paar Stunden Zeit , und habe also gar keine dazu übrig , langweilige und abgeschmackte Moralpredigten anzuhören . « Und indem sie dies sagte , entfernte sich Aurelie trallernd und tänzelnd . » Pauline , « sagte Elisabeth , » ich muß Thalheim noch ein Mal sehen - noch ein Mal wenigstens ! - Laß die kleine Christiane herkommen , wir können uns von ihr ja Blumen bringen lassen - sie muß dann für uns erfahren , wann Thalheim , und auf welcher Straße er abreis ' t - das Weitere wird sich finden . « Ein paar Tage waren vergangen - der Morgen von Thalheims Abreise war angebrochen . Es war noch sehr früh . Amalie hatte ihm zum letzten Mal das Frühstück bereitet , sie war ihm freundlich behilflich , wie er sich reisefertig machte , aber sie sprachen Wenig zusammen . Die kleine Anna schlief noch sanft in ihrem kleinen Bettchen . Sie hatte sich die Wangen roth geschlafen , und ihr rechtes Händchen ruhte auf ihren goldnen Locken - so glich sie einer rosigen frischen Apfelblüthe mit goldenen Fäden . Der Vater neigte sich auf das Bettchen , ganz verloren in den holden Anblick des theuern , einzigen Lieblings - eine Thräne fiel aus des Vaters Augen . Ach diese Thräne ! Wie viel Sorgen und Schmerzen lagen nicht darin , wie viel bange Fragen an das Schicksal ohne Antwort , wie viel stumme Gebete gen Himmel . Er zog seine Hand an die andere Seite des Bettchens , er reichte ihr über dasselbe hinweg seine Hand . » Das ist eine heilige Stelle , an der wir stehen , « sagte er , » ich kenne keine heiligere . Ich verlasse Dich , weil wir jetzt nicht ohne Selbstvorwürfe , Heuchelei oder Bitterkeit und Kummer neben einander zu leben vermögen - wir werden so eher wieder Frieden finden , und vielleicht kommt noch ein Tag , der uns wieder durch Vereinigung glücklich macht . - Aber unsere Anna ! Von ihr scheide ich mit schwerem Herzen . Du mußt ihr nun Beides sein - Vater und Mutter zugleich . Ach Amalie - nimm mir die Liebe unsres Kindes nicht ! Laß es mein Bild rein und treu bewahren , bis ich es wieder einmal selbst an das Vaterherz drücken darf . Laß es fromm und gut werden , und störe den heitern Frieden seiner Unschuldsjahre nicht . Versprichst Du mir , Alles das wenigstens zu versuchen ? « » Ich verspreche , « sägte sie gerührt und drückte ihm die Hand . » Wenn ich Deinen Aufenthalt weiß so werde ich Dir zuweilen von Anna schreiben - und sobald sie es selbst kann , will ich sie lehren , den ersten Brief an ihren Vater zu schreiben . « » So scheide ich ruhiger , « sagte er , » aber nun muß es sein - der Wagen wartet unten . - Lebe wohl , Amalie , lebe wohl , Anna ! « Und er küßte das Kind noch ein Mal - es zuckte leise im Schlaf zusammen , aber schlief dennoch ruhig und ahnungslos fort . Thalheim eilte die Treppe hinab , und sprang in den Wagen , in welchem Graf Osten ihn auf sein Gut , wo sein Sohn des Reisebegleiters wartete , abholen ließ . Es war ihm seltsam zu Muthe , unendlich traurig und unendlich leicht zugleich - er hatte nun die Trennung hinter sich , mit all ' ihrem Weh , und ein neues Leben vor sich - aber er hatte sich auch aus alten Banden gerissen , die ihn einst beglückt hatten - und immer mußte er wieder an seine kleine Tochter denken , und wie leicht Amalie sie falsch erziehen könnte - da wurde ihm bang und traurig zu Sinn . Elisabeth hatte die Stunde von Thalheims Abreise erfahren . Sie fühlte nur , daß sie ihn noch ein Mal sehen müsse - weiter war sie sich in Nichts klar , aber dies Eine war bei ihr unumstößlichste Gewißheit geworden . Beim ersten Morgengrauen war sie aufgestanden nach einer schlaflosen Nacht . Sie hatte sich angekleidet , und war leise aus ihrem Zimmer durch den Corridor und die Treppen hinab geschlichen . Alles im Hause schlief noch , und Todtenstille herrschte . Sie weckte den schlafenden Portier : » Oeffnen Sie mir die Hausthüre ! « sagte sie ihm . Der Portier zauderte . Sie gab ihm ein großes Geldstück und sagte , auf den Nelkenstrauß deutend , den sie in ihrer Hand hielt : » Es gilt eine Ueberraschung bei einem Geburtstage , ich habe Niemand ein Geheimniß daraus gemacht , und wenn ich zurückkomme , werde ich Alles verantworten . « Geld öffnet ja so viele Thüren - warum nicht auch die einer Erziehungsanstalt ? Elisabeth durfte sie ungehindert verlassen . Die Entschiedenheit , mit der sie es als ein Recht verlangte , frappirte ihn - er dachte , um das zu wagen , müsse sie wohl wissen , daß sie es wagen dürfe - und so öffnete ihr der Portier . Sie eilte hastig durch die noch ziemlich menschenleeren Gassen dem Thore zu , durch welches Thalheim fahren würde . Es war noch nicht fünf Uhr - um diese Stunde hatte er fort gewollt - das rasche Klopsen ihres Herzens benahm ihr oft fast den Athem , ihre Pulse bewegten sich fieberhaft , stürmisch - sie hatte gar keinen klaren Gedanken , nur auf einen Punkt richtete sich ihr Geist : sie mußte ihn noch ein Mal sehen - zum letzten Mal - alles Andere lag vor ihr in Nebel gehüllt , wie die Thäler und Bäche und all ' die Fernen , über welche der Morgen erst leise aufdämmerte - nur die Berge hatte er schon mit blitzendem Sonnengold gekrönt . Sie ging ein Stück auf der Straße fort bis zu einem kleinen Rasenhügel , auf dem eine Steinbank zwischen hohen Lindengruppen angebracht war . Hierher setzte sie sich , denn von hieraus konnte