beiden Ohren in langen Locken weich und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab . In jedem anderen Momente würden ihre Jugend und ihre Schönheit dem Baron eine Entzückung bereitet haben ; heute bewegten sie ihn nicht , obschon er sie gewahrte . Er küßte Angelika ' s Hand und umarmte sie , aber sie mußte die Begrüßung nicht gefunden haben , wie sie dieselbe erwartet hatte , denn es legte sich ein Schatten über ihr Gesicht und ihr Auge blieb ängstlich auf den Baron gerichtet , als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfügte . Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell . Man befand sich noch in den Zeiten , in welchen Männer und Frauen es kein Hehl hatten , daß sie in die Gesellschaft gingen , um einander zu treffen und daß sie einander zu gefallen wünschten . Die Geselligkeit , die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst betrachtet , in welcher geübt und geschickt zu sein für einen Gebildeten als eine Ehrensache galt . Der Baron , als trefflicher Gesellschafter gerühmt , hatte seinen Ruf aufrecht zu erhalten und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung , in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht einbüßen mögen . Er nahm sich also zusammen , und da man für den Moment durch Ueberreizung seiner Kräfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt , so steigerte er sich allmählich zu einer Lebhaftigkeit , welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises machte . Er kam aus der Stadt , war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte viel Gutes von den Freunden zu erzählen , welche er an beiden Orten gesehen . Er konnte , weil ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes und der Diplomatie bekannt waren , genaue Auskunft über den Stand der Welthändel geben , welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht wurden , als in unsern Tagen , und was die Literatur anbelangte , an der man zu jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Antheil nahm als heute , so führte er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen außer Goethe ' s Geschwistern noch die ersten veröffentlichten Bruchstücke des Don Carlos mit sich . Er mußte vom Könige erzählen , von der Gräfin Lichtenau , deren Charakter und deren Thun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Thronbesteigung Friedrich Wilhelm ' s des Zweiten eine noch größere Wichtigkeit bekommen hatten , und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhörerinnen gegen die königliche Maitresse auch berücksichtigte und schonte , konnte er doch nicht umhin , sie als eine Frau von Geist , von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen . Hier und da verrieth ein Blick , ein Wort es den Männern , daß er noch mancherlei Besonderes zurückbehalte , was den Vertrautesten mitzutheilen sich wohl eine gute Stunde finden lassen werde , und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen , ließ der Baron sich gefällig herbei , bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren , bis er selbst sich fortgehoben hatte über seinen verstörten Sinn . Er hatte die Gesellschaft für sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert , wie viel Herrschaft er über sich habe und über welche Mittel er gebiete , sich die Neigung und Bewunderung der Menschen zu gewinnen ; das genügte ihm für den Augenblick und half ihm vorwärts . Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen , nur Comtesse Angelika blieb ernst und schweigsam . Das fiel dem Baron auf , und , besorgt und ein wenig empfindlich zugleich , fragte er sie : Fehlt Ihnen etwas , meine Beste , oder was ist geschehen , das Lächeln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen ? Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen , und mit leiser Klage sagte sie : Sie erzählen so viel Schönes , aber Sie sagen mir Nichts ! Der Scharfblick des jungen Mädchens erschreckte , der Vorwurf traf ihn , indeß schnell gefaßt neigte er sich zu ihr und sprach flüsternd : Wollen Sie , daß ich hier inmitten der Familie und der Gäste die Selbstbeherrschung verliere , die mir Ihnen gegenüber , Süßeste , zu behaupten so schwer wird , daß ich , um Herr über mich zu bleiben , mich mit Plaudern beschwichtigen muß ? Was soll ich Ihnen sagen , das Sie nicht wüßten , meine holde Braut ? Sie lächelte und erröthete , ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt zu werden . Sagen Sie mir , daß Sie sich freuen , bei mir zu sein , daß ich Ihnen gefalle ! bat sie mit einem Tone , der scherzend sein sollte , der aber ihre Besorgniß nicht verbergen konnte . Angelika , rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an , vor dem sie erglühend die Augen senkte , bestes , theuerstes Mädchen , was ficht Sie an , wie kommt Ihnen dieser Zweifel ? Ich begreife Sie nicht ! Sie lächelte verwirrt , sie schalt sich selbst ein verwöhntes Kind , sie bat ihren Verlobten , ihr zu verzeihen , und reichte ihm die Hand hin , die er zärtlich drückte ; aber er wußte jetzt , daß er sich vor Angelika zu hüten habe , und seine Stimmung ließ ihm heute nur Einen Weg , auf dem er sich behaupten konnte . Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurückhaltung behandelt , welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind . Jetzt , da er im Innersten erschüttert und bedrängt , keiner freien Empfindung mächtig , seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah , jetzt mußte der Schein der Leidenschaft und des Verlangens ersetzen , was Angelika an ihm vermißte , und es fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht