Es war ihm sehr übel zumute . Der Zorn über das feige Benehmen seiner Schwester hatte sich in eine seltsame Bangigkeit verwandelt . Er fühlte sich ganz im Stich gelassen und begann zu ahnen , daß ihm das Leben noch harte Nüsse zu knacken geben werde . Daß die Menschen nicht seien , wie sie sein sollten , das war ihm klar geworden ; wie er aber selbst unter solchen Umständen eigentlich sein sollte , das wußte er so wenig , daß es ihm nicht einmal einfiel , auch nur die Frage an sich zu stellen . Mitleid , Angst , Empörung wechselten auf die wunderlichste Weise in ihm ab , und das Heimweh nach der sichern Umfriedigung des Zuchthauses kehrte ihm aber und abermals zurück . Er hatte es mit angesehen , wie neben den Verbrechern auch arme Waisen zu nicht schimpflicher Arbeit in dasselbe aufgenommen wurden , und ihr Los wollte ihn wie ein neidenswertes Glück bedünken . Aber mitten unter diesen verschiedenen Regungen fand er noch Raum genug in seinem Herzen , um mit vielem Behagen an das hübsche Mädchen zu denken , das ihn heute auf der Straße gegrüßt hatte . 4 Der Jüngling , dessen groben , verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen unternommen haben , war , als er die väterliche Schwelle wieder betrat , über eine jener unsichtbaren Grenzen geschritten , welche sich durch die Gesellschaft und durch den einzelnen Menschen selbst hindurchziehen . Er empfand vor seinem Vater , wo nicht Achtung , denn zu dieser gehört ein ausgebildeteres Bewußtsein , so doch eine unbestimmte Scheu , ja sogar unter rauher Decke einen Rest kindlicher Zuneigung ; und dennoch sagte ihm ein unbestechliches Gefühl , daß er durch den bloßen Rücktritt aus dem Kreise des Waisenpfarrers in den Kreis des Sonnenwirtshauses um eine Stufe gefallen sei . Das Leben war hier ein ganz anderes und wies mit seinen alltäglichen und doch gebieterischen Zwecken so manche Forderung der reifenden Seele zurück , welche dort , obwohl unter dem einförmigen Frondienst des Wollekrämpelns , von einem Geiste , den seine Zeitgenossen apostolisch nannten , geweckt worden war ; aber die fortgesetzte Berührung mit dem Alltagsleben mußte auch zugleich die Wirkung haben , daß dieses Gefühl allmählich wieder in ihm abgestumpft wurde . Sein blutiges Handwerk , wie es das unendliche Weh , das aus den stummen Augen der Tiere jammert , zum Schweigen brachte , so schlug es auch die verwandte Stimme in der Menschenbrust nieder . Daneben waren die Gäste , mit denen er täglich in der Wirtsstube zu tun hatte , gewiß lauter » ehrliche Leute « , aber wahrhaftig keine Tugendspiegel , und er hatte nur zu viele Gelegenheit , die mehr oder minder klare Betrachtung anzustellen , daß Achtbarkeit und guter Ruf in dieser Welt sehr oft weniger von einem streng ehrlichen und sittlichen Wesen , als von Klugheit und zufälligen Umständen abhängen . Je minder klar aber diese Betrachtung in ihm aufstieg , desto gefährlicher war sie ihm . Überhaupt wußte sein Kopf nichts von Nachdenken , sondern nur von raschen Eindrücken , die sich unter lärmenden Zechgenossen und auf dem Tanzboden entweder befestigten oder ebenso rasch wieder verdampften . Dieses Bedürfnis , eine immer rege mißbehagliche Unruhe zu verjubeln , söhnte ihn auch wieder mit seiner Schwester aus , bald nachdem sie dem aufgedrungenen Bräutigam angetraut worden war . Denn da sie von ihrem Manne ziemlich leidlich behandelt wurde , so hatte sie dann und wann den Trost , dem geliebten Bruder einen auf die Seite gebrachten Groschen zustecken zu können , und Friedrich , den der Vater sehr kurz zu halten für gut befand , verschmähte die klingenden Beweise der Schwesterliebe nicht . Während er auf diese Weise teils gleichgültig , teils in dumpfer Lustigkeit dahinlebte , kehrten auch seine äußeren Umstände ganz in das gewöhnliche Geleise zurück . Zu Hause ging er unangefochten aus und ein und stand mit der Stiefmutter in jenem mürrischen Verkehr , wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt . Auch in der Gemeinde wär er geduldet ; niemand zeigte sich ihm widerwärtig , mancher blickte ihn freundlich an , und des Makels , der auf ihm haftete , schien nicht gedacht zu werden . Ihm selbst war nicht wohl und nicht wehe ; mit dem Zuchthause hatte er auch den Waisenpfarrer vergessen . Ein strenges Gesicht machte ihm niemand mehr als der Amtmann . Aber dies hatte wenig zu sagen , denn der Amtmann galt persönlich nicht sehr viel bei der Gemeinde und zu Hause gar nichts ; auch nahm der im Grunde gutmütige und schwache Mann eigentlich nur deshalb eine Amtsmiene gegen ihn an , weil er ihn einmal in Untersuchung gehabt hatte und ihn nun , wo nicht mit Worten und Werken , so doch mit Gebärden polizeilich überwachen zu müssen glaubte . Dagegen war er bei der Frau Amtmännin sehr gut angeschrieben , und zwar zu seiner eigenen Verwunderung besser , als er es verdiente , denn er hatte sich schon manche boshafte Bemerkung über ihr Pantoffelregiment erlaubt . Vielleicht wär ihr nichts davon zu Ohren gekommen ; genug , die stolze , kräftige Frau empfand eine gewisse Teilnahme für den jungen Burschen , der schon so früh über die Schranken der bürgerlichen Ordnung gesprungen war . Es schien ihr nicht unangenehm zu sein , wenn sie ihren Fleischbedarf von ihm ins Haus getragen bekam , und der alte Sonnenwirt , der keine Art von Gnadenschimmer aus den Augen ließ , sorgte alsbald dafür , seinem Sohne dieses Ehrenrecht auf dem Wege des Herkommens zu überweisen . Die gestrenge Frau pflegte ihn dabei sehr huldvoll zu behandeln , sie reichte ihm manchmal ein Glas Wein , ermahnte ihn zu vernünftiger Aufführung , ergötzte sich aber besonders gerne an seinen eigentümlichen freimütigen Äußerungen . An solchen ließ es Friedrich selten mangeln ; denn wenn er einmal seine Schüchternheit gegen Vornehmere überwunden hatte , so tat er seiner Zunge , zumal wenn aufgemuntert , keine Gewalt mehr an . Die Gunst