sobald er sprach , schwiegen sämtliche Damen und hörten mit sichtbarem Eifer und Interesse zu , obgleich seine Art zu sprechen nichts weniger als fließend war und , wie es Elisabeth vorkam , auch durchaus keinen originellen Gedanken verriet . Es war ein schöner junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren . Es lag eine große Ruhe in den edelgeformten Zügen , die in ihren Linien leicht auf männliche Festigkeit hätten schließen lassen ; allein wer nur einmal fest und forschend in sein Auge gesehen hatte , dem imponierte die plastische Gesichtsbildung sicher nicht mehr . Diese Augen , obgleich groß und tadellos geschnitten , entbehrten der Tiefe und zeigten nie jenes meteorartige Aufleuchten , das uns oft den geistreichen Menschen verrät , selbst wenn er noch kein Wort gesprochen hat . Dieser Mangel kann übrigens ersetzt werden durch jenen milden dauerhaften Glanz , der von einem tiefen Gemüte ausgeht , und der uns nicht hinreißt , wohl aber anzieht und fesselt . Aber auch davon verrieten die großen schönen Blauen des Herrn von Hollfeld keine Spur . Diese Beobachtung indes machten vielleicht nur sehr wenige ; denn es war nun einmal , und zwar vorzüglich am Hofe zu L. , hergebracht , in Herrn von Hollfeld einen Sonderling zu sehen , dessen meist schweigsamer Mund ein um so tieferes Innere verschließe , und am allerwenigsten würden wohl die Damen in und um Lindhof jene Ansicht unterzeichnet haben . Das bewies vor allen Frau von Lehrs sehr korpulente Tochter , indem sie sich jedesmal , als gelte es die Verkündigung eines Evangeliums , über die ängstlich zurückweichende Elisabeth hinüberbog , so oft Herr von Hollfeld den Mund aufthat . Aber auch sie schien gern ihr Licht leuchten zu lassen . » Sind Sie nicht auch entzückt von den herrlichen Predigten , mit denen uns Herr Kandidat Möhring an den heiligen Festtagen erquickt hat ? « fragte sie , sich an Elisabeth wendend . » Ich bedaure , sie nicht gehört zu haben , « entgegnete Elisabeth . » So haben Sie den Gottesdienst gar nicht besucht ? « » O ja ... ich war in Begleitung meiner Eltern in der Dorfkirche zu Lindhof . « » So , « sagte die Baronin Lessen , indem sie zum erstenmal den Kopf nach Elisabeth umwandte , wodurch diese ein äußerst höhnisches Lächeln zu sehen bekam , » und es war wohl recht erbaulich in der Dorfkirche zu Lindhof ? « » Gewiß , gnädige Frau , « entgegnete ruhig Elisabeth und sah fest in das spöttisch funkelnde Auge der Dame . » Ich war tief bewegt von den schlichten und doch so ergreifenden Worten des Predigers , der übrigens nicht in der Kirche , sondern außerhalb derselben , unter den Eichen seinen Vortrag hielt ... Als der Gottesdienst beginnen sollte , da stellte es sich heraus , daß die kleine Kirche die massenhaft herbeigeströmten Zuhörer nicht fassen könne