erwies sich als unerschöpfliches Thema . Die Pastorin war selbst eine Grünwalderin , eine der vielen Töchter des dort vor mehreren Jahren verstorbenen Superintendenten Gabriel Dunkelmann , der gerade noch lange genug lebte , seinem Schwiegersohn die einträgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete . Oswald machte im Stillen die Bemerkung , daß die Frau Doctor - denn der Pastor hatte sich die academische Würde durch eine grundgelehrte Dissertation über die möglicherweise vorhanden gewesenen Schriften eines bis auf den Namen verschollenen Kirchenvaters erworben - schon damals durch Jugendreiz sich nicht ausgezeichnet haben könne und wunderte sich auch nun nicht länger darüber , daß der Tisch so klein und das Haus so still war . Die Frau Doctor kannte den Professor Berger , sie kannte mehrere Familien , in denen Oswald eingeführt war . Das gab denn überreichen Stoff zu dem landesüblichen Familienklatsch , bei welchem einige Damen , die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu nahe getreten sein mochten , erfahren konnten , welche zweischneidige Waffe die Zunge einer Landpastorin unter Umständen ist . Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen , und der Pastor hatte , nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit eine zweite Flasche entkorkt , die Pastorin aber den Tisch verlassen , um anzuordnen , daß der Kaffee heute in der Gartenlaube servirt werde . Der Pastor hatte sich eine Cigarre angezündet , einen Knopf an seiner schwarzen Weste aufgemacht , augenscheinlich nur in der Absicht , sich in der Illusion , ein sybaritisches Mahl eingenommen zu haben , zu bestärken - denn die Weste saß schon schlotterig genug auf seinem hagern Leibe . Er forderte Oswald auf , mit ihm auf das Wohl der hochmögenden Familie , in welcher er sich zu befinden das Glück habe , anzustoßen , eine Höflichkeit , die Oswald mit einem Toast auf die liebenswürdige , ebenso gelehrte , wie bescheidene Wirthin erwiderte . Danke , danke , lieber junger Freund , sagte der geschmeichelte Pastor , Oswald ' s Hand zu wiederholten Malen drückend . Ja , Sie haben recht , eine gelehrte , bescheidene Frau ! Haben Sie ihr angemerkt , daß sie mit mehr als einer literarischen Größe im lebhaftesten Briefwechsel steht , ja , unter dem Pseudonym Primula eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der Novellen-Zeitung ist ? Unmöglich ! rief Oswald . Ich versichere Sie , lieber Freund ; und Sie können nicht glauben , welche Freude es mir gewährt , wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese : Faschwitz und P.V. , Primula Veris , Gustava ' s Chiffre : Tausend Dank für Ihre liebenswürdige Sendung , oder : Sie haben uns durch Ihr reizendes Gedicht hoch erfreut , es wird schon in der nächsten Nummer zum Abdruck kommen x. Ich kann es mir denken , sagte Oswald zerstreut . Aber wollen wir nicht der liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen ? Festina lente ! rief der Pfarrer , dem der Wein schon zu Kopfe stieg . Wir kommen so jung nicht wieder zusammen . Ein gutes Glas Wein ist ein gutes geselliges Ding , und Gustava ist zu liberal gesinnt , uns die Freuden des Mahles zu verkürzen . Aller guten Dinge sind drei , lassen Sie uns noch eine Flasche - Aber Jäger , der Kaffee wird ja kalt ! tönte die scharfe Stimme der Primula Veris aus dem Garten durch das offene Fenster . Wir kommen , wir kommen , Gustchen ! rief der gehorsame Gatte . Gesegnete Mahlzeit , mein lieber junger Freund ! ( bei diesen Worten umarmte er Oswald ) ; mein theurer Freund ! ( abermalige Umarmung ) - Aber wir vergessen , daß der Kaffee auf uns wartet , rief Oswald , mit Mühe einer dritten Umarmung entgehend , und den Weg nach dem Garten einschlagend , während der Pastor , ehe er seinem Gaste folgte , noch schnell den letzten Rest aus der Flasche in sein Glas schenkte und dasselbe eiligst ( diesmal wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl ) austrank . Der Garten gewährte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten Aufenthalt , denn die Anlagen waren noch sehr ung ; die Bäumchen meist erst in Manneshöhe , und in Folge dessen das Ganze eine schattenlose , prosaische , nüchterne Stätte , die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte , auch insofern , als hier wie dort das Nützlichkeitsprincip das oberste zu sein schien . Die Gemüsebeete waren sorgsam gepflegt , Blumen aber sah man wenig , nur einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Erscheinung der Primula Veris und durch ihre Eigenschaft , sich der Sonne zuzuwenden , aus welchem Theile des Himmels sie auch strahlen mochte , an die Lebensphilosophie ihres ausgezeichneten Gatten . In der Laube , die glücklicherweise , von Jasmin dicht bedeckt , gegen die Sonne , welche jetzt heiß genug brannte , einen erträglichen Schutz gewährte , fanden sie die Frau Pastorin . Sie hatte neben sich auf der Bank ein Arbeitskörbchen stehen , in welchem zwischen bunten Läppchen , Docken Seide und andern Dingen ein zierliches Büchelchen lag , dessen Vorhandensein Oswald einigermaßen beunruhigte . Weh ' dir , dachte er , wenn dieses Buch eine Sammlung von Primula ' s in der Novellen-Zeitung und sonst erschienenen Gedichten ist ! Er suchte den Pastor bei den Gemüsebeeten festzuhalten ; er mußte sich mit eigenen Augen überzeugen , wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an den Bienenkörben denn eigentlich beschaffen sei ; er sprach endlich von der Nothwendigkeit , sich baldigst verabschieden zu müssen - kurz , er that , was ein Mann in seiner kritischen Lage thun kann - vergebens ! Wir sollen Sie fortlassen , bei der Hitze ! rief Primula und ließ ihre Hand ( von Oswald nicht unbemerkt ) auf das Arbeitskörbchen gleiten . Wir sitzen hier zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel , aber doch im Schatten ; und den wollten Sie vertauschen mit der Gluth und dem Staub der Landstraße ? Unmöglich !