, einem Vorwerk seines Vaters , alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze , dem Düsternbrook hinter Neuhof , geschnitzt , alte Waffen aus einer uralten Schmiede hervorgegangen , die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses beschlug . Nur in einem wich er von dem Urtheil seines Vaters ab . Er las den Tacitus ziemlich geläufig und hatte die besondere Ueberzeugung , daß der Tempel der Tanfana , wo die alten Deutschen angebetet haben sollten , nicht etwa die große Dämpfpfanne der Saline Hallenstein seines Vaters war , wie dieser selbst und alle Pastoren der Umgegend glaubten , sondern nur eine Tannenfahne , nämlich der alte deutsche , weiland heidnische , dann so gründlich getaufte , bekehrte und christlich gewordene liebe Weihnachtsbaum , den in der That Lucinde mit bunten Bändern geschmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schützenfeste als Fähnrich tragen mußte . Da auch in diesem Weihnachtsbaume , Tanfana , Tannenfahne , dem Palladium der alten Deutschen , goldene Ringe , Ketten , Schaumünzen hingen , die die Siegerinnen im Schießen gewinnen sollten , so ließ man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem überwiegend protestantischen Eibendorf ( katholische Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt ) gefallen . Es waren Geschenke von dem sogenannten » tollen Kammerherrn « . Auf die Länge mußte freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das längere Verweilen Lucindens beunruhigen . Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof , dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges , wiederholt seine Bedenken mitgetheilt . Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vortheilhafte für den Kammerherrn war , so befahl der Vater , an diesem Erziehungsplane , den der Zufall an die Hand gegeben , vorläufig nichts zu ändern . Seine Briefe waren kurz und bestimmt , wie die Art des Mannes überhaupt sein sollte . So duldete man das , was nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen . Denn weder die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken , seine einsamen Wanderungen mit der Fremden , seine Ausbrüche von Eifersucht , noch Lucindens mehr zum Zerstören als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen ... Schon fing sie an , als es zum Winter ging , sich an dieser sich gleichbleibenden Lage nicht zu genügen : selbst der Bann einer solchen Huldigung , wie sie sie hier , allerdings ohne die geringste intimere Belästigung fand , wurde ihr zu enge , der Gang der Tage wurde zu gleichförmig , die Welt , in der man hier seine Befriedigung gefunden hatte , brachte selten eine andere Unterhaltung als eine Thorheit des Kammerherrn mehr . Die Menschen , die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hätte , hielten sich in scheuer Ferne , selbst Graf Zeesen , der alle zwei Monate einmal von seinen nahe liegenden Gütern kam , um einige Stunden lang die sonderbarsten Gespräche mit dem Kammerherrn zu pflegen . Wäre Graf Zeesen nicht ausgesprochen katholisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn wegen mit großer Zurückhaltung behandelt worden , die Familie hätte vielleicht auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt . Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeußerungen des Kammerherrn zu Lucinden , die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr ( nur nie etwas über die Frau » Hauptmännin « von Buschbeck oder das Fräulein von Gülpen , eine Persönlichkeit , die er nicht zu kennen behauptete ) , sein zweitbester Freund . Der erstbeste hieß Doctor Heinrich Klingsohr . Doch fügte er regelmäßig mit einem Kreuze , das er dabei in die Luft malte , hinzu : Klingsohr ist mein bester Freund , aber er hat mich verrathen ! Vom Grafen Zeesen , mit dem er studirt hatte und in Rom gewesen war , ließ er eine aufrichtige Hingebung gelten , beklagte aber ein unglückseliges Geschick desselben , das er nie genauer angab . Die Pfarrerin verrieth es eines Tages Lucinden , indem sie erzählte : Der Graf hat sich mit einem Freifräulein von Seefelden verlobt , leidet aber darüber an Gewissensscrupeln , seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung gebracht hat . Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn seines Hauses die Bestimmung gemacht , daß , wenn ein ältester Sohn der Nachkommenschaft sich entschließen sollte , nicht zu heirathen , die von ihm und seiner später geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeesen dazu angewendet werden sollten , ein großes Landes-Irrenhaus zu begründen . Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen . Erst dieser Hans von Zeesen , der viel Frömmigkeit besitzt , wurde über jene nun hundertjährige Unterlassung eines guten Werkes stutzig , und sonderbarerweise ist seine Braut , die ihn ebenso heiß liebt wie er sie , von gleicher Seelenstimmung . Ich zweifle gar nicht , daß der Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht , um sich in dem heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestärken . Lucinde horchte hoch auf . Hier kamen Ideen , die sie an sich vollkommen verstand , in eine Verbindung oder in Conflicte , die sie noch nicht fassen konnte . Doch hörte sie aufmerksamer zu , wenn der kleine blasse , schmächtige Mann , der Graf , in schlichter , fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem Kammerherrn unterhielt . Nie hatte sie so viel von Gedanken , Meinungen , ideellen Beziehungen gehört wie in den Gesprächen eines Halbirren mit einem Manne , der so fromm war , daß er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu leiden schien . Wie eigenthümlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast überall ausgegangen wird , erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten , unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters , den dieser nie zurückbekommen hatte ; die Hauptmännin hatte ihn , scheinbar zu Gunsten Lucindens , an einen Trödler verkauft . Sie besuchte nämlich aus alter Neigung oft die Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise . Beim Schulmeister fand sie ein geregelteres Hauswesen