, schwarze Gestalt , stocksteif aufgerichtet , langsam und unhörbar durch die Nebeldämmerung grad auf die Holzleserin zugeschritten . Diese unheimliche Gestalt , dieses Gespenst war die Gouvernante , welche auf dem Poppenhofe angekommen war , um dem gnädigen Fräulein den Ton und die Wissenschaft der schönen Welt beizubringen . Mademoiselle Amalie Schnubbes Blütenzeit war noch in die Blütenzeit der Sentimentalität gefallen ; aber diese Epoche lag weit zurück und - sauer gewordene Mandelmilch ist ein sehr unangenehmes Getränk ! Mademoiselle Schnubbe nahm ihre Aufgabe sehr ernst , und ihre kalte knöcherne Hand zerknickte erbarmungslos die wenigen Blumen , mit welchen die arme Juliane ihr einsames verlassenes Kinderleben schmücken konnte , eine nach der andern , würdevoll , methodisch und vornehm . Freilich versuchte das Mädchen anfangs gegen die Lehren und Pflichten des bon ton sich aufzulehnen ; aber ihre Kräfte erlahmten fürs erste bald , wenn das Joch auch kein dauerndes sein konnte . In dem Eishauch , mit welchem die winterliche Amalie ihre Schülerin umgab , versank das Frühlingsleben , welches die Natur in dieses junge Wesen gelegt hatte , in eine Art Winterschlaf . Die schreckliche Amalie besaß das Talent , unpassende Verhältnisse auszuspüren und zu Ende zu bringen , in einem erstaunlichen Grade . Sie spürte auch das Waldmärchen aus , welches zwischen Heinrich , Fritz und Juliane gespielt hatte , und verfehlte nicht , pflichtgemäß den gestrengen Papa davon in Kenntnis zu setzen . In einen wahren Wutanfall gerieten die beiden Poppen , Vater und Sohn , darüber ; die Heftigkeit des Zornes übertraf jede Schilderung , welche davon gemacht werden könnte . Zum Glück für Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger marschierten um diese Zeit die Franzosen in Deutschland ein , und das Heilige Römische Reich , in welchem schon so lange der Schwamm gesessen hatte , stürzte mit Gekrach zusammen vor dem Fußtritt des fremden Eroberers . In dem Wirrwarr , dem Kopfunter-Kopfüber , welches die Folge der Schlacht bei Jena war , konnten sich Heinrich und Fritz leichter aus dem Staube machen und der kleinherrlichen Willkür und Roheit sich entziehen , als es bei ruhigeren Zeitläuften möglich gewesen wäre . Sie nahmen kläglichen Abschied von ihren Müttern und gingen davon mit den winzigsten Bündeln , die sich vorstellen lassen . Die beiden Mütter hatten noch viel zu dulden , bis sich der Himmel ihrer erbarmte und sie beide am Hungertyphus der deutschen Kriegs- und Lehrjahre zu sich nahm . Sie wurden auf Kosten der Gemeinde , wie es ihnen zukam , im Winkel begraben , und als nach Jahren ihre Söhne die Gräber suchten , wußte niemand mehr ihre Stelle anzugeben . Es fand auch eine letzte Zusammenkunft zwischen Juliane und Heinrich Ulex statt , und das Fräulein von Poppen gab dem Jugendgespielen zum Gedenkzeichen an die glücklichste Zeit ihres Lebens ein Medaillon , in welchem sich Haare ihrer seligen Mutter und eine kleine Locke von der eigenen Schläfe befanden . Als die drei wieder zusammentrafen , wie war da alles anders geworden in der Welt , wie war so manche Schwungfeder im Flügel der Seele geknickt ; wie waren ihre Seelen matt vom Flug über die Welt , wie waren sie bedeckt mit dem Staub aus den Gassen und von den Märkten des Lebens ! Der November des blutigen Jahres 1806 fand Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger , ohne Kenntnis der Welt , ohne Hülfsmittel , ohne Zweck , freudlos und verlassen auf der Heerstraße , welche von fremden Truppenzügen , Zügen von Gefangenen , Marodeurs und abenteuerndem Gesindel wimmelte . Die Fährlichkeiten waren groß ; aber noch größer war doch das Glück der Jünglinge . Ein dunkler Trieb zog sie der Hauptstadt zu , und nach mancherlei Schicksalen langten sie vor den Toren an in einer Equipage des Kaisers Napoleon , nämlich auf einem Bagagewagen der Großen Armee . Eine Zeitlang bettelten und arbeiteten sie nach Gelegenheit , grade so heimatlos wie das ganze deutsche Volk , in den Gassen ; dann liefen sie einem Mann vor die Füße , welcher fast noch übler daran war als sie . Dieser Mann war ein untergeordneter Beamter der Polizei , namens Meiners , welchen der Sturm der Zeit von seinem ziemlich bequemen Sitz im Staatsorganismus Friedrichs des Großen heruntergehoben und unsanft auf den harten nackten Erdboden niedergesetzt hatte . Der Sekretarius hatte mit weinenden Augen den roten Kragen von dem preußischblauen Frack trennen müssen ; erst hatte er die Berlocken von der Uhr verkauft und dann die Uhr selbst . Ein wohlbehäbiges Bäuchlein , welches er vor der Katastrophe von Jena besaß , schaffte er gleichfalls allmählich ab ; seine Frau war kränklich , und sein einziger Sohn hatte vorläufig die gelehrten Bücher in den Winkel geworfen und die Philologie an den Nagel gehängt , um seine Eltern kräftiger unterstützen zu können . Meiners , der Exbeamte , arbeitete in dem Büro eines Advokaten , und in demselben Büro fand Fritz Fiebiger eine Stelle als Ausläufer . Rudolf Meiners hatte eine Stelle bei einem Buchhändler angenommen und ebendaselbst einen Platz für Heinrich Ulex ausgemacht . Nichts führt die Menschen mehr zusammen , als wenn sie in ihnen ungewohnte Zustände geworfen werden , nichts versteht das Gleichmachen besser als dira necessitas , die harte Notwendigkeit . Um seinem Berufe nicht ganz untreu zu werden , unterrichtete der frühere Philologe Rudolf die beiden Jünglinge Fritz und Heinrich . Aber nicht bloß Latein trieben die jungen Männer miteinander . Während die französischen Trommeln durch die Straßen wirbelten , saßen sie und forschten , wie es gekommen sei , daß diese fremden Trommeln so laut werden durften im Vaterlande . Der bleiche schwächliche Rudolf war ein begeisterter Lehrer , wenn er vom Auf-und Untergang der Völker , ihren großen Helden , Weisen , Dichtern und Verbrechern redete ; er hatte aber auch begeisterte Zuhörer , und vorzüglich der stille Heinrich Ulex trat ihm immer näher . So gingen die schweren Jahre hin , immer stolzer , höhnischer wirbelten die fremden Trommeln , immer eifriger dachten die drei