kannten , bald für kalt , bald für stolz oder gar für unbedeutend , während Diejenigen , die ihr nahe standen , an ihr die seltensten Eigenschaften des Herzens und des Geistes verehrten . Von der Mutter zur tüchtigen Haushälterin gebildet , durch Julian ' s Bequemlichkeitsliebe an höchste Sorgfalt für häusliches Wohlsein gewöhnt , war sie das Ideal einer sorgsamen und angenehmen Wirthin geworden . Man empfand in ihrem Hause , in ihrer Nähe ein körperliches Behagen , das sich ganz unmerkbar dem Geiste mittheilte , so daß Jeder sich nicht nur frei und ungehindert , sondern durch die Liebenswürdigkeit der Geschwister selbst geistig gehoben bei ihnen fühlte . Auch Julian fand die neue Lebensweise in seinem Hause sehr angenehm , und während er sonst an jedem Abend , wäre es auch nur für eine Stunde gewesen , zu Sophie zu gehen pflegte und das französische Theater nie zu besuchen versäumte , so oft diese auftrat , unterließ er jetzt bald das Eine , bald das Andere , sich bei sich selbst und bei der klagenden Geliebten mit Rücksichten für seine Gäste oder mit andern Gründen entschuldigend . Therese sah das mit großer Freude . Ihr war des Bruders Verhältniß zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch schmerzlicher Berührung gewesen , und sie hatte nie aufgehört , eine Lösung dieser Verbindung zu wünschen . Aus Widerwillen gegen Sophie hatte sie das französische Theater selten besucht , Julian sie niemals dazu zu überreden gestrebt . Er war stets allein hingegangen , so sehr er bei allen anderen Anlässen die Begleitung seiner Schwester geliebt , und hatte seinen Platz zunächst der Bühne gehabt , um ganz in Sophien ' s Nähe zu sein . Deshalb überraschte es Therese , daß Julian an einem Abend den versammelten Freunden den Vorschlag machte , ob man nicht für das Benefiz eines beliebten französischen Schauspielers am nächsten Tage eine Loge bestellen und gemeinschaftlich das Theater besuchen wolle ? Alle waren damit einverstanden und um die bestimmte Zeit fanden sie sich in der Loge zusammen . Man gab ein neues Schauspiel , in welchem auch Sophie eine Hauptrolle zu spielen hatte . Sie trat mit gewohnter Sicherheit und Anmuth auf , und Alfred , der sie noch nicht gesehen , war von dem edeln Ausdruck ihres Profils , wie von ihrer ganzen Erscheinung lebhaft angezogen . Sie stellte eine Frau dar , die von ihrem Gatten verrathen , von ihm aus blinder Eifersucht der Untreue angeklagt wird , während sie ihn leidenschaftlich liebt und in stiller Demuth die ungerechten Vorwürfe , die bittern Kränkungen erträgt , nur bemüht , dem Auge der Welt das unwürdige Betragen ihres Mannes zu verbergen , um ihn und seine Ehre nicht dem Tadel der Fremden preiszugeben . Sophien ' s erster Blick suchte den Präsidenten auf dem gewohnten Platze . Sie hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen , ihn schriftlich gebeten , mindestens im Theater zu erscheinen , und er hatte es ihr zugesagt . Nun sie ihn vermißte , schien sie unruhig zu werden , und Julian , der jede ihrer Bewegungen kannte , dem kein Ton ihrer Stimme fremd war , konnte bemerken , daß sie ihrer Aufregung kaum Herr zu bleiben vermochte , als sie ihn mit Therese und Eva in der Loge erblickte . Sie kannte Eva dem Namen nach ; das Gerücht einer möglichen Verbindung zwischen dieser und dem Präsidenten hatte ihr Ohr erreicht und war ihr ein Anlaß zu lebhafter Eifersucht geworden . In diesem Augenblick hielt sie ihr Schicksal für entschieden und , so sagte sie sich , der Treulose hatte nicht einmal die Rücksicht für sie , ihrer glücklichen Nebenbuhlerin den Anblick der Verzweiflung zu entziehen , die ihre Brust zerriß und die , das fühlte sie , aus jedem Worte widerklingen mußte , das sie aussprach . Sie war dem Erliegen nahe . Aber sie raffte sich empor und mit der edelsten Haltung spielte sie ihre Rolle weiter , die in vielen Scenen eine verhältnißmäßige Aehnlichkeit mit ihrer eignen Lage darbot . Als sie dem ungetreuen Gatten Vorwürfe machte , als sie von ihrer glühenden Liebe sprach , von der Unmöglichkeit , für einen Andern zu leben , und ihr flammendes Auge dabei zu Julian emporblickte , verließ dieser die Loge . Therese ward tief erschüttert . Sie weinte , fast kein weibliches Auge im Theater war ohne Thränen und das ganze Publikum überhäufte die beliebte Künstlerin mit einem Beifallssturm , wie ihn nur die wirkliche Bewunderung hervorzurufen vermag . Alfred war ganz entzückt von der Darstellung . Theophil lehnte sinnend in der Logenecke und schien Eva ' s Plaudern gar nicht zu bemerken , die während der rührendsten Scenen ihn bald dies , bald jenes gefragt hatte und fröhlich lachend auf die Bühne hinabsah , während Sophien ' s Klagen rührend die Seelen der Hörer durchzitterten . Wie ein Dolchstoß zuckte dies Lachen durch Sophien ' s Brust , sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen , spielte , immer leiser sprechend , weiter , sank dann ohnmächtig ihrem Mitspielenden in die Arme und die Vorstellung mußte beendet werden . Zeichen der allgemeinsten Theilnahme , des wirklichen Bedauerns wurden laut . Nie war der gefeierten Künstlerin ein ähnlicher Anfall zugestoßen . Man blieb noch in den Logen , man wollte Nachricht von ihrem Ergehen haben , die Ursache des Zufalls wissen . Therese , der ihr weibliches Gefühl die Lösung des Räthsels leicht machte , war sichtlich bewegt und wendete sich von Eva ab , die , noch immer lachend , sagte : Wenn ihr eine Vorstellung hättet , wie komisch all das Tragiren erscheint , wenn man , wie ich , nicht ein Wort Französisch versteht , ihr würdet lachen wie ich . Ich bin heute zum ersten Mal in einer französischen Vorstellung und es ist ein wahres Glück , daß der Präsident uns grade in ein Trauerspiel geführt hat , denn wäre es noch obenein ein Lustspiel gewesen , ich hätte vor Lachen sterben müssen