Sorge war vielleicht noch schwerer , weil ihr Begriff von dem Verlangen ihres Kindes mangelhaft und unzureichend war . Lange betrachtete sie den schlafenden Hans , bis der Mond am Himmelsgewölbe weiterglitt und der Strahl von dem Bette verschwand und sich langsam gegen das Fenster zurückzog . Als endlich vollkommene Dunkelheit die Kammer füllte , seufzte sie tief und flüsterte : » Sein Vater hat ' s gewollt , und es soll niemand gegen seines Vaters Willen sich setzen . Der liebe Gott wird mir armem , dummem Weib schon helfen , daß das Rechte daraus wird . Sein Vater hat ' s gewollt , und das Kind soll seinen Willen haben nach seines Vaters Willen . « Sie erhob sich leise von ihrem Lager und schlich , um den schlafenden Knaben nicht zu erwecken , auf bloßen Füßen aus der Kammer . In der Stube zündete sie die Lampe an . Auf den Arbeitsstuhl ihres Mannes setzte sie sich noch einige Augenblicke nieder und wischte die Tränen aus den Augen : dann aber trug sie das Licht zu jener Lade im Winkel , von der wir schon vorhin erzählt haben , kniete davor nieder und öffnete das altertümliche Schloß , welches dem Schlüssel so lange als möglich den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzte . Als der schwere Deckel zurückgelegt war , erfüllte ein Duft von frischer Wäsche und getrockneten Kräutern - Rosmarin und Lavendel - das Zimmer . Diese Lade enthielt alles , was die Frau Christine Köstliches und Wertvolles besaß , und sorgsam nahm sie sich in acht , daß keine Träne dazwischenfalle , Sorgsam legte sie die bunten und weißen Tücher zurück , jede Falte sogleich wieder glättend , vorsichtig stellte sie die Schächtelchen mit alten armseligen Spielereien , zerbrochenen , wohlfeilen Schmucksachen , vereinzelten Bernsteinperlen , Armbändern von farbigen Glasperlen und dergleichen Schätzen der Armen und der Kinder zur Seite , bis sie fast auf dem Grunde des Koffers zu dem kam , was sie in der Stille der Nacht suchte . Mit scheuer Hand holte sie erst ein Kästchen mit einem Glasdeckel hervor ; ihr Haupt senkte sich tiefer , als sie es öffnete . Es enthielt des Liederbuch des Meisters Anton , und auf demselben lag ein vertrockneter Myrtenkranz . Wie ferne Glocken , wie Orgelklang durchzitterte es die Nacht und die Seele der knienden Frau ; nicht klarer und deutlicher sah die Base Schlotterbeck die Toten lebendig , als die Frau Christine sie in diesem Augenblick sah . Sie faltete über dem offenen Kästchen die Hände , und leise bewegten sich ihre Lippen . Es fiel ihr zwar weiter kein Gebet ein als das Vaterunser , aber es genügte . Ein zweites Kästchen stand neben dem ersten , ein altes Ding von Eichenholz , eisenbeschlagen , mit festem Schloß , eine künstliche Arbeit aus dem siebenzehnten Jahrhundert , welche schon seit Generationen im Besitz der Unwirrsche gewesen war . Diesen Kasten trug die Frau Christine zum Tisch , und ehe sie ihn öffnete , legte sie erst in der Lade alles wieder sorgsam an seinen Platz ; sie liebte die Ordnung in allen Stücken und übereilte selbst auch jetzt nichts . Hellen Glanz gaben die kleine Lampe und die schwebende Glaskugel , aber das altersschwarze Kästchen auf dem Tische überstrahlte sie doch , sein Inhalt sprach lauter von der Köstlichkeit der Elternliebe , als wenn ihr Preis unter dem Schall von tausend Trompeten auf allen Märkten der Welt verkündet worden wäre . Das Schloß sprang auf , und der Deckel schlug zurück : Geld enthielt der Kasten ! - Viel , viel Geld - silberne Münzen von aller Art und sogar ein Goldstück , eingewickelt in Seidenpapier . Reiche Leute hätten mit Recht über den Schatz lächeln können , aber wenn sie jeden Taler und Gulden nach dem wahren Wert hätten bezahlen sollen , so würde vielleicht all ihr Reichtum nicht genügt haben , den Inhalt des schwarzen Kastens auszukaufen . Mit Schweiß und Hunger war jede Münze gewonnen worden , und tausend edle Gedanken und schöne Träume hingen daran . Tausend Hoffnungen lagen in dem dunklen Kästchen , sein edelstes Selbst hatte der Meister Anton darin verborgen , und all ihre Liebe und Treue hatte Christine Unwirrsch hinzugelegt . Wer sah das dem ärmlichen Häuflein abgegriffener Geldstücke an ? Ein kleines Buch , bestehend aus wenigen zusammengehefteten Bogen grauen Konzeptpapiers , lag neben dem Geld ; des Vaters Hand hatte die ersten Seiten mit Buchstaben und Zahlen gefüllt , dann aber hatte der Tod den Schlußstrich unter des wackeren Meisters Anton Rechnung gezogen , und nun hatte bereits durch lange Jahre die Mutter Buch gehalten auf Treu und Glauben ohne Buchstaben und Ziffern , und die Rechnung stimmte immer noch . Wie oft hatte sich die Frau Christine Unwirrsch hungrig zu Bett gelegt , wie oft hatte sie allen möglichen Mangel erduldet , ohne der Versuchung , die Hand nach dem schwarzen Kästchen auszustrecken , zu unterliegen ! In jeder Gestalt war die Not an sie herangetreten in ihrer kümmerlichen Witwenschaft , aber heldenhaft hatte sie Widerstand geleistet . Auch ohne Schriftzeichen und Zahlenzeichen konnte sie in jedem Augenblick Rechenschaft ablegen : - sie trug keine Schuld , wenn aus dem schwarzen Kästchen nicht die glückliche , ehrenvolle Zukunft , die der Tote für seinen Sohn erträumt hatte , emporstieg . Länger als eine Stunde saß die Frau Christine in dieser Nacht vor dem Tisch , zählte an den Fingern und rechnete , während drüben im Hinterstübchen des Trödlerhauses ebenfalls ein Mann rechnend und zählend saß . Auch Samuel Freudenstein wachte für seinen schlafenden Knaben . Manche Rolle mit Goldstücken , manche Rolle mit Silberstücken lag vor ihm : er hatte mehr in die Waagschale des Glückes seines Kindes zu werfen als die arme Witwe . » Ich will ihn wappnen mit allem , was eine Waffe ist ! « murmelte er . » Sie sollen ihn finden gerüstet auf allen Seiten , und er soll ihrer spotten . Ein großer Mann soll er